Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1919)
- Date
- 1919-07-25
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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Werken. Nicht der Imperialismus, die kapitalistischen Kriegshetzer sind schuld, sondern einzig und allein die jüdische Bevölkerung, und es wird ganz offen ihre Hinaustreibung aus Deutschland gefordert. Das W. T. B., Erzberger, Bethmann Hollweg sind verjudet; Wilhelm II. war Judenfreund und daher die bösen Folgen. Die Juden werden als „elendes Ungeziefer", als „Eitergeschwür", als „Völkergift" bezeichnet. Unter der Ueberschrift „Ausstoßung des Gifts" wird von der Plünderung eines jüdischen Kaufhauses in Landsberg a. d. W. berichtet, und zwar wird dazu bemerkt: „An einigen Orten scheint sich neuerdings die Wut der Massen gegen die eigentlich Schuldigen zu richten." Das ist deutlich. Ganz offen wird (in der Nummer vom 5. Juli 1919) zur Erhebung, des Heeres nusgerusen. „Es zeige sich, daß alles vergebens sei, solange man nicht die Juden hinausbringe, und daß nichts, nichts anderes so notwendig und so dringend sei, als daß man sie hinausbringe. Im übrigen bleibe es bei der Erhebung. Ohne Aber und ohne Bedenken. Die Soldatenehre entscheide. Schwerer und schwerer werde <s. Aber niemals werde ies zu spät . Selbstverständlich sind wir nicht für ein Verbot dieser Hetzschrift. Möge sie sich nur anstoben. Die Arbeiterbevölkerung ist so weit aufgeklärt, daß sie einen festen Damm gegen antisemitische Ausschreitungen bildet. Aber die Sprache des Blättchens zwingt doch zu einem Vergleich. Uns wird das Verbot angedroht, weil wir die Reichswehr — beleidigt hätten. Und dort wird offen für Hochverrat und Judenpogrome Propaganda gemacht. er. München, 18. Juli. Eine jüdische V e ge t a r ie r verein i g u n g , die hier vor kurzem unter dein Namen „D a n i e l - B u n d" begründet wurde, propagiert eifrig die Gründung kleiner jüdischer Gartenbaukolonien, deren Siedler sich von den Produkten ihrer Arbeit vegetarisch ernähren sollen. Der „Daniel-Bund" hat für feine Bestrebungen .auch die Unterstützung Zahlreicher namhafter Nichkjnden gefunden. Neuerdings hat auch der ehemalige Reichskanzler PrinzMax von Baden dem Vorsitzenden des Bundes, Hofrat Dr. Th eil Haber in München, seine Unterstützung zugesagt. Neben seiner wichtigsten Aufgabe, in jüdischen Kreisen eine vernunftgemäße Er nähr u ngsre so r nt Herbeizufuhren, fällt dem „Daniel-Bunde" auch die bedeutsame Mission zu, in den Kreisen der Vegetarier den A n t i s e m itis m u s wirksam zu bekämpfen. In den allgemeinen vegetarischen Zeitschriften war von jeher ein gewisser antisemitischer Unterton unverkennbar, der in letzter Zeit immer stärker hervorgetreten ist, und den abzuwehren, der „Daniel-Bund" am berufensten sein wird. — Hannover, 18. Juli. Tie wichtigste Frage, welche die deutsche Judenheit zurzeit bewegt, ist die Berufsumschichtung der deutschen Juden. Die Rückkehr zu Bodenkultur und Handwerk, die vor kurzem noch eine „akademische" Frage war, ist zu einem Problem von außerordentlich praktischer Bedeutung geworden. Neben den materiellen Erwägungen spricht für eine Umschichtung die bei einem großen Teil der männlichen jüdischen Jugend im Felde erwachte Sehnsucht nach der Beschäftigung mit der Scholle. Zu den Anstalten, die berufen sind, in dieser wichtigen Frage bahnbrechende Arbeit zu leisten, gehört die I s r aeliti s ch e G a r t e n b a u s ch u l e (früher I s r a e l i t i s ch e Erzi e h er n g sanstal t) in dem benachbarten Ahlem, die im Jahre 1893 durch Konsul Simon in Hannover gegründet wurde und im ersten Bierteljahrhundert ihres Bestehens bereits Hunderte jüdischer junger Leute zu Gärtnern und Handwerkern und viele junge Mädchen, zu Hausfrauen ausgebildet hat. Die Anstalt hat sie auf ihre neuen Aufgaben sehr geschickt eingestellt. Den Mittelpunkt des Instituts bildet die Gartenbau schule, denn der Gartenbau wird derjenige Teil der Bodenbearbeitung sein, der zunächst die meisten jüdischen Kräfte an sich ziehen kann. Er bietet die Möglichkeit. sich mit geringerem Kapital als in der Landwirtschaft ansässig zu machen, und kommt, da er in der Stadt ausgeübt werden kann, dem Bedürfnis nach Anschluß an eine jüdische Gemeinde entgegen. Da die Gärtnerei dem Frauenberuf in steigendem Maße Existenzaussichten bietet, wird die Gartenbauschule auch den Frauen geöffnet fein. Auf dem 100 Morgen großen Grundstück werden alle Zweige des Obst- und Gartenbaues gepflegt. Ein landwirtschaftlicher Betrieb umfaßt Viehhaltung., Kleintier- und Geflügelzucht sowie Milchwirtschaft. Zu der praktischen tritt auch eine gediegene theoretische Allsbildung. Selbstverständlich nimmt der Unterricht in 'Hefig,ton und jüdischer Geschichte den gebührenden Platz im Lehrplan der Anstalt ein. Das Erziehungsziel der Landheim-Ab¬ 3 - teilung ist die Beeinflussung der Kinder für ihren zukünftigeü Beruf. Betätigung im Schulgarten und in den Schulwerkstätten sind die besonderen Erziehnngsmittel. Eine Haushaltungsschule bildet jüdische junge Mädchen zu tüchtigen Hausfrauen * oder Hausbeawtinnen, die einen bürgerlichen rituell jüdischen Haushalt führell können, aus. Der Arbeitsplan der Anstalt beweist, daß sie in der Lage und berufen ist, die wichtige Aufgabe zu erfüllen, ein Schrittrnacher der wirtschaftlichen Neuordnung im deutschen Judentum zu werden. 2/D Karlsruhe (Baden), 18. Juli. Ter Oberrat der Israeliten erläßt an sämtliche Rabbinate und Synagogenräte folgende vom 15. Juli 1919 datierte, die Gottesdienstordnung betreffende Bekanntmachung: An sämtliche Rabbinate und Synagogenräte. Das untenstehende Gebet ist an Stelle des mit unserer Bekanntmachung vom 29. November 1918 („Berordnungsblatt" S. 43) augeordneten für jeden Sabbat bestimmt. Karls.ruhe, den 15. Juli 1919. Oberrat der Israeliten. Der Ministerialkommissär. Schl obrer. Veit. Lippmanu. — Gebet (allsabbatlich nach der Verlesung des Propljetenabschnittes vorzulragen): „Herr, dessen Reich aller Ewigkeiten Reich ist, segne, behüte und beschütze unser teures Vaterland. Richte es empor von seinem tiefen Sturze und hilf in deiner Gnade, daß es zu neuer Kraft und Blüte gelange. Laß wieder Ruhe, Arbeitsamkeit und Hossmmgsfreudigkeit bei unserem Volke einkehren, daß alle ohne Unterschied, Männer und Frauen, Söhne und Töchter, in Eintracht und edlem Wetteifer zur Mehrungdes Gemeinwohls ihre Kräfte entfalten. Sei mit der Obrigkeit, die der Wille des Volkes an die Spitze des deutschen Vaterlandes und unserer badischen Heimat gestellt hat. Erfülle sie mit Weisheit und Gerechtigkeit, daß sie stets das Rechte zum Heile aller finde und vollbringe. Segne unsere Glaubensgemeinschaft und alle ihre frommen und wohltätigen Einrichtungen. Segne diese unsere Gemeinde und würdige sie, ein wertvolles Glied der Gesamtheit zu sein. Möge sich Heil und Segen über die ganze Menschheit verbreiten und Israel glücklich sein. So sei dein 'heiliger Wille! Amen." Angsrn. P. Z. Budapest, im Juli. Der 18. Juni war auch für die noch in Budapest sich befindenden jüdischen Flüchtlinge ein Trauertag. Um 3 Uhr morgens wurden Plötzlich 300 Galizianer aus den Betten herausgeyolt und ohne Unterschied des Alters ins Schubhaus abgesührt. Unter den Verhafteten befand sich auch der Neu-Sandecer Wunderrabbi Rubin, mit Familie. Die Intervention der orthodoxen Landeskanzlei wie auch der N^ologengemeinde hatte wenig Erfolg. Die Behandlung im Schubhans war eine außergewöhnlich schlechte. Die meisten wurden gezwungen, so wie sie standen und gingen, die Stadt zu verlassen, und durften nicht einmal Essen mitnehmen. Unter den Abgeschobenen gab es auch viele organisierte Arbeiter, deren Kinder sogar in der Roten Armee dienen. Man wies auch Leute aus, die in Budapest geboren und erzogen waren, wenn sie nur nach Galizien zuständig waren. — Die Schuld für diese Verfolgungen fällt ° aus den Volkskommissar Agoston, einen betannten Antisemiten, dem es gelungen ist, diese Judenvertreibung im geheimen zu arrangieren. Mitschuldig ist auch der Polnische Konsul, der damit einverstanden war und die ungarischen Behörden sogar ausgehetzt hat. Mit schwerer Mühe gelang es, wenigstens einen Teil der Gefangenen, darunrer auch den Sandecer Rabbi, zu befreien. Jedenfalls hat man allen den Rest ihres Bargeldes abgenommen und ihnen dafür weiße Noten ein gehändigt, die in Galizien vollkommen wertlos sind. Man konnte es auch nicht durchsetzen, daß man die Flüchtlinge nicht ausgerechnet am Samstag abschieben soll. — Zugleich mit dein Begräbnis der anderen gegenrevolutionären Opfer fand auch die Bestattung der bei diesem Putsche gefallenen zwei Juden Bela Levy und Moritz Groß statt. Die Opfer wurden nach altjüdischem Ritus begraben und erhielten einen Ehrenplatz auf dem jüdischen Friedhofe. England. z. London, im Juli. Eine Delegation englischer Juden, darin', ter Stuart S a m u e >l und Lord R o k h s ch i l d, intervenierte wegen der Lage der polnischen Inden in England bei demdie Aufsicht über die Fremden führenden Komitee. Samuel erklärte, daß (aut eingelangten Informationen die polnischen Juden in Bälde durch das Polnische Komitee in Paris Anerkennung als polnische