Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1919)
- Date
- 1919-07-25
- Page
- Seite 336 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Benjamins Liebeslied. (3. Forts.) Romanvon S a m u e l Meise l s. enjamin hatte schon viel von seinem Urgroßvater gehört, sein Vater sowohl wie Onkel Ehajirn hatten ihm öfter schon erzählt, daß sein Urgroßvater „im Meere «des althebräischen Schrifttums geschwommen und viele kostbare Perlen aus seinen Untiefen hervorgcholt" hätte; aber bisher hatte es Benjamin nie vermocht, zwischen sich und dem Urgroßvater einen Kontakt herzustellen. Jossel Schlütes Lobrede schuf einen solchen Kontakt; das fühlte Benjamin, undeutlich zwar, etwa wie einen- Nadelstich im Schlafe, aber er fühlte es. Ein dunkles schmerzliches Gefühl sagte es ihm, daß auch Jossel Schlüte im Bunde mit den anderen Genossen ihn verspottet, beschimpft, womöglich ihn geschlagen hätte, wenner nicht der Urenkel seines Urgroßvaters wäre, daß er die Freundschaft Jossel Schlütes zu danken habe jenem Manne, dessen Namensträger er war. Sei es, daß seine Grabsteinkenntnisse erschöpft waren oder daß er seine Missionmit der letzten Rede erfüllt glaubte — genug, Jossel Schlüte unterließ es nunmehr, zu den weiteren Grabsteinen die notwendigen Erklärungen zu geben. Er fand es offenbar für richtiger, die Toten ruhen zu lassen und sich wiederum den» Lebenden zuzuwenden. Langsamen Schrittes wandelte er entlang die Gräberreihen, durch schmale Gänge, die kreuz und quer liefen, und unterhielt sich mit Benjamin über recht diesseitige Dinge. Wie früher die Bedeutung der hier unter der Erde Gebetteten, suchte er jetzt die Bedeutung seiner Vaterstadt ihm klar ins Bewußtsein zu bringen. Er erzählte ihm, wie schön und groß diese Stadt sei; er erzählte von der Kultusgemeinde, in der nur „Aufgeklärte", und von dem Gemeinderat, in dem neben Polen und Ruthenen auch einige Juden säßen; er erzählte vom Schloßberg und von den Festlichkeiten, die dort, bei schönem Wetter, jeden Sonntag veranstaltet würden, von der Militärkapelle des 10. Regiments, die jeden Montag und Donnerstag auf dem Ringplatz spiele, von dem großen Feilerwerk, das alljährlich auf dem Fluß abgebrannt werde, und von anderen höchst erfreulichen Dingen, die Wert und Schönheit unserer Stadt dartun sollten. Dieses interessante Gespräch,, dem Benjamin gespannt lauschte, wurde plötzlich durch ein seltsames Geräusch gestört. Hinter einem Grabstein vernahmen sie ein leises Rascheln, und als sie den Kopf wandten, gewahrten sie eine Gestalt im Grase liegend. Sie sahen ganz deutlich, wie die Gestalt behend etwas ins Gras versteckte und einen Rockzipfel, darüber warf. Als sie einige Schritte näher kamen, erkannten sie den rothaarigen Awrum. Sein feistes rotweißes Gesicht lachte ihnen in selbstherrlicher Ruhe entgegen. „Was macht ihr hier?" fragte er, als wäre es gerade an ihm, eine Frage zu stellen. „Was machst du hier?" revanchierte sich Jossel mit einer Gegenfrage. „Ich ruhe hier ein weniig aus," entgegnete Awrum. „Wir gehen hier ein wenig spazieren," sagte darauf Jossel Schlüte und schritt mit Benjamin weiter. Als sie von Awrum außer Hörweite waren, sagte Jossel Schlüte zu Benjamin: „Weißt du, was der Rothaarige hier tut? Er studiert hier, das heißt, er lernt das, was der Sohn eines Wünderrabbi nicht lernen darf. Er will ,Externist' werden. Weißt du, was das ist? Das ist ein Gymnasiast wie alle anderen Gymnasiasten und 'doch nicht wie die andern. Awrum ist ein Kletterer; wo der noch mal hinauskletterni wird, weiß kein Mensch." Drittes Kapitel. Das Haus Kalman Schlütes stand weit draußen, injenem Stadtviertel, das man „Auf dem Hügel" nannte. Es war ein weißgelb getünchtes einstöckiges Gebäude mit.-schimalen Fenstern in brauüen Rahmen und mit zinnoberrot lackiertem Blechdach. Von der Straße aus führte eine sechsstufige Holzstiege mit Geländer zu einem schmalen, etwas niedrigen, braun gefärbten Haustor. Ein wenig possierlich sah Ec Vorgarten des Hauses aus; er hätte als „Garten ohne Grün" für das bekannte Scherzsragenrspiel von dem König ohne Land eine gar launige Ergänzung abgegeben». Denn Kalman Schlütes Garten hatte kein Grün; er war nichts mehr als ein vorgeschobener, zierlich umzäuniter Strich kahler Erde, den die Insassen des Hauses einen Vorgarten nannten. Wenn Freunde und Bekannte die Behaglichkeit der Wohnräume und die ruhige Lage des Hauses rühmten, versäumten die Schlütes es nie, mit besonderem Nachdruck auch den Borgarten zu erwähnen. „Der Vorgarten unseres Hauses" — das klang schön und hob -des Hauses Ansehen. Dem Wvhnhause Kalman Schlütes schräg gegenüber stand ein altes Häuschen. Wie ein müder Alter blickte es drein mit Furchen, die die Nagearbeit des Zeitenzahnes deutlich verrieten. An der Außenseite war eine steile Holztreppe mit anschließendem vorspringendenr Geländergang, einer Galerie, die entlang die ganze Vorderseite lief und bei einer staubigen Glastür endete. In diesem Häuschen residierte der Wunderrabbi Dowber Gottesmann, der mit Hinsicht auf das Stadtviertel, in dem er zu thronen geruhte, der „Hügel-Rabbi" genannt wurde. Demzufolge nannten sich auch die Anhänger des Rabbi die „Hügel-Chassidim". Diese beiden Häuser im Stadtviertel „Auf dem Hügel" Pflegte Benjamin' öfter zu besuchen. Häufig genug, wenn, er, des weltfremden Studiums müde, den grauen Wänden des Lehrhauses entrinnen wollte, wanderte er nach diesem Stadtviertel hinaus, um bei Schlütes oder bei Rabbi Dowber seine Seele von aller Schwermut zu befreien,. Im Laufe der Zeit waren ihm diese zwei Häuser zu Stätten der Erholung und der Zerstreuung geworden«, und nicht selten pflegte er beide, sozusagen in einer Tour, zu besuchen, um beides, Erholung und Zerstreuung, gleichsam in einem Zuge zu genießen. Sein erster Besuch galt immer dem Hause Kalman? Schlütes. Hier umfing ihn eine erquickend reine Atmosphäre, die auf Geist und Gemüt befreiend wirkte; hier lachte ihm eine gesunde Natürlichkeit, jener natürliche Frohsinn entgegen, wie er ihn einst in seinem Heimatsorte, inmitten der frohgemuten Natur, miterleben durfte. Das Haus der Schlütes war für Benjamin die Stätte der Erholung. Eine Stätte der Zerstreuung fand er dagegen in dem verfallenen Häuschen des Wuniderrabbi Dowber. Freilich, grau und düster, wie die Wände im Lehrhause, war das Aeußere dieses Häuschens. Aber da drinnen war alles licht und hell, sprangen die Quellen reiner Freuden, brannten die Gluten heiliger Ekstaseni; da drinnen erbrausten die unbändigen- Freudentöne himmelhoch jauchzender gotttrunkener Seelen, sprossen Blumen voll süß berauschender Düfte, Märchen'blumen, die mit ihrer Zauberpracht die trüben Wirklichkeiten verdeckten und dem verzückten Auge das Reich des Wunders und des Wunderbaren öffneten. (Fortsetzung folgt.)