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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-07-25 · Heft 30 (25.7.1919) · p. Seite 335

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 30 (25.7.1919)
Date
1919-07-25
Page
Seite 335 (sequence 11)
Language
German
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335 vor. Daß dieser Sagenstoff in nur sehr beschränktem Maße im talmudischen Schrifttum Eingang fand, hat darin seinen Grund, daß man die sich häufenden Haggadah-Bücher unterdrückte und dem Einfluß auf die Volkserziehung zu entziehen trachtete. Man befürchtete, das Judentum könnte, nachdem der Bibelkanon festgesetzt war, durch derartige Schriften in feiner Entwicklung gehemmt werden. Nur das überlieferte lebendige Bibelwort sollte den spätesten Geschlechtern überantwortet werden. Zudem war das Volk geistig zu rege, das Dargebotene auf die Dauer kritiklos hinzunehmen und es als feststehende Tatsachen anzuerkennen. Es regten sich allerlei Zweifel und vielfache Fragen wurden aufgeworfen. Wie lassen sich die dem ursprünglichen Texte der Bibel.angefügten Tatsachen, die gar oft von diesem abwichen, ja, nicht selten ihm zuwiderliefen, begründen? Wo haben sie ihre Grundlage, und in welchem Zusammenhänge stehen sie mit den biblischen Ausführungen? Diese und ähnliche Fragen wurden laut. Diese Tatsache wurde für die wertere Gestaltung und Ausbildung der Sage von 'einschneidender Bedeutung. Es wurde die Neuschaffung der jüdischen Sage gehemmt, auch unterließ man es, Vorhandenes umzübilden. Dafür «aber war man fortan bemüht, den gesamten vorhandenen Sagenstoff möglichst dem Schriftwerke anzupassen. Auf diese Weise entstand die sogenannte „M i d r a f ch - H a g g a d a h", die sich vornehmlich zur Aufgabe stellte, den gegebenen sagenhaften Zusatz mit dem Bibeltexte, soweit dies angängig wair, in Einklang zu bringen und ihn aus der Heiligen Schrift heraus nachzuweisen. Hierdurch ward ein neuer Weg zu weiteren Ausdeutungen gebahnt, auf dem man nun zu ferneren sagenhaften Ergänzungen geführt wurde. Während diese Ergänzungen ehemals dazu dienten, Ueberliefertes näher zu erläutern und zu begründen, boten sie nunmehr den Ausgangspunkt zur Bildung neuer Sagen bzw. Haggadahs. Bei dieser Bildung neuer Sagen verfuhren ihre Schöpfer, die sogenannten „Haggadisten", wie die altjüdische Rechts- bzw. Rituallehre, indem sie wie diese aus den einzelnen Wörtern, ja zuweilen Buchstaben, unter Anwendung gewisser Regeln und Schlüsse, weitere Tatsachen ableiteten, die ein besondetres Interesse erforderten. Sie verfolgten hierbei hauptsächlich den Zweck, das Volk zu erbauen, es zu belehren und zu trösten, zuweilen auch zu ergötzen und ihm eine gewisse Kurzweil zu bereiten. Man bot allen Witz und allen Scharffinn auf, wenn es galt, aus irgendeinem fehlenden oder überflüssigen Worte oder Buchstaben der Bibel durch Anwendung von Wortspielen oder durch Vergleich ähnlich klingender Buchstaben ein ganzes Sagennetz zu schaffen. Auf diese Weise wurde das Schriftwort eigentlich nicht ausgelegt und gedeutet, sondern es wurden in freier Dichtung Gestalten und Situationen geschaffen, um mit Wolxken der Schrift etwas ganz anderes zu sagen, als der urspüngliche Sinn war. Aus diese Art wurden die sagenhaften Ausschmückungen der biblischen Erzählungen aufs neue vermehrt, und als im zweiten und dritten Jahrhundert die verschiedenen Talmud- und Midrasch-Sammlungen zusammengestellt wurden, fanden darin diese Sagen in allerlei Variationen und Ueberarbeitungen, je nach der Quelle, aus der sie geschöpft wurden, Aufnahme, um dann später wiederum in besonderen Einzelsammlungen Platz zu finden. Ihre Form und ihr Inhalt lassen nicht leicht erkennen, wo und wann sie entstanden find. Mehr als zwei Jahrtausende schöpfte das jüdische Volk aus dem großen Sagenstrom und erquickte und labte aus feinen Wassern Herz und Gemüt. Da begann im 13. und 14. Jahrhundert dieser Strom allmählich zu versiegen, und nach und nach hörte die Fortbildung der Sage auf. An ihre Stelle trat einerseits die Exegese, anderseits die Allegoria. Neben der geschichtlichen Sage ist die religiös e Sage in Betracht zu ziehen, die hier den Gottesbegriff und die Gottesverehrung, dort die Sittenlehre zu ihrem Ausgangspunkte nimmt. Gegen den Götzendienst wenden sich die apokrhphischen Sagenschriften Bel und der Drache. Die Macht und der Sieg des wahren Gottesglaubens wird gefeiert in dein Gebet Asarjas, in den Lobgesängen der drei Männer im feurigen Ofen. Gottes wachende Fürsorge soll die Schrift Susannes darlegen. Das Buch Judith will uns die göttliche Vergeltung zeigen, das Buch Tobi die Zuversicht auf Gott und die Hoffnung auf Erlösung. Das 3. Buch Esra kündet vom Tempel und dem Kultus, das 4. Buch Esra von Messias, von der Auferstehung, dem Weltgericht usw. Das 2. Buch der Makkabäer belehrt uns über die göttliche Vergeltung, die Auferstehung usw. Ethische Momente zeigen sich in den Sagen, welche in dem apokrhphischen Buche Sirach die dort vorkommeden biblischen Personen und Ereignisse umspinnen. Größer ist die Zahl der Sagen ethischen Gehalts in dem talmudischen Schrifttum. Das Bedürfnis der Gesellschaft offenbart sich uns in der Sage vom siebzig Jahre währenden Schlafe des Choni Maaael; den Wert der Wissenschaft sollen uns die Sagen von der Studienzeit des Rabbi Eliöser ben Hyrkanos darlegen. Demut und Arbeitsfreude sollen uns die Sagen von der Lebensweise Hillels I. lehren, und Hingebung für das Gesetzesstudium sowie ein glückliches Eheleben sollen uns die Sagen schildern, die über das Leben Rabbi Akibars sich auslassen. All diese Saaen behandeln neben heimischen auch fremden Stoff, und in den sväteren Jahrhunderten, als die Juden immer mehr mit anderen Völkern in nähere Beziehungen traten, eigneten sie sich vielfach die Vorgefundenen neuen Sagenstoffe an, die sie in ihren Schriften verarbeiteten. So hat das indische Schrifttum eine Ariadne-Sage, eine Sage von Herkules am Scheidewege, eine Krösus-Sage, eine Danaiden-Sage, eine Dene'lope-Saae und endlich eine Ronullus-Sage, in der gleichfalls, wie in der Uriage, Romulus und die säugende Wölfin Erwähnung finden. Einen breiten Raum - nehmen die Alerander-Saaen ein. Indische Saa.'M sind wiederum vielfach in das Schrifttum anderer Bölker übergeaangen. Die ursprünglich jüdische Sage von dem langen Schlafe des Cboni Maagel findet sich sowohl in der späteren Kirchenaeschickäe als auch im Koran vor. Der schon früh >in der jüdischen Saaendichtung eine Rolle spielende Prophet Elia, der überall als Friedensbote helfend und ratend erscheint, kehrt in den arabischen Saaen als „Kidche" und in der christlichen Sagenpoesie zuerst als „ewiger Jude", später als „Ahasver" wieder. Und weiterhin haben nichtiüdische Schriftsteller ursprünglich iüdischen Sagenstoff für ihre Arbeiten verwandt. Der Inhalt der „Bürgschaft" von Schiller ist iüdischen Ursprunges. Sowohl die religiösen als auch die geschichtlichen Sagen finden sich in der Mischna. der Toßephta, den beiden Gemaras, den verschiedenen Midraschim, den Targumim und ganz besonders in den „kleinen Midraschim" vor. Aber nicht nur das Schrifttum, Lehre und Geschichte zeitigten die unendlich große Zahl mannigfachster Sagen, auch das spätere Volksleben ließ so manche Sage erstehen, namentlich wenn es in trüben Zeiten sich bewegte. Und es gibt wohl kaum eine erhabene Heroengestalt, deren sich nicht die Sage bemächtigt und ' deren Lebensgang sie nicht ausgeschmückt hätte. Wo sich nur Juden niederließen, da fand die Sage bald fruchtbaren Boden. Denn kaum ist irgendein Land, sei es im Orient, fei es im Okzident, zu verzeichnen, wo sie nicht unter Bedrückungen und Verfolgungen zu leiden hatten und die Sehnsucht nach besseren Zeiten die gequälten Herzen erfüllte und in der Sage nach Ausdruck drang!

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