Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1919)
- Date
- 1919-07-25
- Page
- Seite 334 (sequence 10)
- Language
- German
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334 Propaganda zu setzen- Soviel ich sehe, hat der antisemitische Aberglaube vom Ritualmord gegenwärtig eine vorwiegend ökonomische Bedeutung. Die Antisemiten geben vor, das Volk von den wirtschaftlichen Vampiren befreien zu wollen; ein Volk aber bzw. Volksschichten, welche in wirtschaftlichem Fetischismus großgezoaen wurden, werden de facto nur für die verschiedentlichen Vampire jüdischer und christlicher Konfession geradezu vräpariert. — Dieser antisemitische Aberglaube, wie ersichtlich, ist allgemein, ist international; gegen ihn ist darum gemeinschaftliches Auftreten aller Gegner angezeigt. Sollte dieser Aufgabe diese meine Aeusterung irgendwie von Nutzen sein, verfügen Sie über ihre Veröffentlichung." Im November 1899 veröffentlichte Masarhk ^jne Broschüre: ..Die Notwendmkeit einer Revision des Polnaev Prozesses." Mit der verbrecherischen Hilfe des Adjutanten Luegers war das Kontagium weiter-getragen worden und es gab als Widerschein von Polna auch eine Holleschauer Ritualmordaffäre. Masarvk übersckuckte seine Schrift dem Publizisten, der zu seinem Pvlnaer Feldzüge den Anstoß gegeben, und schrieb ibm bei dieser Gelegenheit in Anspielung nicht nur auf die tschechischen Juristen und Geschworenen, sondern auch auf die tschechischen medizinischen Sachverständigen, die in dem Prozeß ausgesagt hatten: „Ich wünschte, eine flammende ^eder würde zeiaen. welcher Justiz und welcher Medizin in ^esierreich das Leben der Menschen anvertraut ist — einer Justiz imh einer Medizin, das ein Laie sagen musi. wie sie senken sollte . . . das k. k. Justizministerium kann nur liquidieren. Die Bolnaer Affäre ist ein blutiges Momento, ein aranenhaftes Svstem unserer österreichischen Dekadenz." Voln-a ist ein Ruhmestitel im Leben Masaryks, wie Jean Bolas im Dasein Voltaires, ein Denkmal seiner unbelobnten und unbedankten flammenden Liebe zur Gerechtigkeit. Seine .ü'^nnatwnalen. die aus dem Kreuzzuao gegen Hilsner volitiscbes Kapital schlugen, rasten gegen ihn; er wurde maßlos l.'nchimpft. bedroht und von den Studenten aus dem Hörsaal binausgedrängt. Er war schließlich aevoungen. einen Urlaub rn nebmen. aber vor seiner Abreise ließ er es sich, vom Mut der Wahrheit durchglüht, nicht nehmen, auf die Tafel im ^aale die ibn kennzeichnenden Worte m schreiben: „Der Prozeß in Polna ist ein Skandal an der Menschlichkeit." Bara. der Anwalt. Verteidiger, Bannerträaer dieses Skandals an der Menschlickkeit. hatte über Masarhk, den ^llaladin der Gerechtigkeit, gesiegt, aber es war ein Pyrrhussieg. Er verschwand verdientermaßen in der Versenkung. Der Nationalversammlung gebürt er nicht an. Und nun hören wir vlötzlich zu unserem Erstaunen Obstupuere omnes intantique ora tenebant —, daß er wieder auferstanden, zu neuem Leben erwacht ist. Der neue Bürgermeister ist ein trauriges, höchst beschämendes Wahrzeichen des alten Prag. Was wohl Masarhk zu seiner Wahl sagen mag, welche Gefühle ibn anläßlich dieses Ereignisses bewegen mögen! Nicht nur Bücher, auch Menschen haben ihre Schicksale. I. B. Münz (Wien). Die jüdilckr Sage. Bon I. H e r,z b e r g (Bromberg). (Schluß.) ährend die Bibel fernerhin den ersten Patriarchen Abraham erst als einen Greis von 75 Jahren auftreten läßt, weiß die Sage gar vieles von seiner Geburt, von seiner Jugend, seiner späteren Verfolgung und seinem Siege zu künden. Die stets lebhafte, keine Grenzen kennende Volksphantasie schuf sich allerlei Tatsachen, die uns Aufklärungen über all das geben sollen, was die geistige uiib religiöse Entwicklung Abrahams 'dermaßen gefördert hat, daß er der Träger der ihm von Gott zugedachteni großen und erhabenen Mission sein konnte. Weiter weiß die Sage so mancherlei über Moses zu berichten, worüber die Bibel angeblich mit Stillschweigen hinweggeht und uns im unklaren läßt. Sie ergänzt die biblischen Erzählungen durch Berichte über Moses' Geburt, Jugend und späteres Leben bis zum Auszuge aus Aegypten. Sie erzählt, wie seine Geburt verkündet wurde, wie er im königlichen Palaste Pharaos gelebt, wo er diesem gewaltigen Herrscher im Spiele die Krone vom Haupte nimmt. Sie kündet von Moses' Kriegszug nach Aethiopien, wo er als Sieger den Herrscherthron besteigt und jahrelang regiert, bei welcher Gelegenheit die äthiopische Königstochter zu ihm in heißer Liebe entbrennt. Wir erfahren ferner die Anzahl der die Israeliten verfolgenden Aeghpter, von der Rede Moses' und seinem Mute, von seinem Siege über Amälek und von seiner Anrede vor der Offenbarung und endlich vost seinem Verschwinden u. v. a. Und nicht nur mit dem Pentateuch, sondern auch mit den übrigen Büchern der Heiligen Schrift beschäftigt sich die Sage. So wird das Buch Esther mehrfach erweitert und von einem Traum Mordechais und Esthers erzählt u. a. m. Das Buch Daniel wird durch die Sage um drei Stücke vermehrt, indem sie zu Kap. 3, Vers 22 und 23 das Gebet Asarjas und der Männer im glühenden Ofen, zu Kap. 13, Vers 3 die Erzählung von Susanna und der Richterweisheit Daniels fügt. Die Erzählung von Bel und dem Drachen dient der Versvottung .des Götzenwesens. Sagenhafte Ergänzungen der Makkabäer-Bücher sind im ersten Buche die Reden und die Gebete der Helden, im zweiten Buche unter vielem anderen die ergreifende Erzählung von dem Märtyrertode der Mutter mit den sieben Söhnen. Alle diese Ergänzungen sind in den nichtkanonischenBüchern, den Apokryphen, enthalten. In ihnen findet sich auch von einem Kriegszug des Holofernes, des Zeldherrn Nebukadnezars, nach Palästina. Hier begegnen wir einem besonders in die Augen springenden Anachronismus, indem Namen und Tatsachen verschiedener Zeiten miteinander in Verbindung gebracht werden. Der Sage gehört auch das Buch Tobi an, in dem uns von einem schwergeprüften Erulanten aus dem Stamme Naphtali. dem blinden Tobi, erzählt wird, der durch die glückliche Verheiratung und durch die Heilung von seiner Blindheit wieder aufgerichtet wird. Und wie entstanden die zu Sagen gewordenen phantastischen Zusätze zu den biblischen Erzählungen? Zuvörderst waren es die Uebersetze'r, die in ihren mündlichen Vorträgen das Bibel- Wort ergänzten, indem sie, um dieses besser zum Verständnis zu bringen, allerlei Beiwerk anbrachten, wodurch sie glaubten, das Interesse des Hörers zu wecken und rege zu erhalten und so seine Aufmerksamkeit zu fesseln. Mit der Zeit vermischten sich diese Zusätze mit dem Urterte und gingen so <m die aramäischen Paraphrasen (Targumim) über. Diese Vermischung häufte sich, je mehr man mit anderen Völkern in Berührung trat und deren Sagen'schatz kennenlernte, aus dem man dann manches Analoge herüberbrachte, das man mit der eigenen Dolksgeschichte verknüpfte. Bald trat die Sage als selbständige Dichtung auf, die man in besonderen Sammlungen, den „Haggadah-Büchern", zusammenstellte. Schon zur Zeit des zweiten Tempels waren umfassende Haggadah-Sammlungen entstanden, die teils Lebensbeschreibungen, teils wunderbar anmutende Monographien enthielten. Diese alten Sagenbücher dienten sowohl Josephus, dem altjüdischen Historiker, als auch dem Philosophen Philo als Quellen für ihre Schriften, und selbst im Talmud finden sich noch Reste, freilich vielfach modifiziert, von 'diesem Sagenstoffe