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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-07-25 · Heft 30 (25.7.1919) · p. Seite 333

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 30 (25.7.1919)
Date
1919-07-25
Page
Seite 333 (sequence 9)
Language
German
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333 Mitbürgern Furcht und Schrecken .einflöhen! Ein treffendes Wort des alten Hillel möge jedoch diesen Menschenschlächtern als „mene—tekel" dienen. Dieser sah ein vom Rumpf getrenntes Menschenhaupt auf dem Wasserspiegel schwimmen und sprach das kutze, im Hexameter abgefaßte Wort: ..Al deateft atfuch, wesof metnifojich jetufum!“ (Sprüche der Väter, Kap. 2, 7.) „Dir hast bei Lebzeiten so manchen Mitmenschen dem Wassertode überantwortet: nun bat auch dich dasselbe Schicksal erreicht. Aber auch derjenige, welcher deinen Ertrinkungstod verschuldete, wird sicherlich derselben Strafe verfallen!" Jede Schuld findet ihre Sübne, und jedes Verbrechen wird von der Nemesis gerächt! Der Weltkrieg bat Bundesgenossen in unversöhnliche Gegner verwandelt. Die Dorfriedenszeit 'hat Völker und Staaten zerrissen und Me Teile derselben mm gegenseitigen Kamps gebebt. Der Grundsatz „divide et impera" drängte jede Rücksicht auf das Wobl der Geiamtmenschbeit in den Hintergrund und erklärte die jüdischen Volksteile des Ostens für vogelfrei. Von keiner Seite geschieht was zugunsten der Pogromopfer und keine Autorität ist stark genug, um dieser Verwilderung Einhalt m tun. Welche öoffrtuno bleibt uns noch für die Zukunft der Menschheit übrig? — Welche politischen Konstellationen und Allianzen kann noch die gegenwärtige Periode der Kleinkriege zeitigen? — Die Männer, die unsere Zukunft bilden wollen, sollten doch bedenken, daß es leicht sei. eine Welt zu zerstören, aber schwer, sie nochmals aufzubauen. D o b r i s ch bei Prag, Mitte Juni 1919. Dr. I. Eisenberg. Der neue löürgermriltrr von Orag. er 30. Juni war ein ominöser Tag, ein dies nefastus für das ..goldene" Prag. Wurde doch an demselben zur unauslöschlichen Schmach und Schande der Hauptstadt der jungen tschecho-slowakischen Republik der Rechtsanwalt Dr. Karl B a r a, der es in dem unseligen Prozeß Hilsner zu einer traurigen Berühmtheit gebracht bat. zum Bürgermeister gewählt. Als die tschechischen fortschrittlichen Abgeordneten die Anklage in diesem Ritualwordvrozeß ablebnten. trug dieser Ritter von der traurigen Gestalt kein Bedenken, die Vertretung der Anklage zu übernehmen, und er sübrte ste mit eherner Stirn zu einem gedeihlichen Ende. Die römische Klerisei wähnte es in ihrem Interesse gelegen. sich mit der Demagogie zu verbünden, und ebenso umgekehrt. Und Dr. Bara hatte eine ante Witterung. Vae victoribus! hätte man gleichwohl dem Verfechter des angeblichen Ritualmordes, den die Adjutanten Luegers erfunden batten, zurufen können. Ein wackerer Wiener Publizist, Sigmund Münz, hatte sich im Interesse der Wahrbeit von J-alau nach dem naben Polna begeben, lun den Schauplatz des angeblichen Mordes in Augenschein zu nehmen, und er mußte auf den ersten Blick erkennen, daß die den armen Hilsner belastenden Zeugenaussagen eitel Lug und Trua waren. Es war einfach unmöglich, daß der Hauptzeuge aus der von ihm angegebenen Entfernung überhaupt etwas gesehen haben konnte. Von feiner Wahrnehmung tief betroffen, regte er den gegenwärtigen Präsidenten der tschecho-slowakischen Republik, damaligen Professor der Philosophie an der tschechischen Prager Universität. den er seit Jahrzehnten aus der Nähe kannte, an, sich der ins Gedränge gekommenen Gerechtigkeit und des Opfers der Volkswut gegen den Pöbel anzunehmen. Ein großzügig denkender Tscheche, schien er ihm berufen, das Opfer des tschechischen Mobs zu befreien. Sein Appell an den Ethiker und Gottsucher Thomas G. Ma sarhk verhallte nicht. Masarhk äußerte sich in einem vom 22. September 1899 datierten Schreiben an Münz, das an die letzten, die Menschlichkeit tief verletzenden judenfeindlichen Aeußerungen eines Teiles der jungtschechischen und radikalen Presie anläßlich der -Prozesse von Rennes und Kuttenberg anknüpste und wie folgt lautete: „Sehr geehrter Herr! Ihr Befremden über die Haltung der tschechischen Blätter in der Drehfus-Sache und der Kuttenberger Gerichtsverhandlung finde ich leider sehr begreiflich, aber Sie verwechseln junatschechisch und radikal mit freiheitlich und fortschrittlich, und überdies beachten Sie nicht, daß sich unsere Organe der' wahrhaft fortschrittlichen Richtungen von allem Anfang für Drepfus und gegen den Aberglauben b-es Ritnalmordes ausgesprochen haben. In der Drehfus- Affäre habe ich selbst in dem alttschechischen „Hlas Naroda" nach der abermaligen Verurteilung Dreifus' einen reckst sachlichen Artikel gelesen. Ueber diese Verurteilung Dreifuß ist wobl kein Wort mehr zu verlieren. Ich selbst freue mich jetzt, daß der unglückliche Hauvtmann ohne Rücksicht auf Begnadigung seinen Prozeß 'weiterführen wird. Die Nieüerträchtiakeit des Gegners verdient keinen Pardon. Frankreich sckbst kann mit gewinnen, wenn der antisemitische und klerikale . Generalsanarchismus ganz offenkundig zertreten wird. Allerdings genügen der Renneser Prozeß und reine Entbüllungen vollkommen, die Messieurs Mercier und Spießgesellen der euroväischen Verachtung anheimzugeben, aber es handelt sich eben darum, die Quelle dieser moralischen Seuche zu verstopfen. Dies ist um io nötiger, als es sich, wie Me Polna er Anaelenenheit beweist, um eine europäische Krankheit bandelt. Drepfus und seine tapferen Freunde werden jetzt in der Tat der ganzen gesitteten Menschheit einen Dienst erweisen, wenn sie den Schandprozeß usoue ad finem führen werden. Es scheint übrigens, daß auch die konservativen Schicksten der französischen Bevölkerung und ihre Führer zu beareifen anfanaen, daß der obstinate Generalstab nickt dem Patriotismus, sondern dem Anarchismus dient. Das konnte den Zerren das von Ihnen in der „Renen Freien Presse" unlängst veröffentlichte Urteil P o b e d o n o s z e w s zeigen: es ist wohltuend, daß dieser anerkannt konservative russische Staats- und Kirchenmann so unzweideutig für Drepfus sich ausaelvrocken bat. Wennnun die römische Kurie ebenfalls, wenngleich noch immer viel zu vorsichtig, die französischen Antisemiten abschüttelt. so könnten daraus die konservativen Politiker Frankreichs endlich schon lernen. Gewiß werden die denkenden Monarchisten in Frankreich und überall einsehen, daß -eine Monarchie. gestützt auf die Henker Drepfus', in erster Reihe für Frankreich und ebenso für die übrigen Staaten eine vermanente Krise bedeutet. Gelegentlickdes Kuttenberger Prozesses will ick mich nicht über den „Ritualmord" im allgemeinen verbreiten. Darüber sind die kulturgeschichtlichen Akten geschlossen. Allein, erlauben Sie mir im Hinblick ans den speziellen Fall folgende Betrachtung anzustellen: Die Antisemiten werden es nickt müde, die Juden als das Non plus ultra der Schlauheit und VerlchMgenhest ln'n.zustellen: wie vaßt nun zu diesen Eigenschaften die brutal-blöde Untat in Polna? Wenn beute irgendeine offenbar geheime Gesellschaft oder Sekte Menschenblut haben wollte, so würde sich ihr wahnsinniger Verbrechergeist seine unbekannten und schon im Leben verschollenen Opfer in den größeren Städten suchen und nickst auf dem Lande. Von diesem Gesichtspunkte beurteile ich alle die in letzter Zeit als Ritualmord angeführten Fälle; auch der Polnaer Mord .widerspricht allen Voraussetzungen, die von den Antisemiten selbst in betreff des geheimen und geheim durchgeführten Ritualmordes -gemacht werden. Sollte sich aber irgendwo ein Unglücklicher finden, welcher der antisemitischen Suggestion erliegen würde, so wäre auch dieser Fall auf Rechnung des Antisemitismus und seiner aufreizenden

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