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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-07-25 · Heft 30 (25.7.1919) · p. Seite 332

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 30 (25.7.1919)
Date
1919-07-25
Page
Seite 332 (sequence 8)
Language
German
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332 mehr denn einem Jahrzent mit hingehender Liberalität die Funktionen des verdienstvollen Arztes des Hauses unentgeltlich als Ehrenamt versieht, erörterte in seiner trefflichon Ansprache die durch den Krieg leider erforderlich gewesene Stilllegung des Betriebes, und zeichnete das nun zu neuem Leben erwachende wohlgelungene Liebeswerk. Ein Rundgang durch alle Räume des Hauses und Gartens führte anschaulich alle in wahrhaft musterhafter Weise bestehendenj Einrichtungen, die streng rituelle Verpflegung und die vorhandenen Heilmittel des modernen Heilverfahrens vor und löste hohe und frohe Befriedigung unter allen Teilnehmern aus. Schon vor dem Kriege bezifferten sich die jährlichen .Haushaltungsausgaben des Heilwerkes auf ca. 20 000 Mark, setzt aber durch -die immense Teuerung aller Lebens- und Heilmittel. Neiranschaffuna usw. ist der Etat mindestens doppelt so hoch und weit mehr einzuschätzen, das Kuratorium schreckt jedoch vor diesen überaus schweren Aufgaben nicht zurück, im Vertrauen auf die stets opferbereiten, jedem humanen Werke geneigten Glaubensgenossen im alten deutschen Vaterlande. Innerhalb der hiesigen Shnagogengemeinde wird verhältnismäßig viel für ihr vornehmstes Institut geleistet, aber eine kleine einzelne Gemeinde kann nicht annähernd die Last tragen, zumal es ein universell-jüdisches Werk ist, nicht den hiesigen Lokalverhältnissen geweiht, sondern lediglich den aus dem Osten herüberkommenden armen kranken Glaubensbrüdern, und es ist durcbaus eine allgemeine jüdische und menscklliche Angelegenheit. Wie sich das Geschick unserer Stadt und Gemeinde gestalten wird, ist in Dunkel der nahen Zukunft gebullt, für das Jüdische Krankenhaus aber, das in sicherer Obhut fortbestehen wird, müssen jüdische Organisationen des deutschen Mutterlandes, Hilfsvereine der deutschen Juden. Gemeinden, Logen und einzelne Edelgesinnte mildtätig wirken. Nur dann, wenn jedem 'hochherzigen Glaubensbruder überall in Deutschland die Förderung und Unterstützung dieses ersprießlichen sanitären Werkes nahe liegt, wird diese Heilanstalt auch fernerhin eine Heilstätte für kranke Ostjuden bleiben. Memel, im Juli 1919. —ns. Oolnilche Freiheits- und Mgromhelden. as Polnische Volk hat nmr seine Selbständigkeit erlangt. — Der Weltkrieg hat seinen ein Jahrhundert ulten Traum verwirklicht. Oft und oft hatte diese Nation versucht, die drückenden Fesseln des Zarismus zu sprengen und seine Freiheit zu erkämpfen. Die schwersten Zwangsarbeiten auf den Eisfeldern Sibiriens. in den Kohlen- und Erzgruben des Urals usw. bildeten die Strafen für solche Versuche. Dennoch dichtete und sang das Volk ununterbrochen, Polen sei nicht verloren und erhoffe noch immer seine Auferstehung. Deshalb begrüßte es mit Freuden die deutschen Siege im Osten, die wiederholten Niederlagen der russisckien Truppen in den Masuren, am Dunajetz, bei Gorlice usw Es verdichtete sich bei ihm die Ueberzeugung, der Weltkrieg werde sicher seinen Traum wahrmachen! Ist cs dann ein Wunder, daß polnische Legionen, von ihren Landsleuten allsgerüstet, gegen den russischen Erbfeind kämpften lind den Armeen der Mittelmächte Hilfe leisteten? — Ihre Verwundeten, darunter auch viele Juden, sahen wir oft in den Lazaretten unserer Städte, wo sie Heilung und Genesung suchten und fanden. Als Przemhsl zum erstenmal in russische Hände gefallen war, da waren wir Zeugen, wie polnische Männer und Frauen, hier weilende Flüchtlinge. Ehristen wie Juden, heiße Tränen vergossen aus Furcht, der Zar werde nun seine Weltherrschaft aufrichten und an den Polen furchtbare Rache nehmen. Sie zeigten sich aber auch dankbar für jedes Trosteswvrt, das sie gerade von Juden empfingen, und hörten gern die Versicherung, die russische Besetzung der Festung Przemhsl sei nur vorübergehend. — Als die deutschen Truppen Polen besetzten, und die Regierung Warschaus gleich darauf seine polnische Universität einweihen durfte, da kannte die Freude der großen Volksmassen keine Grenzen. Ihr Traum von der Selbständigkeit Polens war nun Wirklichkeit geworden! Auch das Wort „Pogrom" schien ans dem polnischen Lexikon ausgemerzt zu sein. Hat man doch durch die Kriegsjahre von keinen polnischen Greueltaten gegen Juden was gehört. Doch verfolgten die Lenker der polnischen Geschicke die Bewegungen auf 'dem westlichen Kriegsschauplatz mit besonderer Aufmerksamkeit — Duobus fatigantibus tertius gaudest! - Der Krieg zwischen Deutschland und Rußland trug Kongreßpolen die Freiheit ein. — Der Sieg der Westmächte über Zentraleuropa werde ihnen, so hofften sie, die Grenzen von 1772 zurückgeben. — Nun sehen wir den ergebenen Freund und Schützling von vorgestern in einen tückischen Feind verwandelt, welcher, die Notlage seines früheren Befreiers ausnutzend, in seinem Machthunger keine Grenzen kennt. — Was aber unsere Entrüstung besonders hervorruft, ist die Tatsache, daß dieselben Polen, seitdem sie sich unter dem Schutz, der Entente wähnen, einen unstillbaren Haß gegen Juden und Judentum bekunden. Die grausamsten Pogrome mit den verwerflichsten Begleiterscheinungen wurden in jeder Stadt inszeniert, wo die polnischen Legionen zum erstenmal als „Befreier" einrückten. Lemberg und Pinsk, das sind zwei Hauptstationen auf der großen Blutstraße, welche polnische „Freiheitshelden" während der Friedensverhandlungen auf dem Gewissen haben. — Es klingt wie ein Hohn auf die Grundsätze Wilsons, welche den Minoritäten in den „befreiten Staaten" Schutz und Sicherheit gewähren wollen, daß gerade die Polen diese Grundsätze mit Füßen treten! Es klingt wie ein Hohn auf die leidende Menschheit, welche sich nun nach Ruhe sehnte, daß der Osten Europas noch immer von einer wilden Kriegsfurie und einer beisviellosen Pogromgeisel heimgesucht wird. Denn von Leinberg wälzte sich die Pogromwelle über ganz Galizien, Russisch-Polen und gelangte auch nach Litauen, desien Bevölkerung ebenfalls erfahren sollte, wie die Freiheitsheldcn Polens den Schutz der Minoritäten verstehen. — Die unglückliche Bevölkerung Litauens, die aus mindestens 50 bis 60 Prozent Juden besteht, mußte im Verlaufe des Weltkrieges wiederholt ihre Machthaber >wechseln. Das Land ging von Hand zu Hand wie ein Gegenstand, jeder abziehende Besitzer nahm furchtbare Nackte an der Bevölkerung und jeder neu «»gekommene Diktator suchte ihr seinen Willen aufmzwingen. Die unglückliche Bevölkerung Litauens hoffte gewiß, daß der Grundsatz Wilsons, Völker dürfen nicht gleich Figuren auf dem Schachbrett hin und her geschoben werden, auch ihr endlich Ruhe und Sicherheit bringen werde. Wie groß mag nun ihr Schmerz sein, daß gerade s i c den blutrünstigen Polen überantwortet wurde, obwohl sie über eine nur ganz dünne Schicht polnischer Nationalität, etiva 10 Prozent, verfügt! Werden nicht die Lehren Wilsons dadurch verhöhnt, indem man den polnischen Horden als Lohn für die Teilnahme am Kriege gegen die Bolschewisten ganze Staaten und Völker schenkt! Freilich weisen die Polen auf ihre ukrainischen Gegner hin, die in Proskurow, Shitomir u. a. ebenfalls entsetzliche Pogromgreuel vollführten. Es klingt wie eine blutige Ironie, daß historische Feinde sich gerade auf dem Gebiete der Judenschlächtereien zusammenfinden und hier die wildesten Orgien feiern! Es klingt wie ein Hohn auf die ethischen Bestrebungen des Präsidenten Amerikas, daß gerade die befreiten kleinen Völker ihren ehemaligen Befreiern blutige Schlachten liefern und 'dabei den jüdischen

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