Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1919)
- Date
- 1919-07-25
- Page
- Seite 331 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229392-3229420--75045-3287530- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
331 Kern der sibirischen Bewegung bilden, durchaus vom Antisemitismus beseelt, und die zügelloseste antisemitische Propaganda, die durch Manifeste, Flugblätter, offiziöse und offizielle Zeitungen, besorgt wird, bildet den organischen und hauptsächlichen Teil ihrer Tätigkeit. Es ist bezeichnend, daß in der Armee Tenikins Juden den Ofsiziersgrad nicht erhalten können und in der letzten Zeit auch nicht als Soldaten zugelassen werden. Ter Sieg dieser Reaktion würde zweifellos für die Juden eine Aera der schwersten Verfolgungen und der schrecklichsten Pogrome bedeuten und ihre gegenwärtige tragische Situation in eine Katastrophe verwandeln. In den bolschewistischen Gegenden ist der Antisemitismus fast unbekannt, -undes hat dort keinen' Pogrom gegeben. Dies ist der deutlichste Beweis, daß der Ursprung des wiedererweckten Judenhasses nicht in der Tatsache zu suchen ist, daß einige Völtskonnnissare Juden sind —' denn in einem solchen Falle müßte der A.ntnsemitisums in Grvß-Rußland viel stärker sein —, sondern in der böswilligen Propaganda der Reaktion, lvelche anti-jüdische Gefühle zu erwecken sucht in Gegenden, wo die Gewalt völlig in den Händen der Christen ist und die Juden nicht einmal einfache Soldaten sein können. Nicht einmal die Kommunisten nehmen besondere Rücksicht auf die a-ntibolschewikischen Juden ----- sie erschießen sie und setzen sie gefangen, ebenso, wie sie es mit den (Christen lnachen -- aber sie verfolgen sie als politische Gegner und nicht als Inden. Außerdem muß bemerkt werden, daß die russischen Arbeitermassen in den 11 ebergangsper i v den belv öffnete A b te i l u ng en geb i l de t h ab en, w elche zusammen mit den jüd'- schen Abte i l u ngen die jüdische Bevölkerung verteidigten. Um sich vor' dein Bolschewismus und vor den reaktionären Grenetu zu schützen, gibt es für'^die Juden keinen anderen Weg als die Fortsetzung der Politik vom März 1917: Gemdniam mit allen demokratischen russischen Kräften gegen die äußerste Rechte und die äußerste Linke anzukämpsen, gegen die. Gewalk Lenins und die Kvltschaks und für das demokratische Regime, welches ihnen. Sicherheit und Freiheit verbürgt. K. f. d. €. Bas Wüischk krsnkkiihaus in den Hungerjahren 1868 bis 1869 in Westrußland ist \ hier die erfolgreiche Hilfsaktion des rühmlichst bekannten Rabbiners Dr.Rülf ins Leben gerufen worden, und am Schluß des Jahres 1869, als Dr.Rülf mit Hilfe der deutschen Glaubensgenossen sein großes Unterstützungswerk, sein reiches Arbeitspensum abschließen konnte, nachdem den Notleidenden geholfen worden und durch die neue gute Ernte die Hungersnot beseitigt war, wurde eine übriggebliebene Summe von 1733 Talern und 6 Silbergroschen als erste Grundlage eines segensreichen Instituts, „d es I üd i s «che n K r a n ke n- Hauses in M e m e angelegt, das nahezu 56 Jahre eine Heilstätte für jüdische Kranke aus dem benachbarten Rußland geworden ift1). 0 Ueber Dr. Rülf „A. Z. d. I." 1912, 9ht 38. Das Jüdische Rrankenhaus zu Memel. Die geographische Lage unseres Ortes machte diesen von alters her zum naturgemäßen Handelszentrum und vordersten Punkt des westlichen Europas für weite Strecken eines von einer armen jüdischen Bevölkerung dicht besetzten russischlitauischen Landstriches. Bei den vielfachen Lebhaften Handelsbeziehungen mit dem nahegelegenen Rußland bestand unvermeidlich von jeher ein großer Zug von Kranken, um bei den hiesigen Aerzten Heilung zu suchen, darunter wohl der größte Teil völlig unbemittelte Menschen, welche hier in elenden Gelassen und in verlassenen Ställen kaum Obdach fanden. Diesen jammervollen Uebelständen abzuhelfen, war es damals eine erlösende Wohltat, vorzugsweise aus Beiträgen deutscher Glaubensbrüder, ein jüdisches Krankenhaus hier zu errichten, das im wesentlichen durch Spenden der hier Handel treibenden russisch-jüdischen Kaufleute unterhalten wurde. Das Haus aber, das dann zu diesem Zwecke als alt angeschasft worden, erwies sich nach 25jährigem Bestehen als klein und mangelhaft, dem hohen Maße des Heilmerkes bei weitem nicht entsprechend. Da würde 1895 bis 1896 ein neues weit größ e r e s Heim geschaffen und wiederum waren es deutsche Juden, die mildtätig dem Rufe folgten, zahlreiche Beiträge zu dem Baufonds aufzubringen. Allen Wohltätern voran der Vorsitzende im Vorstande der hiesigen Synagogengemeinde, Herr Kommerzienrat L e op old A l e x a n d e r, der ans eigenen Mitteln einen großen Platz mit gärtnerischen Anlagen ankauste und hochherzig' dem Jüdischen Krankenhause zur Bebauung zueignete. Am 18. Juli 1896 wurden dem Jüdischen. Krankenhause zu Memel die Rechte der juristischen Person vom König verliehen und am 22. November desselben Jahres war das vollendete Haus seiner Bestimmung geweiht, in dem erhebenden Bewußtsein, ein edles Werk jüdischer Wohlsahrtspslege vollbracht, ein Haus, mit d-eu modernsten Einrichtungen und den besten Heilmitteln reichlich ausgestattet, errichtet zu haben. Dieses humanitäre Werk an der Grenzscheide Deutschlands wirkte seither segensreich für unsere armen kranken Glaubensgenossen aus dem benachbarten Rußland, bis infolge des Russeneinfalles im März 1915 das Haus geschlossen werden mußte. Durch die Kriegsereignisse mannigfacher Art, die andauernde Grenzsperre und die androhende Bolschewistengefahr, sind alle Versuche des Kuratoriums, den Betrieb des Hauses aufznnehmen, sehlgeschlagen und vorkommende verarmte jüdische Kranke sind zu Lasten der Kasse des Jüdischen Krankenhauses in den städtischen und Kreisheilanstalten nntergebracht worden. In diesen Tagen erst ist es gelungen, das bewährte und von neuem renovierte Jüdische Krankenhaus wieder zu eröffnen; am 29. Juni fand die Wiedereröffnung im Beisein sämtlicher Vorsteher, Repräsentanten und Beamten der Gemeinde statt. Der Vorsitzende des Kuratoriums, Herr Sanitätsrat Dr. Max H u r w i tz, der seit