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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-07-25 · Heft 30 (25.7.1919) · p. Seite 330

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 30 (25.7.1919)
Date
1919-07-25
Page
Seite 330 (sequence 6)
Language
German
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330 nahezu 90 Prozent Juden. Sie werden am härtesten betroffen bei den Verlnögensk-onfiskationen: aus den ersten jüdischen Familien entnahm man Geiseln, und in der Liste der vom Standrecht Verurteilten sind Ju-den in der überwiegenden Zahl. Während die Aristokraten leicht aus dem Lande flüchten konnten, weil für ihren immobilen Besitz ihre persönliche Anwesenheit ganz gleichgültig ist, mußte der Kausnlanusstand bei den vielverzweigten Unternehmungen zu Hause bleiben, und so bildete er die ersten Objekte des Zugriffes seitens der Räteregierung. Auch sonst haben die Juden unter beut Regime Kuns gar mancherlei zu leiden. Ter Religionsunterricht ist ans den öffentlichen Schulen verbannt irnb ivird in den Tempeln erteilt. Tie Lokale der Jüdischen Gemeinde werden zum Teile requiriert. Ter Umstand, das; in der Räteregierung eine beträchtliche Anzahl von Judeustämntlilrgeu sitzt, schützt die Juden so wenig, daß Szamuell) mit Verliebe Juden hinrichten läßt. Tie führenden Kommunisten wissen, daß die Juden, trotzdem sie aus Angst vor dem Terror sich vollständig passiv verhalten, ihre schärfsten Geaner sind. Ter Anhang, auf welchen die Ko mm u nistenführer sich stützen, ist nahezu rassenrein -arisch: nur unter den „Häuptlingen" in Budapest befinden sich unverhältnismäßig viele Juden. In der Provinz sind auch die Führer ausschließlich Arier. Den falschen Schein, erwecken bloß die bedauerlichen Verhältnisse in Budapest. Seit länger als einem Jahrzehnt war die Situation auf dem Lande infolge heftiges klerikal-antifemitischer Agitation für Juden derart unleidlich. daß sie es vorzogen., wegen wirtschaftlicher Bedränanis lieber nach Budapest zu übersiedeln, das solcherart die Heimstätte eines wurzellosen geistigen Proletariats jüdischer Abstammung geworden, dem In den tn.'M und ungarische Nationalität Heknba sind, und durch einen verhängnisvollen Zufall, richtiger durch das Verbrechen des wahnwitzigen Grafen Karolhi es gelungen ist, sich der Gewalt zu bemächtigen. Tie jüdische Bevölkerung haßt und verabscheut die sonderbare Gesellschaft, die ein böses Geschick über Ungarn heransbeschworen: man wagt jedoch kein Wort 'der Kritik. keinen Laut der Unzufriedenheit, weil jedem Ungehorsam strafrechtliche Erschießung droht. Zu dieser drückenden Not der Geoenwart gesellt sich die neigende Sorge um die Zukunft. Budapest ist gegenwärtigeine wirtschaftliche Leichen statte, ein Friedhof mit abgestorbener Produktion, vor-: we'ender Arbeitskraft, kann sich nicht dauernd ernähren und befindet sich an der äußersten Grenze der L-ebensmöglichkeit. Infolge dieser unhaltbaren Lebensverhältnisse dämmert auch in Proletarier kreisen die Erkenntnis, daß diese Karikatur eines Regierungssystems unhaltbar ist. Es wiederholen sich die schlecht vorbereiteten, daher bis nun auch nie gelungenen Putsche, die immer mit starken Ansätzen zu Pogromen verbunden sind. Sollte die Räteregierung durch einen solchen Putsch zu Falle kommen, dann stünden leider förmliche Judenschlächtereien in ganz Ungarn zu erwarten, die eine Zeit schwärzester Reaktion für Jahrzehnte hinaus einleiten würden. Tie Juden wissen kaum, welches Uebel das schrecklichere ist, die gegenwärtige Regierung oder die kommende Reaktion? Mit welchen Mitteln .gearbeitet wird, offenbarte ein bezeichnender Vorfall, daß während einer Prozession in den Straßen von Budapest durch elende Agents provocateurs arischer Abstammung die katholischen Fahnen beschmutzt worden, um das in seinen religiösen Gefühlen tief verletzte katholische Volk in flammenden Zorn gegen „die Juden" zu entzünden. Gleichzeitig regnet'es von allen Seiten geheime Flugzettel mit 'der Aufforderung, an den Juden, als die angeblichen Urheber des Elends, Rache zu nehmen. So leben die ungarischen Inden in düsterster Stimmung, in ewiger Angst; sie verabscheuen die Gegenwart, zittern noch mehr ob der fürchterlichen Zukunft, sd daß zahllose in der Flucht aus dem Judentum Rettung suchen. Tie Geistlichen nehmen sich dieser verschüchterten Seelen liebevoll an. Auf der einen Seite Hetzen sie zu Pogromen, auf der anderen werden die so zur Fahnenflucht, zur Verleugnung des Heiligsten Getriebenen liebenswürdig empfangen, freundlich begrüßt. Die alte 'arische Zivilisation.! Es häutet sich nur die alte Schlange, aber ihr Gift, ihre Wut, ihr tödlicher Wiek, ihre Heimtücke hat sich nicht geändert. Wir empfehlen diesen Artikel der antisemitischen Presse zum kostenlosen Abdruck. Erklärung Paderewskis. Die „Jüdische Preßzentrale Zürich" teilt mit: Paderewski gab dem 'Spezialkorrespondenten des „New Kork Herold" in seiner offiziellen Erklärung die feierlichste Versicherung, daß die Polnische Regierung ihr möglichstes tun werde, um alle antijüdischen Exzesse in Polen zu verhindern. Tie Negierung Polens mache keinen Unterschied in der Behandlung polnischer Bürger, welcher Rasse, Religion itnb politischen Gesinnung sie auch angehören mögen. Alle, sowohl Katholiken oder Protestanten wie auch Juden oder Griechisch- Orthodoxe, genießen die gleichen, Rechte, die gleichen Privilegien und den gleichen Schutz. * Die Lage der Juden im S^ojetrußlaud. Eiu Mitarbeiter des in Nom erscheinenden italienischen zion-istiscben Wochenblattes „Israel" hatte eine Unterredung mit dem in Nom weilenden Führer der russisches sozialrevolntienären Partei Gregor Schneider, dem gewesenen Bürgermeister von- Petersburg, über die Lage der Juden -in Rußland. Es ist zweifellos, sagte der bekannte russische Politiker und genaue Kenner der gegenwärtigen Verhältnisse seiner Heimat, daß sich der Antisemitismus in Rußland ausbreitet. Eine systematische Lügen- und Derlenmdungstatig.keit wird ins Werk gesetzt, welche i-m Osten Europas zu tragischen Konsequenzen führen kann. Die Antisemiten bedienen sich meistens des Schlagwortes vom jüdischen Bolschewismus. Dazu ist zu bemerken, daß die Juden, welche -eine bedeutende Rolle in der russischen revolutionären und demokratischen Bewegung spielten, sich in allen Lagern befinden und infolgedessen auch unter den Bolschewisten nicht fehlen. Jedoch sind die Juden unter den antibolschewikischen Strömungen viel stärker vertreten als im Bolschewismus. Während der ersten Monate der Revolution waren die Juden sowohl in den städtischen Vertretungen als auch in dem Vorparlament, das mit aller Kraft gegen den Bolschewismus ankämpste, verhältnismäßig zahlreicher als in den gegenwärtigen bolschewiki scheu Kommissariaten-. Auch nachdem 'die Bolschewiken' zur Macht gelangt find-, stellt sich die Mehrheit der Juden gegen die Diktatur des Proletariats, und sie sind in großer Zahl in den demokratischen gegenbokschewiki-schen Regierungen, in den städtischen -undden Seinstiwoorgani-sationeu vertreten. Diese Haltung ist leicht erklärlich: Vor dem Krieg und der Revolution waren die Juden, die an der russischen Politik teilnahmen, revolutionäre Sozialisten, gemäßigte Sozialdemokraten, eher Kadetten als Extremisten. Und dies sind sie bis heute geblieben. Auch trifft in Anbetracht der ökonomischen Lage der jüdischen Massen die soziale Politik der Bolschewiken die Juden viel härter als jeden anderen Teil der Bevölkerung. Ueberdies bringt sie das politische Chaos, der häufige Machtiwechsel, wobei gewöhnlich die Situation vom Mob ausgebeutet wird, in die ewige Gefahr von Massakers, welche bereits, besonders in der Ukraine, schreckliche Dimensionen angenommen haben-. Daß es eine stärkere Teilnahme der Inden am Bolschewismus geben soll, ist eine optische Täuschung, die daher stammt, daß die Juden -aus dem antibolschewikischen Lager sich zur Zeit Kerenskis sowie -gegenwärtig eher im Hintergrund halten, während die jüdischen Bolschewiken, die nichts zu riskieren haben, ohne weiteres die sichtbarsten Posten in der gegenwärtigen Regierung ein-'eh men. Dieser Umstand wird von der russischen Reaktion, geschickt allsgenutzt, welche an der antisemitischen Hetze die direkte Verantwortung trägt. Dasie weder Wurzeln noch reale Grundlagen hat und wohl weiß, daß sie sich mit einer Methode des offenen, ehrlichen Kampfes nicht behaupten kann, versucht die Reaktiondie verlorene Partie zugewinnen, indem sie das traditionelle Instrument der alten zaristischen Politik hervorzieht, den nationalen Haß, welcher von jenen Kreisen in immer akuterer Weise -entflammt wird. Die separatistische ukrainische Bewegung, welche in den letzten Zeiten einen reaktionären Charakter angenommen und nicht mehr -als eine gesunde nationale Bewegung angesehen werden kann, ist ineine Reihe grausamster Pogroms -entartet. Ausgesprochen reaktionär ist auch die Bewegung des Generäls Denikin und des Admirals Koltschak. Es bedeutet wenig, daß diese aus Opportunismus ihre Armeen bis nun von an ti jüdischen Exzessen zurückhälten. Tatsächlich sind die Offiziere und zaristischen Funktionäre, welche den

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