Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1919)
- Date
- 1919-07-25
- Page
- Seite 329 (sequence 5)
- Language
- German
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829 daß sie schuld tragen an Deutschlands Unglück, und die Volksleidenfchasten gegen sie aufzureizen. Den Freimaurern wird der Vorwurf gemacht, sie seien ein Werkzeug. des Judentums; nun sie werden sich wohl selber zu verteidigen wissen, falls sie es überhaupt für notwendig halten sollten. Wenn ich als Vertreter der deutschen Odd-Fellows-Logen das Wort ergreife, so geschieht es, um offen auszusprechen, daß wir uns freuen, m unseren Mitgliedern Juden zählen zu können, welche mit uns für die Ideale des Ordens kämpfen und mit offenen Herzen und offenen Händen bereit sind, alles Gute und Edle zu fördern. Ich will Verwahrung einlegen dagegen, daß Fehler einzelner allen *ur Last gelegt werden; es> wäre krasseste Undankbarkeit, zu vergessen, daß Tausende und aber Tausende unserer jüdischen Mitbürger voll Begeisterung ihr Leben für des Vaterlandes Recht und Ehre in die Schayze schlugen und des Volkes Unglück nicht weniger tief emvfinden als alle übrigen; ich will warnen vor dem Beginnen, jetzt Uneiniakeit in unser Volk zu tragen, jetzt, da wirnichts notwendiger brauchen, als einig und treu zusammenzustehen in der höchsten Not, die unser Volk getroffen hat. So lange wir unter uns uneins sind, solange dürfen wir nicht hoffen, daß wir uns wieder erheben werden ans dem furchtbaren Unglück, das auf uns lastet und uns zu Boden drückt. Heute heißt es mehr als v: Ohne Unterschied des Glaubens, des Standes und der Bildung müssen alle, die es gut mit dem Vaterlande meinen, in Treue sesthalten an dem Wort: Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr. Was schlecht und gemein ist. müssen wir bekämpfen, konnne es, woher es will. Und wer seine Pflicht gegen das Vaterland nickt erfüllt, den treffe die allgemeine Verachtung, er sei Ehrist oder Jude. Von unserer Jugend aber bleibe vor allem das Gift der Verhetzung fern. Unsere Jugend bleibe unsere Hoffnung auf eine Wiedergeburt unseres Volkes, auf Gesundung und Wiedererstarkung unfarna Vorlandes. Professor Emil Fischer gegen die nationalistischantisemitische Hetze unter den Studenten. Ter berühmt" Cbemiker an d^r Berliner Universität Wirkli^or Geheimer Rat Professor Emil Fischer, der vor einiaen Tauen im 67. Lebensjahr verschieden ist, und dem die chemische Wiüensckaft io viel" Fortschritte verdankt, war aus seinem Berliner Lehrstuhl der unmittelbare Nackfolger des nicht minder berühmten und hervorragenden chemischen Forschers A. W. v. H o f m a n n. und er hatte mit diei-'m auch das eine oenieinwm. daß er 'n o.le^-or Schärfe und Entschiedenheit die durch die Gründung der „Vereine deutscher Studenten" an den deutschen Universitäten bervorgerufene nationalistische und antisemitische Agitation verurteilte. Im Jahre 1903 erschien ein von ihm und dein damaligen Professor der Chemie in Halle Jakob Volhard im Aufträge der Deutschen Chemischen Gesellschaft verfaßtes Lebensbild Ho sin a n n s und darin wird über einen Konflikt, den dieser mit der genannten, auf dem Rassenbaß basierten studentischen Vereinigung hatte, folgendes ausgesührt: „Für das Jahr 1880/81 war Hosrnann Rektor der Berliner Universität. Indem Bericht über das abgelaufene Studienjahr wird mitgeteilt, daß während dieses Jahres „e i n ebetts o unerfreulicher a l s w e n i g erwarteter Mi ßt o n, der auch hellte noch nicht ganz verklungen ist, di e Ha r m on i e des studentischen Verkehrs getrübt >h a t". Hofmann nimmt hier Bezug auf unangenehme Verhandlungen mit dem V e x c t n deutscher Studenten, der im ersten Semester von Hofmanns Rektorat sich in Berlin auftun wollte. ^Da man von der heftigen Agitation dieser von Stöckersch er ifn b uld - s n ml eit entflammten Antisemiten Spaltungen nnd Feindseligkeiten unter der Studentenschaft erwarten mußte, so hatten Rektor und Senat die Bestätigung der eingereichten Statuten verweigert und auch eine zweite und dritte Fassung nicht genehmigt. Erst unter Hofmanns Nachfolger Curtius wurden auch die Statuten des Vereins deutscher Studenten, in welchem mittlerweile die antisemitische Tendenz hinter der nationalen anscheinend etwas Zurückgetreten war, genehmigt. Ueber die Verhandlungen des Rektors mit den Delegierten dieses Vereins waren alsbald in den Zeitungen entstellte Berichte erschienen, woraus Hofmann Veranlassung nahm, nur mehr in Gegenwart eines Protokollführers mit den Delegierten zu verhandeln und deren Anerkennung durch Unterschrift zu verlangen. Hofmanns Verhalten wird sehr verschieden beurteilt. Die a n t i se m i t i s ch e n Hei ß s p o r n e (vgl. z. B. H. v. Petersdorff: „Die Vereine deutscher Studenten", 3. Ausl. Breitkopf it. Härtel, Leipzig 1900) perhorreszieren es als Vergewaltigung des national gesinnten Teiles der Studentenschaft, während der unbefangen Denkende finden wird, daß H o f m a n n nur seiner Pflicht als R e k t o r n a ch k a m. indem er die Beschlüsse.des Senats zur Ausführung brachte. Freilich wird Hofmann auch im Senat für die Beschlüsse, durch die man das Eindringen der widerlichen Judenhetze in die studentischen Kreise zu verhindern hoffte, die gewichtige Stimme des Rektors abgegeben haben: gehörte er doch zu den Unterschreibern .der sogenannten Notablen erklärung, einer öffentlichen Einsprache gegen die seit dem Jahre 1878. namentlich in Berlin, aufgekommene judenfeindliche Bewegung.. — Wie die a n t i s e m i t i s ch e Jugend über die p o l i t l s ch e U n f äh i g - k e i t dieser „Notablen", zu denen auch M o m m s e n . Dropsen, Scherer, Forckenbeck gehörten, den Stab bricht, könnte man fast komisch finden, wenn nicht die P a r te i w u t, die es für national hält, die Edelsten der Nation zu beschimpfen, gar zu b e t r ü b e n d wäre. Der Verein deutscher Studenten hat Hofmann sein Einschreiten nie verziehen. Nach den Notizen des Dr. Koppe seines Assistenten von Hofmann), der angibt, daß er selbst mit den Bestrebungen dieses Vereins sympathisiere, hat der Verein sich von jeder z u Hof - manns Ehren v e r a n st a l t e te n F e st l i ch k e i t, ja selbst von seinem Begräbnis und der zu seinem Gedächtnis am 20. Juli 1892 veranstalteten F e i e r fe r n g e h a l t e n." Zn den Unterzeichnern der in der Schrift Emil Fischers erwähnten „Notablenerkliärnna" gehören cuicf) noch Männer wie A n v e r s, damals Sekretär der Akademie der Wissenschaften. Professor Dr. Wilhelm F o erster, damals Direktor der Berliner Sternwarte. Professor Tr. v. G n e i st. Tr. Friedrich Kapp. Abgeordneter Rickert, Werner Siemens, V i r ch o w ii. a. Von ihnen allen weilt heute nur noch ein einziger unter den Lebenden: Geheimer Regierungsrat Professor Dr. Wilhelm Fo erster, der derzeitige stellvertretende Vorsitzende des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus, der noch int vorigen Jahre die bekannte, im Sinne und Geiste jenes denkwürdigen Protestes gegen die antisemitische Hetze gehaltene Schrift ..Die internationale Wirksamkeit des Judentums in Vergangenheit und Zukunft" (Vertag von. Otto Hendel, Halle a. d. S.) veröffentlicht hat. » Der Zustrom der Reisenden von Budapest nach Wien hat in den letzten Tagen fast vollständig aufgohört. Die Ursache dieser Erscheinung liegt in der Tatsache, daß die Ausreise aus Ungarn gegenwärtig mit ebenso vielen Schwierigkeiten verbunden ist wie die Einreise nach Deutsch-Oesterreich. Dr. Blochs „Wochenschrift" schreibt hierüber: Einer unserer Freunde, der jetzt hier einae troffen. bezeichnet die Lage — speziell der Juden —als ganz trostlos. Aus dem Berichteten ist zunächst zu entnehmen, daß der von Knn und Haubrich über Budapest und Umgebung verhängte „strengste Ausnahmszustand" schonungslos gehandhabt wird. Nach dem diesbezüglichen Befehle dürfen mehr als drei Personen auf der Gasse nicht miteinander gehen. Jede Art gegen revolutionürer Handlung oder welches Verbrechen immer wird mit 'dem Tode durch den Strang bestraft. Gegenrevolutionäre mit der Waffe in der Hand werden an Ort und Stelle erschossen. Die Rüteregierung ließ bei Verhängung des Standrechts erklären, sie erachte nun den Augenblick für^ gekommen, in der bisherigen Handhabung der Diktatur eine Aenderung eintreten zu lassen. Mit den niederträchtigen und gefährlichen Umtrieben gegen das Rütesystem müsse für immer aufgeräumt werden. Die „Nepszava" schreibt an leitender Stelle, weitestgehende Strenge sei geboten. Alle Schurken, die durch Anfachung des religiösen und des Rassenhasses die Ordnung des Proletarierstaates über den Haufen werfen wollen, würden au§= gerottet, alle Missetäter, die im Namen Gottes die weiße Revolution und den weißen Terror zu>nt Sieg führen wollen, unbarmherzig zermalmt werden. Unter den Opfern der Verfolgung befinden sich