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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-07-25 · Heft 30 (25.7.1919) · p. Seite 328

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 30 (25.7.1919)
Date
1919-07-25
Page
Seite 328 (sequence 4)
Language
German
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328 deutschnationate Partei aufkommev zu lassen. Die Anträge zur Judenfrage werden auf Antrag des Pnrteivorstandes zurückgestellt. Der Harlptausschuß wird Mitte Oktaler zusammentreten und sich dann darüber schlüssig werden, ob Juden Parteimitglieder werden können. Sollte es wirklich Juden geben, die Lust zum Beitritt verspüren, so haben sie nichts Besseres verdient, als dieser Partei anzugehören. * Ueber „Antisemitische Strömungen in Deutschland" wird der „Neuen Züricher Zeitung", wie es scheint, von einem Eingeweihten aus Berlin geschrieben: Die „Germania" bringt einen erhebliche Beachtung beanspruchenden Leitartikel. Sie knüpft an einen Bericht der Wiener „Reichspost" aus Ungarn an, über die dort „mit elementarer Gewalt im Zuge befindliche antisemitische Bewegung gegen die herrschende jüdische Sippe in der ungarischeil Räterepublik und deren Haupt Bela Kun (Adalbert Kahn)" und beschäftigt sich mit dein starken jüdischen Einfluß bei der kommunistischen Bewegung in Deutschland. Auch in Deutschland, so sagt die „Germania", könne inan feststellen, vor allen Dingen an den Namen der führenden Kommunisten und der Haltung der jüdischen Presse, daß die Judenschaft im allgemeinen große Neigung zu spartacistischen Umtrieben hege. Der Bolschewismus in der ganzen Welt gehe aus und werde hauptsächlich gefördert von Juden. Die „Germania" stellt die Frage: „Ist der revolutionäre Zug vieler Juden wirklich eine Reaktion gegen das Getto öder war umgekehrt ihre Absperrung schon durch die Erkenntnis veranlaßt, daß sich unter ihnen viele unruhige Köpfe befanden?" Die „Germania" erklärt, dem Antisemitismus nicht Vorspanndienste leisten zu wollen, aber das Judentum müsse einmal allen Ernstes daran erinnert werden, daß Druck Gegendruck erzeuge und daß der „Antisemitismus bei dieser Gegenwirkung sich .naturnotwendig einstellen müsse, weil beiln Spa-rtacismus zuviel Semitisches ist. „Ginge es im bisherigen Stile weiter, dann wird kein Mensch abwenden können, was kommen muß. Einzelne semitische Probleme, z. B. wie groß der Prozentsatz der Juden an der Front und unter den Reklamierten war, harrten noch ihrer in Aussicht gestellten Lösung. Man könne diese Dinge ruhen lassen, wenn sich die Juden ganz klar und unzweideutig aus den Boden der Demokratie stellen und ihre Blätter (?) nicht immer mit den Kommunisten niehr oder weniger liebäugeln." Soweit die „Germania", die ihre Aeußerungen nicht als Drohung, sondern als Warnung ausgesaßt wissen null. Sie richtet diese mit der direkten Adresse an die Kommunisten und Spartaeisten, aber unter dieser Adresse zugleich sehr deutlich an die Unabhängigen, deren vornehmste Parteileiter und Stimmführer bekanntlich jüdischen Blutes finb und deren Blätter nach den Worten -der „Germania" „mehr oder weniger mit den Kommunisten liebäugeln". Der Vorstoß der „Germania", deren Partei mit den Rechtssozialisten die jetzige Regierung bildet, ist so vehement, daß er politisch unmöglich übersehen .werden fann; namentlich auch nicht, wenn man sich erinnert, wie die „Freiheit" bereits dem jüngsten sozialdenwkratischen Parteitag in Weimar vorwnrf, daß dieser ganz im Stile der Katholikentage „eine leichte antisemitische Note" gehabt habe. Nebenbei sei bemerkt, daß die letzten Zahlreichen Geschäftsplünderungen nach Ansicht der Gertachschen „Welt am Montag" ebenfalls eine antisemitische Note aufgowieM Hütten. Ter Angriff des gewichtigen Zentrumsorgans ist -dagegen eine sehr ernste Sache und macht den'Eindruck, als ob beu großen jüdischen Führern der Extremen eindringlich zu Gemüte geführt werden soll, welche gefährlick)e Karte bei fortgesetzter Auspeitschung der Volkslei denschasten schließlich die Gegenpartei ins Spiel werfen könnte. In leidenschaftlicher Erregung antwortet das Hauptparteiblatt der Unabhängigen, die „Freiheit", auf die Aeußerungen der „Germania". Tie antisemitische Pogromhetze, wie sie sich mehr ober weniger in der ganzen Welt bemerkbar mache, so sagt die „Freiheit", trete namentlich in Deutschland und in Oesterreich immer frecher ans. Mit jesuitischer Heuchelei betreibe sie jetzt auch die „Germania". Im Lichte dieser offenen Kanrpsansage des führenden Zentrumsorgans nehmen die geheimen Wühlereien der Pogromisten einen weit ernsteren Charakter an, als man ihnen bisher zuschreiben durfte. Deshalb will die „Freiheit" in jene Kloaken hineinleuchten, aus denen die „Germanin" ihre Argumente iwtb Streitkräfte gegen die revolutionäre Judengefahr hole. Das unabhängige Organ zählt sodann unter genauer Ädressenangabe verschiedene antisemitische ÄerermgunAtt und Propagandästätten aus, von denen aus über Deutschland die Agitation betrieben würde. Danach wäre anscheinend die Hauptzentrate in Berlin. Andere bestünden in Leipzig, Hamburg, Duisburg Ruhrort und Stuttgart. (Doch dürfte diese Auszählung der „Freiheit" kaum vollständig sein.) Ferner behauptet das Blatt, die antisemitische Agitation strebe danach, aus bestimmten Elementen in den Freiwilligonkorps eine „Pogromgarde" zu gewinnen, weswegen auch die Kasernen mit antisemitischen Flugschriften überschwemmt würden; gleiches geschehe in Fabriken, Eisenbahnzügen ustv. Man arbeite sichtlich mit großen Mitteln. Jüngst sei allein eine Broschüre, betitelt: „Vergiftung des deutschen- Volkes", in 200 000 Exemplaren an deutsche Geistliche und Lehrer von Berlin aus versandt worden. „Den Inden schlägt man," so ruft die „Freiheit" aus, „und die Revolution meint man", indem man, wie seinerzeit in Rußland, Rumänien und Polen, eine konterrevolutionäre Pogromhetze systematisch betreibe. Besonders kennzeichnend findet die „Freiheit", daß das Organ einer der regierenden Parteien die Pogvombewegung als Droh- und Schreckmittel gegen die revolutionäre Bewegung benutzt und daß weder der „Vorwärts" noch irgendein bärgertich-demokratisches Blatt bisher ein Wort der Abwehr gegen die „Germania" fand. Zunächst schweigen diese Blätter auf die Anzapfung der „Freiheit". Dagegen veröffentlicht der „Vorwärts" ein antisemitisches Flugblatt des Berliner Propagandaausschusses über Levines Hinrichtung und fordert den Reichswehr minister Noske zürn Einschreiten auf. Man fragt sich jetzt mehr denn je, ob Erzbergers Stimme aus der „Gerinania" tönt und ob er seine Unpopularität wegen des Versailler Friedens durch die Befestigung der inneren Ruhe auszulöschen gedenkt. Unserem schwarzen Lloyd George traut man viele Künste zu, auch den Milt, etwas zu wagen nachdem er jetzt an der Spitze steht. * „Das Bruderwort", die Zeitschrift des Deutschen unabhängigen Ordens der Odd-Fellows, veröffentlicht in der Nummer vom 14. Juli d. I. folgenden gegen die antisemitischen Treibereien gerichteten Artikel, der schon aus dem Grunde besondere Beachtung verdient, weil er vom Groß-Sire des Ordens gezeichnet ist: Bon der Vergiftung des deutschen Volkes. So betitelt sich eine Flugschrift, welche gegenwärtig in ganz Deutschland verbreitet wird und sich an die deutschen Geistlichen, Lehrer und Erzieher wendet, um sie „aufzuklären über die eigentlichen Ursachen des jetzigen deutschen Niederganges" und sie zu gelvinnen für den Kamps gegen das Judentum. Es fällt wirklich unendlich schwer, gegenüber einem solchen tendenziösen Machwerk ruhig und sachlich zu bleiben. Wer zeit seines Lebens Schulter an Schulter mit Juden für die höchsten und heiligsten Ideale gekämpft hat, der weiß, wieviel Edelsinn und wieviel sittliche Tüchtigkeit in unseren jüdischen Volksgenossen steckt, den muß es empören; daß wieder einmal eine Hetze ausflammt, die geeignet ist, das Voltsgemüt zu vergiften und die schlimmsten Folgen herbeizuführen. Das fehlt gerade noch zu allem Elend, daß auch in die empfänglichen Herzen unserer Jugend das Gift des Glaubenshasses geträufelt werde. Es war schon in Friedenszeiten ein merkwürdiger Beweis von christlicher Liebe und Gesinnung, daß von manchen Seiten dem Judentum ein Kampf auf Leben und Tod angesagt wurde. Heute ist solches Vorgehen in erhöhtem Maße eine Dummheit und ein Verbrechen. Eine Dummheit, weil man vernünftigen Menschen doch nicht immer wieder mit alten, aufgewärmten Geschichten kommen soll, um sie gruselig zu machen, eine Dummheit, weil wir ohnehin schon tief in der Achtung der anderen Völker gesunken find und wahrlich nicht mehr viel von unserem Kredit zu geben haben. Will man uns denn ganz unmöglich machen durch ein von Tag zu Tag unwürdiger werdendes Verhalten? Ein Verbrechen aber ist die neueste Judenhetze, weil sie mit den schlimnrsten Mitteln arbeitet, um gegen einen Teil unseres Volkes Haß zu säen, weil sie vor offenbaren Lügen nicht zurückschreckt, weil sie verallgemeinert, weil sie unser Bolk entzweit in einer Zeit, die nichts weniger als Zwietracht vertragen kann. Gewiß find nicht alle Juden Jdealmenschen, sind es etwa alle Christen? Gewiß waren auch unter den deutschen Juden manche, die ihre Pflichten gegen das Vaterland nicht erfüllten oder verkannten. Das fei alles zugegeben. Aber daraus erwächst nicht das Recht, alle Juden zu beschuldigen,

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