Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1919)
- Date
- 1919-07-25
- Page
- Seite 326 (sequence 2)
- Language
- German
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326 - hat. Ist doch noch in unseren, Tasten das Bekenntnis zur Messianität Jesu selbst in Kreisen liberaler Christen ilnd aufgeklärter Männer nicht selten die Voraussetzung, uns Würden und Aemter zuzugestehen und uns den Eintritt in die „Gesellschaft" zll gestatten. Die Blätter unserer Geschichte sind neben anderen Gründen auch daher mit Blut geschrieben,, weil über der Lehre vom Messias das Streben nach dem messianischen Reich der Liebe vergessen, zum mindesten vernachlässigt worden ist. Dies Urteil darf für die innere Geschichte der Kirche selbst gelten. Daß sie alle ihre Glaubenssätze und Lebensäußernngen zu dem persönlichen Messias in Beziehung gesetzt hat, ist naturgemäß, denn er ist der Felsen, auf dem sie anfgebaut ist. Wir verstehen daher, daß die Erörterungen über das Wesen des Messias, über seine irdische oder übernatürliche Abstammung, über seine Gottähnlichkeit oder Gottgleichheit, über seine Mittlerrolle bei der Vergebung der Sünden durch Jahrhunderte hin ein so großes Ausmaß hatten. Unbegreiflich erscheint aber der Fanatismus und der nicht selten leidenschaftliche Haß, mit dem die innerkirchlichen, Kämpfe ausgetragen wurden. Es blieb bekanntlich nicht immer beim friedlichen Austausch der Gedanken und bei der Anwendung geistiger Waffen. Der Eifer, dem wahren Glauben zum Siege zu verhelfen, erstickte gar oft jede edle Regung gegen den Gegner, und um des guten, Zweckes seiner Ausschaltung willen erschienen die verwerflichsten Mittel heilig. Alle Register grobzupackender Bekämpfung wie einer zu feinster Methode entwickelten seelischen Peinigung blieben der Kirche nicht fremd. Sie säte, wenn es ihr notwendig schien, Feindschaft zwischen Eltern und Kindern, verfolgte „Ketzer" mit brennendem Haß, entfesselte Bürgerkriege, entflammte Länder zu jahrelangen Religionskriegen - im Namen des Messias, des demütigen Fürsten der Liebe. Noch heute stehen sich, wenn auch um der Reinheit des Glaubens willen kein Blut mehr fließt, die Bekenntnisse in starrer Gegensätzlichkeit a ege n über und vermögen wicht so viel Kraft der Versöhnung zrr entwickeln, daß eine christliche Einheitskirche geschaffen werden kann. Das messianische Reich ist selbst für die Christenheit noch nicht von dieser Welt. Diese betrübende Erkenntnis hat uns der Völkerkrieg in besonders erschütternder Weise zum Bewußtsein gebracht, um vom „organisierten Mord" vergangener Jahrhunderte zu schweigen. Wohl nahmen au ihm Kämpfer einer niedrigen Kulturstufe teil Schwarze aus dein dunklen Afrika , aber diese bildeten nicht den Haupttrupp, waren nicht die Entzünder, noch weniger die Lenker und Leiter des Ringens. Männer von höchster Geisteskultur hetzten Nationen von ansgereifter Bildung gegeneinander: Menschen, die -Honigseim aus den Blüten von Kunst und Wissenschaft ' gesogen hatten, stürmten in die weite Arena mit blinder Wut, maßen sich im Getümmel der Feldschlacht mit einer Unmenschlichkeit, die als das Kennzeichen der Roheit und Unbildung versunkener Geschlechter des Altertums galt, denen die Sonne der „Liebe" noch nicht aufgegangen war. Der Menschenhaß feierte seine höchsten Triumphe, die Völkerentfremdung wurde unüberbrückbar, denn das Himmelsticht der Humanität war verhüllt im Schatten bombengefüllter Flugzeuge. Der Krieg, so sagt man, bedeutet den Bankerott des Christentums. So viel Uebertreibung in dem Worte liegt, ein Korn Wahrheit enthält es. Das Christentum basiert auf dem Glauben an einen Persönlichen Messias und hat durch diesen Glauben gewiß Millionen Menschen Persönliche Beseliguug und Herzensruhe vermitteltder Welt aber nicht dein» äußeren Frieden gebracht, nicht bringen können. Denn g e g e n ü b e r d e r ü b e r t r lebe n e n Bew er t u ng des Glaubens an den per-- sönlichen Messias wie der Gläubigkeit überhaupt mußte die P r o P h e t i s che V er kü n d i g u n g des messianischen Reiches als weniger bedeutungsvoll erscheinen. Dev Blick der Völker wurde gerade von dem Kernstück der Weissagung abgelenkt, dessen stete Vorhaltung allein ihrem Sininen die Richtung zum Weltfrieden zu geben, den Friedenwillen wachzuhalten, eine ungebrochene, immer wieder sich erneuernde Aktivität zu diesem Ziele hin zu entwickeln vermocht hätte. In dem Maße, in dem das Personale des Messianismus den universalen Gedanken erdrückte, entfernten sich die Völker von dem biblischen' Ziele, in friedlichem Zusammenwirken die Erfüllung der Heilsbotschaft zu erblicken. Sie erzogen sich demgemäß gar nicht oder -nicht mit der notwendigen Intensität zu versöhnlicher Denkart, daß der Weltkrieg hätte vermieden werden können. Sollen Katastrophen, wie wir sie in den letzten Jahren schaudernd erlebt haben/unmöglich werden», so muß der Schwerpunkt der messianischen Idee wieder d a h i n ge legt w e r d e n, w o e r n a ch j ü d i s che r A u ffassung ruht — im Frie d e n auf Erden. Die egozentrische Dogmatik des Christentums, die das durch den Glauben an den bereits erschienenen» Messias bedingte Heil der Einzelseele hypertrophisch betonte und nährte, muß überwunden Iverden durch die kosmozentrische des Judentums, wonach das Weltheil zu fördern ist. Sonst geht die messianische Verkündigung ihres erzieherischen' Einflusses auf die Politik verlustig, wie in diesem Betracht das Christentum tatsächlich Bankerott gemacht hat. So wird denn auch» der Völkerbunds der gegründet wird oder dessen Gründung wir sicherlich ein gut Stück näher gekommen sind, nicht unter einer dogmatischen Einwirkung der Tochterreligion geschlossen, nicht im Namen Jesu und nicht im Glauben, an einen bereits erschienenen Messias. Hat doch dieser Glaube die Welt nicht zum messianischen Außenziel des Völkerfriedens erzogen und durchaus frommgesinnte Geister nicht zurückgehalten, die Theorie vom gottgewollten Krieg zu ersinnen. Daher findet er auch keine Stätte auf der Tribüne des Friedenskongresses, so weit der Gang der Verhandlungen es schon jetzt erkennen läßt. Dagegen tönt allenthalben, bald dröhnend wie Donnerbald lockend wie Sang aus höheren Sphären, des Propheten Wort: „Sie fügen einander kein Leid und kein Verderben zu ans meinem ganzen heiligen Berge." lieber dem Meere von Schlamm und Blirt, in das die Erde-gesunken ist, taucht leuchtend wie die Sonne als pfadweisendes Ziel das Ideal einer in Liebe und Eintracht geeinten Menschheit -empor. Zwischen Trümmerhaufen und Menschenleichen blüht die Blume der Erkenntnis auf, daß unser Heil m dem Streben liegt, die Schwerter umzuschmieden zu Pflugscharen und die Lanzen Ul Rebmessern. Mit anderen Worten: die christl i ch e Bet r a ch t u n g s w e i s e der messianische n D e r k ü n d i g it n g weicht end I i ch d e r jüdis ch e n. Tie Welt hat ----- leider erst nach heftigen W e h e n die E i n s i ch t gewonnen für da s W e s e n t l i che u n d Gottgewollte im Worte des Prophete n. Unter der erzieherischen'' Einwirkung der „hebräischen Wahrheit" ist man jetzt geneigt, dem Appell an die Waffen zu entsagen, den Krieg als ultima ratio der Politik anszttschalten und durch Vereinbarungen und überstaatliche Schiedsgerichte einen Blind der Völker auf der Grundlage von Gerechtigkeit, Liebe lind Frieden zu gründen. Das Judentum hat wieder einmal recht behalten, nach furchtbaren Tagen ist seine Wahrheit hell wie flammendes Licht aufgestrahlt und hat die Zahl feiner Siege um einen vermehrt. Hütte die Menschheit sich durch die jüdische Schriftdeutung leiten und erziehen lassen, dann hätte sie schwerlich 2000 Jahre auf Völkerbund und Friedenskongreß zu warten brauchen.- Heil uns, wenn der Messias in unseren Tagen kommt! Sein