Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1919)
- Date
- 1919-07-25
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin, 25. Juli191$ 65 Jahrgang. Nr. 50 Allgemeine eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint «vchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buch» Hunde! oder die Post (in Berlin und vor» orten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 2 M. — Postscheckkonto 324. Begründet von llsddiner Dt. Ludwig Philippfon Vertag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, 3» richten. Verlag von Rudolf Mosse Berlin. Tfttftftit* jüdische Betrachtung zum Frieden und Völkerbund. Von jßNLILUL. Rabbiner Dr. Zlocrsti (Insterburg). — Die Woche. — Das Jüdische Krankenhaus in Memel. Von —ns. — Polnische Freihei'tsi- und Pogromhe-lden. Von Dr. I. Eisenberg. — Der neue Bürgermeister von Prag. Von I. V. Münz (Wien). — Die jüdische Sage. Von I. Herzberg, (Bromberg). — Feuilleton: Benjamins Liebeslied. Von Samuel Meisels. Der Gemeindebote (Beilage der „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Breslau, Zossen, Hamburg, Kolberg, Rostock, Leipzig, AWnchen, Hannover, Karlsruhe, Budapest, London. — Von Nah und Fern. Jüdische Betrachtung?um Frieden und Völkerbund. Don Rabbiner Dr. I. Zlocrsti (Insterburg), f§ Ergebnis des so sehnsüchtig erwarteten Friedens erhofft die unter 'den Nachwehen des blutigen Krieges so schwer leidende Menschheit eine Neuordnung der Welt, durch die blutige Zusammenstöße unter den Völkern in Zukunft vermieden werden. Dieses schöne Ziel sehnte im grauer Vorzeit schon der Prophet Jesaja herbei. Er sprach: „Es geht ein Reis hervor aus dem Stamm Jsais und ein Zweig entsprösset seinen Wurzeln . . . Dann fügen sie einander kein Leid und kein Verderben zu aus meinem ganzen heiligen Berge ... sie schmieden ihre Schwerter um zu Pflugscharen, ihre Lanzen zu Rebmessern und lernen nicht mehr das Kriegführen." Wird der Friedenskongreß seine erlösende Ausgabe erfüllen, so hat die Menschheit immerhin fast 2000 Jahre aus die Erfüllung des Prophetenwortes warten müssen. An dieser Verzögerung ist zu einem Teile eine einseitige Ausdeutung des Schrifttextes seitens der Tochterveligion schuld. Das sei im folgenden erörtert. Persönlicher Messias und messianiisches Reich sind der Inhalt der Verkündigung. Was von beiden ist der Kern der Weissagung? Wir Juden hielten von jeher letzteres für das Wesentliche und mit allen Mitteln dieser Welt 'Erstrebenswerte. Andere Bahnen wandelte die Tochterreligion. Nachdem einmal, aus welchen Gründen immer, Jesu als der erwartete Sproß Davids galt, rückte die Bedeutung des persönlichen Messias ganz in den Vordergrund. Das Judentum wehrte sich gegen die einseitige und beschränkende, den Mick auf die Gesamtverkündigung verhüllende Auslegung des Bibelwortes, und zwar um so mehr, als die Zeitverhältnisse von dem Zustand eines goldenen Zeitalters des Friedens und der Sittlichkeit weit entfernt waren. Waffenlärm durchhallte die Welt, Roms eiserne Hand unterdrückte Völker, Palästina selbst seufzte unter schwerem Joche, Gottlosigkeit und Sittenlosigkeit feierten an den Hauptstätten der Kultur und des Politischen Lebens wilde Orgien. Die Kluft zwischen der Wirklichkeit und der Hoffnung war zu groß und zu offensichtlich, als daß der Schrifttext zugunsten eines Menschen, sei er noch so verehrungswürdig gewejsem,, hätte vergewaltigt werden dürfen. Das messianische Reich bedarf des Messias nicht in dem Maße wie der Messias des m essianischen Reiches. In dieser richtigen Erkenntnis versagte das Judentum dem Nazarener die Anerkennung als Gesalbten Gottes. So >viel Berührungspunkte und innere Beziehungen Mutter- und Tochterreligion gleichwohl behielten, an diesem Punkte konnte es eine Einigung nicht geben, denn das Judentum als Religion der lebensvollen Wirklichkeit bleibt unvereinbar mit Glaubensvorstellungen, deren Zentrum Personenkultus und Menschenvergötterung bilden. Hierin lag schon damals nicht etwa ein Gegensatz lediglich theoretisch-dogmatischer Natur. Er war vielmehr von ungeheurer praktischer Bedeutungfür die Erziehung der Völker. Der Glaube mag wohl selig machen, aber allein genügte er zu keiner Zeit als Ansporn zur sittlich-guten Tat. Indem die Person des Messias eine so überragende Bedeutung über die Idee des mefsianischvn Reiches hinaus erhielt, rückte diese, obwohl Herzstück der prophetischen Schau, in den Hintergrund, und zwar um so mehr, je höher die christliche Gläubigkeit stieg. Das religiöse Sehnen wurde durch eine zentrifugale Dogmatik allzu einseitig in die Richtung aus Jesu statt auf die Menschheit gelenkt. Das Heil der Seele war in den subjektiven Glauben au die Messianität Jesu, nicht in das Streben nach faktischer Verwirklichung deS messianischen Reiches auf Erden gelegt worden. Bei solcher Auffassung mußte die Erziehung der Menschen notwendigerweise beeinträchtigt werden. Der Hinweis auf das Ziel des Völkersriedens, der nniterschiedslosen Nächstenliebe überhaupt, verlor eben an Bedeutung gegenüber der Heilsgewißheit im Glauben an den Messias. Das Judentum hat es am bittersten erfahren. Mit einer Nnversöhnlichkeit sondergleichen wurden wir gehaßt. Was Menschenwahnwitz an Quälereien ersinnen konnte, ist aufgeboten worden>, um uns zu verderben. Keine >der vielen Mahnungen zur Nächsten- und Feindesliebe, auf die das Christentum so stolz ist, vermochte die Herzen seiner Bekenner für immer zu sanftmütiger und duldsamer Behandlung derer zu erweichen, die von dem Stifter selbst als seine Brüder dem Fleische nach bezeichnet worden waren. So mußten wir die ganze Stufenleiter der Leiden erklimmen. Wohl hat man lins oft einen Ausweg aus ihnen gelassen, uns eine Möglichkeit der Erleichterung unseres Loses — sei es unter Androhung von Gewalt, sei es durch verlockende Versprechungen — nahegelegt: die Taufe, d. h. die Anerkennung Jesu als des bereits erschienenen Messias. Es verhallte in leerer Luft: „Sie fügen einander kein Leid und kein Verderben zu auf meinem ganzen heiligen Berge." Hinsichtlich der Behandlung Israels ist es, als wäre dies Wort nie gesprochen!. Es verblaßte jedenfalls hinter der Lehre vom persönlichen Messias so sehr, daß es einen hinreichenden erzieherischen Einfluß in der Richtung der Nächstenliebe zu dm Juden nicht ausgeübt