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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-07-18 · Heft 29 (18.7.1919) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 29 (18.7.1919)
Date
1919-07-18
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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s darf ich wohl von jedem ehrlich denkenden Mitbürger mit Recht voraussetzen. Unlautere und unsaubere Elemente hat ein jeder Stand, eine jede Gefellschastsschicht.aufzuweisen, und wird es niemals jemanden einfallen, dafür die ganzen Standesgenossen ob der Verfehlung eines einzelnen zu verurteilen oder gar zu verhetzen. Diese Denkungsart nehme ich als Jude auch für meine Stammes- und Glaubensgenossen in Anspruch und gehe nicht fehl, wenn ich an alle meine Mitbürger Hamburgs den Appell richte, alle, die es darauf abgesehen haben, die Menge gegen die Juden zu verhetzen, ganz energisch abzuweisen, um jede Pogromstimmung im Keim zu ersticken. Ich richte diesen Appell an alle Mitbürger, ohne Unterschied der Parteien, da es eine Forderung der Menschlichkeit und der Gerechtigkeit ist, die alle Parteien gleichmäßig, berührt. Ganz abgesehen davon, daß von meinen Glaubensgenossen in fast allen Parteien Mitglieder vertreten sind, haben sie in >der schwersten Not des Vaterlandes bewiesen, daß auch sie mit Gut und Blut die gemeinsame Sache des Vaterlandes vertreten haben. Deutschland braucht in seiner schlversten Stunde Ruhe und Frieden im Innern, und an dem schweren Aufbau im neuen Reich zu neuem Glück wollen auch meine Glaubensgenossen mit Eifer und Hingebung teilnehmen. M o r i tz L i s s a u. e r , Grindelallee 116, 3. Etage. — Bochum, 11. Juli. Ueber „I u d e n t u ui u n d Weltkvmmunismus" schreibt der „Arbeiter", das Organ des Verbandes der katholischen Arbeitervereine, in seiner Nummer 12: „Wie hangt das Judentum mit 'dein Weltkommunismus zusammen? Die Antwort lautet einfach dahin, daß das Judentum auf die allgemeine Zerstörung rechnet, die -eine notwendige Folge des Kommunismus ist. Wenn dann inmitten des gänzlichen Zusammenbruches alles aufgelöst ist, wenn der Hexenkessel der Anarchie die jüdischen Schreier und Wortführer an die Spitze gebracht hat, dann wird der Augenblick eintreten, wo 'die zerschlagene und zu Tode erschöpfte Welt sich nach einer Rettung umsteht und alles hinnimmt, lvas ihr Ruhe zu geben verspricht. Das ist der Augenblick, wo die tatsächliche Herrschaft des Judentums beginnt, nur die von der Anarchie und von dem Elend zermalmten Völker unter eine neue Herrschaft zu nehnren, der sie sich fügen werden, nämlich unter die Herrschaft des internationalen Judentums." Trotzdem lvird das Zentrum fortsahren, bei allen Wahlen seine programmatische Judenfreundlichkeit zu betonen. Was sagen die zentrumsbegeisterten Rabbiner des Rheinlands zu dieser „Entgleisung" „ihrer" Partei? — Nürnberg, 11. Juli, lieber den Einfluß der Juden auf die Neuzeit sprach im Jüdischen Jugendverein im Lnitpoldhaus Herr- Justin Lamm. An Hand geschichtlicher Tatsachen zeigte er, daß es zu allen Zeiten bis in die Gegenwart herein nie an bedeutenden j irdischen Männern gefehlt habe, die die Bewunderung und Anerkennung der Mit- -und Umlvelt herausfordert-en. Jüdischer scharfsinniger Geist betätigte sich in allen Wissenszweigen, in Handel, Industrie und im öffentlichen Leben. Alan kann die Juden das Volt der Philosophie neunen. Redner könnte viele Namen anszählen, die als führende Theologen imb Philosophen wirkten oder als berühmte Mediziner und Rechtsgelehrte, als Dichter und Komponisten oder als Erfinder unvergessen sind. Auf finanziellem Gebiete waren stets Juden an führender Stelle. Ein hervorstechender Charakterzug sei das Bestreben, m der Stille hilfreich zu sein und Gutes zu wirken. Am Kriege waren viele Juden mit Begeisterung beteiligt. Es fehlte nicht an Auszeichnungen, aber auch nicht an Gefallenem Trotzdem war das Judentum stets Schrnähnngen ausgesetzt. Redner schloß mit der Aufforderung an den Jugendverein, jüdische Kultur auch ferner zu bauen und zu pflegen. — Bamberg, 11. Juli. Jur Landtag fanden kürzlich scharfe Erörterungen statt über die Frage der Anstellung von israelitischen Lehrern an den Simultanschulen und damit auch über die von der Bayerischen Volkspartei arrsgeworfene Frage, ob die Simultanschulen christlichen oder konfessionslosen Charakter haben sollen. Die Parteien und der Ministerpräsident gaben noch einmal ihre grundsätzliche Stellung dazrr kund. Die Bayerische Volkspartei ließ durch ihren Redner den starren Standpunkt vertreten, daß die Simultanschule den christlichen Charakter auch in der ganzen Erziehungstütigkeit zum Ausdruck bringen müsse. So weit gehe das Abkommen Zur Koalition nicht, daß von einem Abrücken von diesem Grundsatz die Rede sein könne. Ein atheistischer Lehrer dürfe in keiner Schule geduldet werden, und ein israelitischer Lehrer könne an einer Schule christlichen Charakters nicht tätig sein. Das Erziehungsrecht der Eltern müsse im Schulbetrieb zur Geltung kommen, und die Schule dürfe das Gewissen der Erziehungsberechtigten nicht bedrücken. Ministerpräsident Hofsmann bedauerte, daß das Erziehungsrecht der Eltern vom Zentrum gegenüber den Freireligiösen nicht ebenso hartnäckig verlangt, sondern bekämpft wurde. Er hielt daran fest, daß im Abkommen zum Koalitionsministerirun überhaupt nicht vom Wesen der Konfessions- oder Simultanschule gesprochen werde, sondern nur von dem technischen Weg zur Vermehrung von Simultanschulen. Alle grundsätzlichen Fragen seien der Vereinbarung unter den Parteien Vorbehalten. Das Recht der Freiheit des Lehrers im religiösen Sinne dürfe nicht geschmälert werden, auch die freie Betätigung nicht. In der Schule freilich müsse Toleranz und Takt herrschen. Entsprechend einem demokratischen Antrag, die zur Entscheidung aufgeworfenen prinzipiellen Fragen bis zur Beratung eines Schulgesetzes und bis zur Verabschiedung der Verfassung zurückzustellen, wurde die Bestimmung über die Verwendung israelitischer Lehrer an den Simultanschulen aus dem Gesetz vorläufig gestrichen und der Streit auf diese Art für längere Zeit vertagt. Drutlch-Lelttrreich. z. Wien, int Juli. Das Jüdische Realgh m nasi u m f ü r K n a b e n u n d Mädchen in Wien , wird oller Voraussicht nach im September eröffnet werden können. Es ist geplant, mit der Unterstufe (vier Klassen) zu beginnen. Der Lehrplan enthält für alle Klassen einen entsprechenden obligaten Unterricht im Hebräischen; als zweite Sprache soll neben dem Lateinischen das Englische von.der dritten Klasse an obligat gelehrt werden. Ter Unterricht in den Freisächern (Französisch, Gesang, eventuell Musik) soll tunlichst ausgebaut werden. Eine besondere Berücksichtigung soll die körperliche Ausbildung (Turnen, Sport, Wandern) finden. Ter Unterrichtsausschuß hofft in .allernächster Zeit mit der Entgegennahme der Anmeldungen beginnen zu können. — Antisemitisch e Propaganda a u s P o st k a r t e n> ist die neueste Methode unserer alldeutschen Antisemiten. Die antisemitischen Postkarten, mit denen die Stadt überschwemmt lvird, zeigen aus der Rückseite haßerfüllte Karikaturen und auf der Vorderseite folgenden Text: Moses prophezeite vor 3500 Jahren: „Und du (Israel nach dem Fleische) lvirst zum Entsetzen werden., znm Spricht wort und zur Spottrede unter allen Völkern, wohin Gott dich vertreiben wird." Ferner: „Tenn ich weiß, daß ihr nach meinem Tode vergeblich handeln und von dem Wege abweichen werdet, den ich euch geboten habe; und da lvird euch das Unglück treffen am Ende der Tage (durch die Pogrome), weil ihr getan, lvas böse in den Augen des Herrn, und ihn erzürnet habet durch die Werke eurer Hände." (Siehe 5. Buch Moses, Kap. 28, Vers 37, und Kap. 31, Vers 29.) Jndenmassakersj müssen also sein, damit die Propheten und Gottesmörder am eigenen Leibe fühlen, daß die mosaischen Prophezeiungen wahr sind. M)it diesem „geistigen" Rüstzeug lvird ganz Wien überschwemmt. — Am 26. Juni ist in seiner Wiener Wohnung, 1. Bezirk, Neutorgasse 18, der Nestor der Wiener Laryngologen Universitätsprofessor Dr. Wilhelm Roth nach langem qualvollen Leiden gestorben. Er hat ein Alter von 70 Jahren erreicht. Professor Roth war in Fachkreisen als Autorität außerordentlich geschätzt und erfreute sich allgemeiner Beliebtheit. Das hohe Ansehen, das er .bei seinen Kollegen gewiß, zeigte sich auch darin, daß er nach dem Tode Professor Chiaris zum Präsidenten der Laryngologischen Gesellschaft gewählt wurde, an deren Spitze er bis zu seinem jetzt erfolgten Tode stand. Professor Roth widmete sich auch mit Eifer seinem Lehramte. Seine die Erkrankungen der Atmungsorgane behandelnden Vorlesungen, die er bis in das letze Semester hinein hielt, erweckten allgemeines Interesse. Professor Roth war ein treuer Jude, hielt mit Innigkeit an dem angestammten Glauben und hat als edler Mensch durch sein Wirken und seinen Wandel -die Tugenden der jüdischen Volksnatur sichtbar zur Erscheinung gebracht. Lnglsnd. . z. London, im Juli. Der 26. Juni, der hier zum Protest gegen die Judenpogrome in Polen als Trauertag abgehalten lvurde, war sicherlich einer der eindrucksvollsten Tage in der jüdischen Geschichte Englands'. Schon Mittwochabend herrschte „Jom-Kipur-Stinnnung" irr allen jüdischen

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