Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 29 (18.7.1919)
- Date
- 1919-07-18
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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- 2 unzähligen fed^rcikn ivtbvt eine Antwort bekam, noch seine Papiere erhalten hat, richtete an das Ersatzbataillon Infanterieregiment Nr. 37 folgendes Schreiben: „Wann erhalte ich die von mir eingcyaltenen Papiere? Durch Ihre Verzögeruntzspolitik erreichen Sie nicht, daß ich aus meine Ansprüche verzichte, die bleiben bestehen. Hochachtungsvoll . . Darauf erhielt er folgendes- Schreiben: „Ihre Zeilen gelangten heute in Lei: Besitz und wird Ihnen erwidert, daß bereits eine Zahlungsanweisung am 23. Mai 1919 dem Bezirkskvmmando Berlin III übersandt wurde. Ferner wird ersucht, mit solchen mistigen beleidigenden Schreiben das Regiment nicht mehr zu bedrängen. Sie haben doch sicher auch bei den Preußen abwarten gelernt. Alan ist ja leider gewohnt, von Ihren Glaubensgenossen solche Schreiben zu erhalten. Machen Sie also Ihre weiteren Ansprüche beim Bezirkskommando geltend." Das Schreiben des Truppenteils trägt keine Unterschrift. Mit Recht verlangt der „Vorwärts", daß das Kriegsministerium sich um die Angelegenheit kümmert und die Bestrafung des Schuldigen herbeiführt. Das Schreiben ist bezeichnend für den neudeutscheu Geist gewisser, immer noch einflußreicher Kreise. Der gleiche Geist manifestiert sich auch allabendlich in ungehinderten Pogrvmauffvrderungen von Straßenrednern am Potsdamer Platz. '22 Berlin, 15. Juli. Am 29. v. M. veranstaltete die Ende April d. I. gegründete Beziirksgruppe Ost der Agudas-JisroobJugen.d'- gruppen Berlin ihren ersten Heimabend, verbunden mit einer Neumondfei-er. Herr Rabbiner Dr. Lvewenthal begrüßte die zahlreich erschienenen Gäste — es waren etwa hundert Personen anwesen-d. Er wies in seiner Rede auf die Bedeutung des Tages und insbesondere auf die der Zusammenkunft hin, die den Beginn von regelmäßig stattsindenden Heimabenden bilden soll. Zum Schluß forderte er die Mitglieder ans, noch mehr als bisher Arbeit für die Agudah zu leisten. Hierauf folgte ein kurzes gut allsgearbeitetes Referat des Herrn Siegluert Li p sch ätz über „Das Wesen des Messias". Nach Ansprachen des Herrn Rabbiner Dr. Bleich rode und des Vertreters des Organiiationsvorstandes, Sioguuiud Stei n, fand der gemütliche Teil statt. er. Beelitz (Mark), 15. Juli. Die Israelitische Erz i eh n Nlgsa n st a l k f ü r geistig z u r ü ckgeb l ie b e n e Kinder, die der Deutsch-Israelitische Gemeindebund seit 1908 unterhält, zählt gegenwärtig 50 Zöglinge, darunter 34 Knaben und 16 Mädchen. Die Anstaltsschule umfaßt fünf Klassen, in denen der Direktor, dessen Gattin und eine Kindergärtnerin unterrichten. Ter erzielte Erfolg war befriedigend. Neben dem Schulunterricht wird ein großer Wert auf Entwicklung der manuellen Fertigkeit' gelegt. Tie Kinder erhalten Unterweisung in allen Zweigen der Handfertigkeit und von geprüften Meistern Anleitung in einem Handwerk. Neben Schneiderei und Korbmacherei wird auch der Gartenbau gepflegt. In der Landwirtschaft wird mit den Zöglingen das Anstaltsgelände selbständig bewirtschaftet. Hierdurch wird den Kindern eine angemessene Beschäftigung geboten und ein wertvoller Beitrag zur Erhaltung des Hauses erzielt. Der landwirtschaftliche Teil bedarf einer Vergrößerung. Im abgelaufenen Jahre verließen dreizehn Zöglinge die Anstalt, von denen drei so weit gefördert wurden, daß sie imstande sind, am Unterricht in einer Gemeindeschule teilzunehmen; vier Knaben haben eine so befriedigende geistige und körperliche Entwicklung erfahren, daß sie befähigt sind, ein Handwerk zu erlernen; vier andere mußten wegen Krankheit bzw. Bildungsunfähigkeit entlassen werden; zwei Mädchen konnten als gut gefördert in das Elternhaus zurückkehren, wo sie sich in der Hauswirtschaft betätigen. Bon den zur Entlassung gekommenen Zöglingen har einer sein Gesellenstück mit dem Prädikat „befriedigend" abgelegt. Der Gesundheitszustand der Zöglinge war besriedigend. Tie Einnahmen der Anstalt beliefen sich aus 44 199,15 Mark, von denen 16 916 Mark aus Mikg lieber bei träge und 25 864 Mark auf Pflegegelder für'Zöglinge entfallen. Bon den 45 463 Mark betragenden Ansgaben -entfallen 17 375 Mark auf die Verpflegung und etwa 7000 Mark aus Gehälter -und Löhne. Seit der iin Jahre 1908 erfolgten Gründung der Anstalt, die mit 19 Knaben und 10 Mädchen eröffnet wurde, wurden insgesamt 92 Knaben und 51 Mädchen ausgenommen. Die Anstalt ist eine dringend notwendige Einrichtung, mW wird sich hossenttich auch weiterhin befriedigend entwickeln. — Königsbebtz, 11. Juli. Liebe und Anhänglichkeit an das Königshaus hatten vor der Revolution bekanntlich unsere deutschvölkischen Antisemiten in Erbpacht genommen. Wie 'kurzlebig die Gefühle dieser Herrschaften sind, beweist die Forderung eines „G e r man engeri cht s" über Wilhelm II., die -in einer hiesigen Ortsgruppe des „Deutsch-Völkischen Bundes" erhoben wurde. Der Redner war ein Pfarrer Reh seid, der unter wüsten Hetzreden den Juden Vorwurf, Deutschland ehrlos und rechtlos gemacht zu haben. Kaiser Wilhelm solle vor ein „Germanengericht" gestellt werden, denn seine Blutschuld an Deutschland bestehe darin, daß er das Judentum in Deutschland großgezogen und verhätschelt habe. ' Jüdisches Kapital und die Juden, die der ehemalige Kaiser ohne jedes Gefühl für Rassenehre beschützt habe, haben Deutschland dann zugrunde gerichtet und die deutschen Germanen zu den Prügelknaben der Weltgeschichte gemacht. Tosender Beifall belohnte den Redner für seine eigenartige Forderung. Das ist nun schon das zweite Gericht, das über Wilhelm II. gehalten werdensoll. Und die Alldeutschen als Richter . . . Breslau, 11. Juli. Unter der Ueberschrift „Judenhetze in der Schule" bringt die „Volkswacht" folgenden beachtenswerten Artikel: Zu den schmutzigsten Waffen-, welcher sich die Reaktion bedient, mit wieder ans Ruder zu kommen, gehört unzweifelhaft der Antisemitismus. Bon jeher haben -es die Konservativen verstanden, ihre Sünden von sich abznwälzen und den Juden aufzuhängen. Ist eine derartige Vergiftung der politischen- Kämpfe schon so ekelhast, daß sich jeder anständige Mensch mit Verachtung davon abwenden muß, so ist es geradezu ein Frevel, -den Antisemitismus in die Schule zu tragen. Dies geschieht aber unter den Augen von Lehrern und Direktor, und namentlich das städtische Realgymnasium am Zwinger wird neuerdings wieder zum Tummelplatz dieses verwerflichen Treibens. Bei Schülerausslügen, bei der Wahl der sogenannten Vertrauensschüler und bei vielen anderen Gelegenheiten wird zwischen den christlichen und jüdischen Schülern eine künstliche Scheidewand aufgerichtet, und der Sekundaner Elsner entblödet sich nicht, antisemitische Flugblätter milzubringen und vor dem Turnunterricht zuverteilen. Die Schule ist kein Ort, um Politik zu treiben, und Verhetzungen müssen unter allen Umständen von ihr ferngehalten -werden. Wir müssen aber auch fragen, wie sich Herr Direktor Aust und das Lehrerkollegium dazu stellen? Man komme uns nicht damit, daß diesen Stellen nichts davon bekannt ist. Jeder Lehrer muh den Geist seiner Klasse kennen und der Direktor auch wissen, was in seiner Anstatt vorgeht. Ein Jugendbildner muß über den Parteien stehen, und er hat -dafür zu sorgen, daß die Herzender ihm anvertrauten Schüler nicht vergiftet werden. Die Schule ist geheiligter Boden lind die antisemitischen Jünglinge müssen schleunigst belehrt werden. Der Aufsichtsbehörde sei dieser Fall dringend aus Herz gelegt. er. Hamburg, 11. Juli. Die K r i e g s s ü r s o r g e st e t l e der Deutsch - I s r a tc I i> t i s ch e n G e m e i n d e hat mit dem 1. Juli ihre Tätigkeil eingestellt. Während der Kriegsjahre fyat die Fürsorge etwa 1400 Familien -unterstützt und über eine halbe Million Mark aus öffentlichen Mitteln für die Zwecke der Kriegs- Hilfe in d-er Jüdischen Gemeinde Hamburg verausgabt. Neben diesen Gemeinde Mitteln wurden auch sehr erhebliche Mittel, die der Kommission von privater Seite zur Verfügung gestellt waren, verausgabt. Ja einer feierlichen gemeinschaftlichen Sitzung, welche die Kommission für das Wohlfahrtswesen der Teutsch-Jsraelitischeu ' Gemeinde, Abteilung Kriegsfürsorge, zusammen mit -den Vertretern der ihr angesch-loffenen Vereine, Stiftungen und Anstalten abhielt, erstattete Herr dt. Lev y als Vorsitzender einen eingehenden Bericht über die Tätigkeit der Kriegshilfe. — Hamburg, 11. Juli. Das „Hamburger Echo" vom 4. d. Al. bringt unter der Spitzmarke „Gegen die. Judenhetze" folgendes Eingesandt: Hierdurch gestatte ich mir. Sie ergebenst darauf auftnerksam zu machen-, -daß der Nahrungsmittelskandal von unsauberen Elementen dazu ausgenutzt, wird, mit die Juden des gewerbsmäßigen Wuchers und der Nahrungsmittelsä-lschung zu beschuldigen. Ganz abgesehen davon, daß Jacob Heil trotz seines biblischen Vornamens kein Jude ist und nie ein Jude war, kann man für die Verfehlung eines einzelnen niemals eine ganze Bevölkernngsschicht verantwortlich machen. Diese Denkungsart der anständigen Gesinnung