Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 29 (18.7.1919)
- Date
- 1919-07-18
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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(Waffen. Donnerstag faf) es uvtrfltd) wie am Versölinungstage aus. m* jüdischen Geschäfte, Werkstätten und Fabriken waren geschlossen. Auch die jWischen Zeitungen hatten ihr Erscheinen eingestellt. Niemand arbeitete und niemand machte Geschäfte. Das Publikum besuchte in Massen die verschiedenen Protestmeetings in den Riesen- Hallen wie auch, die Synagogen. Prominente "Juden wie Nichtjuden hielten bei den verschiedensten Versammlungen Ansprachen und erheben flammenden Protest gegen die von den Polen veranstalteten Judenmetzeleien. Eine der eindrucksvollsten Reden hielt der Chi esxabbi, der u. a. sagte: „Ebenso wie Deutschland, das erst dann in die Liga der Nationen ausgenommen werden soll» wenn es seine Verbrechen (?) gutgemacht hat, soll auch Polen so lange nicht in den Bund der freien Völker ausgenommen werden, bis es Sicherheit gewährt, daß alle seine Bürger frei leben können." Am Denwnstrativnszug beteiligten sich gegen 50 000 Juden, die mit über 200 Fahnen durch die von der Polizei bezeichneten Straßen zogen. Außerdem waren noch Zehntausende von Juden als Straßenzuschauer beteiligt. Alle Fahnen waren schwarz eingerollt. An der Spitze des Zuges wurde eine Fahne des nationalen Perbandes der denwbiltt sierten Soldaten getragen, mit der Aufschrift: „Wir haben für alle kleinen Sfcitionen gekämpft und wir protestieren gegen die Judenpogrome." Auch die jüdischen Kinder konnten an der Demonstration teilnehmen, da fast alle Schulen geschlossen waren. Die Beteiligung am Demonstrationszug war so groß, daß der Zug, nicht wie geplant an der Queens Hall, sondern erst im Hyde Park aufgelöst worden konnte, wo ebenfalls ein großes Meeting stattsand. Der Trauertag und die Demonstration haben eine außerordentlich starke Wirkung ausgeübt und waren der schärfste Ausdruck der Solidarität und des jüdischen Mitgefühls nrit den leidenden Brüdern und Schwestern im Osten. Im Namen des Erzbischofs von?)vrk wurde mitgeteilt, der Erzbischof sei überzeugt, daß die an der Nttrcht Seienden sicher alles anwenden werden, um jede Gewalttat gegen die jüdische Bevölkerung in Polen zu verhindern. Unzählige ähnliche Zustimnmngserklärungen liefenvon den prominentesten nichtjüdischen Politikern Englands ein. Von Ash und Fern. — Der av. Professor und Leiter der Hydrotherapeutischen Anstalt an der Berliner Universität Geh. Medizinalrat Dr. med. Lildwig Bri eg er ist zum ord. Honorarprofessor cniuuut lvorden. Der aus Glatz stammende Kliniker war Assistent bei Jrerlchs und Leyden und gehört seit 1882 dem Lehrkörper der Universität Berlin an; er vollendet am 26. Juli sein 70. Lebensjahr. — Ein Institut sür Sexualwissenschaft wurde dieser Tage in Berlin YV, Beethovenstraße 3, eröffnet. Die Aufgabe des Instituts, das von Sanitätsrat Magnus Hirschfeld gemeinsam mit Dr. Krön selb und Dr. Wertheim geleitet wird, ist die Erforschung des Sexuallebens in allen seinen Aeußerungen, und zwar dienen diesem Zweck eine biologische, soziologische und ethlwlogische Abteilung mit entsprechenden Laboratorien, Schausammluugen, Präparaten und Archiven. Das Institut enthält ferner Einrichtungen für alle in Betracht kommenden Gesundheitsstörungen und eine besondere Abteilung sür Eheberatung. — Im „Arbeiterfürsorgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands" sind ostjüdische Arbeiter erschienen, die folgendes berichten: Als sie über die oberschlesische Grenze nach Polen zurückkehren wollten, wurden sie von polnischen Grenzsoldaten angehalten und der Schuhe und Kleidungsstücke beraubt. Manchen ist sogar die Wäsche, die sie am Leibe trugen, abgenommen worden. Mit größter Mühe gelang es einigen, zu flüchten und nach Berlin zurückzukehren. — Am 8. i>. M. verschied nach kurzem schweren Leiden der Gymnasialoberlehrer a. D. Professor Ludwig Levh, Ritter des Roten Adlerordens, im 67. Lebensjahre. Die Beerdigung fand am vergangenen Sonntag unter Teilnahme weiter Kreise auf dem Friedhof in Weißensee statt. -- Bon zuverlässiger Seite wird dem „Vorwärts" mitgeteilt: In der Provinz Posen haben die polnischen Behörden sämtliche jüdischen Rechtsanwälte als Geiseln verhaftet, in der Stadt- Posen selbst auch, andere angesehene Juden. Man fürchtet, daß dies der Anfang einer allgemeinen Judenhetze ist, wie sie ehemals in Russisch-Polen, namentlich in Wilna, gewütet hat. — Aus Breslau wird berichtet: Zum Besten bedürftiger, durch den Krieg geschädigter Breslauer jüdischer Glalibesisgenossen fand am 22. v. M. in der „Lessingloge" ein Wohltätigkeitskonzert mit anschließendem Gesell^chaftsabend statt — Nach kurzer schwerer Krankheit ist am 1. Juli im St.-Josef-Stist zu Bremen der Lehrer Herr Adolf Rot h schild aus Achim mt 44. Lebensjahre verschieden. — Am 21. Juni waren es hundert Jahre, daß der Komponist Jacques Offen buch geboren wurde. Er war, wie ein Kölner Blatt mitteilt, ein Sohn des Kantors Juda E b e r s d| t, genannt Offenbach, zu. Köln. — Ter bei den Unruhen in Nt buchen erschossene Kommunist und Freidenker Sontheimer war nach einer Meldung des amtlichen „Lahrer Anzeigers" kein Jude, sondern ehe- dem ein Katholik. Sein Vater war, so wird dort berichtet, Straf- : anstaltslehrer in Kaisheim. Sontheimer verbüßte vor etwa neun Jahren eine mehrmonatige Gefängnisstrafe in der Gesangen-enanstalt Amberg wegen .schwerer Religionsvergehen. So geht es in zahlreichen Fällen. Was nicht paßt, wird für jüdisch ' erklärt. — Die Gemeinde Arnstein (Unterfranken) beging am 29. Juni die 100. Wiederkehr der Erbauung und Einweihung ihrer Synagoge. In dem festlich geschmückten Gotteshause . hielt Distrittsrabviner Tr. Stein aus Schiweinsurt die Festpvedigt, worin er des langjährigen Lehrers -der Gemeinde, des Herrn Emanuel Oppenheimer s. A., gedachte. Nach Herrn Dr. Stein sprach der städtische'Bürgermeister die herzlichsten Glückwünsche der Stadt und ihrer Verwaltung aus. — Die israelitische Gemeinde zu Kassel beabsichtigt ihren im Felde gefallenen Söhnen ein würdiges Denkmal auf dem Friedhof zu errichten; ein größerer Betrag soll 31t diesem Zweck bereitgestellt werden. — Im Alter von 60 Jahren starb in Karlsruhe in Baden .Herr Leopold Hamburger, Mitglied der orthodoxen Religionsgefellschast, Schwiegersohn des verstorbenen Dr. Salvendi. Er wurde am Freitag, 13. Juni, unter großer Teilnahme beerdigt. — Die israelitische Kultusgemeinde Zürich zählte 1894 198 Mitglieder, 1909 437 Mitglieder und zählt heute 725 Mitglieder. 1894 betrug das Budget 28 000 Frcs., heute beträgt es 106 000 Frcs. In der dieser Tage stattgehabten Generalversammlung wurde Rechtsanwalt Dr. Charles B 0 l! a g zum Präsidenten gewählt. — Professor Dr. Lippmann, einer der bekanntesten Chemiker Oesterreichs, ist in Wien gestorben. Professor Lippmann war noch ein Schüler Wunsens und außerdem lange Zeit als Assistent am Pariser chemischen Institut tätig. Seine zum Teil bahnbrechenden Forschungen lagen auf analytischem Gebiete der organischen Chemie, wobei er zur Erforschung und praktischen Verwertbarkeit des Indigo viel beigetragen hat. — Der rumänische Ministerpräsident B r a t i a n u hat demissioniert. In einem Interview mit französischen Journalisten motivierte er seinen Schritt mit der Forderung der Alliierten nach den Rechten der nationalen Minderheiten im neuen Rumänien. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß hier die Judenfrage eine wesentliche Rolle gespielt hat. Bratianus Nachfolger ist Take Jonescu. — Aus Lemberg meldet das „Lemberger Tageblatt" unter dem 29. Juni: Seit drei Tagen wüten in Lemberg heftige Exzesse g e g e n . d i e Jude n. Geschäfte werden ausgeraubt, jüdische Passanten werden überfallen, ihnen die Bärte ausgerissen oder abgeschnitten. Am. Bahnhof wurden die ankommenden Inden beschimpft und geprügelt. Einem Juden wurde am Bahnhof beim Bartabschneiden ein Stück Fleisch herausgeschnitten, woraus der. Täter noch 29 Kronen für die Bemühung extra verlangte. Die Behörden stehen dem Treiben ganz passiv gegenüber und ergreifen keine Maßnahmen zum Schutze der Juden. — Das Polnische Nationalkomitee in Paris wandte sich an das Ministerium des Aeußern in Warschau mit dem Vorschläge, jährlich 2 580 000 Franken für Pressepropaganda im Auslande zu assignieren. Nicht nur die Botschaften in London, Paris" und Washington, sondern selbst die polnischen Vertreter in den kleinsten Staaten, wie z. B. Persien, sollen Hilfsgelder für Pressepropaganda bekommen. — Die „Jüdische Prcssezentrale Zürich" teilt mit: Im Hinblick auf die besonders in den Provinzstädten verbreiteten Gerüchte, wonach die Juden zur Rekrutierung nicht erscheinen'und sich mit allen Mitteln dem Militär- . dienst zu entziehen suchen, konstatiert das polnische Ministerium des Innern auf Grund von gesammelten Daten und Berichten, daß diese Beschuldiguttg grundlos ist uüd daß die Juden gleich anderen Bürgern ihre Pflicht erfüllen. Verantwortlicher Redakteur: Albert Katz in Berlin-Pankow, Florastraße 58.( Verantwortlich für den Anzeigenteil: Max Fahrnländer, Neukölln. Druck und Verlag von Rudolf Mosse.