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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-07-18 · Heft 29 (18.7.1919) · p. Seite 324

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 29 (18.7.1919)
Date
1919-07-18
Page
Seite 324 (sequence 12)
Language
German
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324 Grabstein bog sich ein Ast in halbkreisförmiger Wölbung, als wollte er ihn vor der Zeiten Sturm schützen und seinen vollständigen Zerfall abwenden. Den Gräbern entlang zog sich wie -eine Zierleiste ein schmaler grasiger Streifen mit winzigen, halbzertretenen Grashalmen; weiße Kieselsteinchen glänzten dazwischen und knisterten leise, wenn ein Menschenfuß sie trat. Rings um die Grabsteine waren in der Erde kleine schwarze Löcher zu sehen, die von Iahrz-eitskerzen herrührten, von jenen kleinen Talglichtern, die die Hinterbliebenen an Jahrzeitstagen zwischen die winzigen Gräslein steckten, und deren zitterige Flännnchen auch die kleinen schwarzen Ränder in die Erde brannten. Auf manchem Grabmal lagen kleine Kieselsteine, Reichen des Gedenkens von Besuchern, die nach alter Sitte Sternchen aus die oberste Fläche des Grabmals legten, anstatt das Grab, wie die moderne Sitte es Heischt, mit Blumen zu schmücken. Auf vielen Grabmälern waren die am Kovrende einaravierten Embleme noch deutlich zu sehen.. Da aab's segnende Brieiterbände, die die Kohanimgräber zierten, siebenarmiae Leuchter, die den Ruhm leuchtender Frömmigkeit symbolisch kündeten, Bücherschränkchen und Foliantenreihen, die der Gelehrten Ruhestätte schmückten, fünszackiae. von seltsamen Löwen getraaene Kronen, die den guten Ruf der Edlen versinnbildlichten. An einem der Grabsteine blieb Jossel Schlüte stehen. ..Siehst du, Beniamin." saate er, und seine Stimme klang reckst feierlich, .chebst du tner diesen Stein mit d^r Menorah; lieat Rabbi Ascher Lewi. der Kabbalist und Wundertäter. Er lebte und wirkte in unserer Gemeinde und wurde ebenso geehrt wie gefürchtet. Er hat ein Werk geschrieben, ia, weißt du, ein Werk, das niemand versteht, weil es voller Geheimnisse ist und voll tiefster Tiefen der Kabbala. Rabbi Ascher Lewi, mußt du wissen, war der Begründer unseres Großen Bethbamidrasch; dort bat er gelehrt und sein Werk geschrieben, und dort bat er auch seine Wundertaten vollbracht." „Was heißt denn das. eine Wundertat?" fragte Benjamin. „Du milßt dir solche Fragen abaewöhnen," versetzte Jossel Schlüte wie beleidigt. „Du wirst ia noch wissen, was eine Wundertat ist! Ja. weißt du, die Leute sagen, Rabbi Ascher Lewi habe zu den sechsunddreißig Gerechten gezählt, die die Grundpfeiler der Welt bilden... Es steht ja auch geschrieben: Der Gerechte ist der Pfeiler der Welt," fügte er noch rasch hinnl, um Beniamin durch seine Bibelkenntnisse zu imponieren. „Ich möchte gern mal einen Gerechten seheni." sagte Benjamin, ohne sich von der Tragweite fernes Wunsches auch nur im geringsten einen Begriff zu machen. Jossel fuhr indessen fort, seine Grabsteinkenntmsse auszukramen. „Dort drüben," sagte er und wies dabei auf ein von Schlingpflanzen umwuchertes Grabmal, „unter dem Stein mit Löwen und Krone liegt Reb Lazar Wahl, der berühmte Wohltäter, der mit Grafen und Fürsten wie mit seinesgleichen verkehrte. Er soll ein direkter Nachkomme des jüdischen Eintagskönias in Polen, Saul Wahl, gewesen sein und wirklich wie ein Prinz ausgesckgut haben." „Ein jüdischer König in Polen!" rief Benjamin fast erschrocken aus. „Und hier," setzte Jossel Schlüte unbeirrt seinen Vortrag fort, „dieser Stein da geht dich ganz besonders an ... dich ganz besonders. Siehst du die zwei Foliantenrerhen? Da liegt ein großer Gelehrter . . . Alle 'diese Bücher, wie sie hier mit den Titeln ausgehauen sind, hat er verfaßt . . . Responsen hat ' er geschrieben . . . Er war ein Gaon, durch seine Gelehrsamkeit berühmt von einem Ende der Welt zum anderen . . . Weißt du, wer hier begraben liegt? . . . Dein Urgroßvater liegt hier begraben . . . Rabbi Benjamin . . . dessen Namensträger du bist . . Er hielt inne, wie um die Wirkung seiner Worte abznwarten; dann fuhr er in eistem fast zärtlichen Tone fort: „Ja, Benjamin, du darfst stolz fein ans deinen Urgroßvater, wahrhaftig, das darfst du. Wenngleich du auch in einem Dorfe geboren bist, so bleibst du demnach der Urenkel Rabbi Benjamins, dessen Namensträger du bist." Diese Worte, die wohl imstande waren, den Stolz jedes Adelsbewußten zu steigern, machten auf Benjamin wenig Eindruck. Seltsam genug — selbst den Hinweis, daß er dank seinem Urgroßvater sich sogar den fragwürdigen Luxus, als Dorfjunge geboren zu werden, leisten durfte, ohne deshalb als inferior zu gelten, selbst diesen' bedeutungsvollen Hinweis nahm Ben/jammi mit einer Gleichgültigkeit hin, die ihn nahezu als undankbar erscheinen ließ. Indes — ein dunkles Gefühl sagte es ihm, daß «es nach dieser etwas unzeitgemäßen Leichenrede Jossel Schlütes seine Pflicht sei, den Grabstein einer genauen Betrachtung zu unterziehen und dabei eine ernste Miene aufzusetzen. Er beeilte sich auch, dieser Pflicht zu genügen, und betrachtete den Stein mit feierlichem Ernst. Er versuchte das Epitaph zu entziffern, starrte die Foliantenrücken mit den ausgehauenen Titeln lange an; er tat sogar ein übriges, er betastete und befühlte den Stein — doch dieser war und ließ ihn kalt. (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. — Max Hochdor s: „Das Herz des Little Pu", rin Roman. Berlin, Axel Juncker Verlag, 1919. Geh. 5 M., geb. 7 M. Wir erwähnen diesen Roman, der nicht besser und nicht schlechter ist als viele andere, nur deshalb' andieser Stelle, weil der Held, wenn wir den kleinen, mißgestalteten Zwerg mit dem großen Herzen als solchen bezeichnen können., Mi-eßlich sich als Sohn eines galizischen Shnagogensängers Loeb Pinkus .herausstellt. Nach, einem langen Leben voll Unrast erinnert er sich nach einem Solbstmordversuch an seine Vergangenheit, die ihm völlig verschwunden war — es wird nicht recht klar, warum das geschieht —; die alten, frommen Melodien seiner Kindheit steigen in ihm >mif, aber zugleich wird sein Herz ----- auch dies psychologisch unmotiviert — empfänglich für die Bekehrungsversucke einer Nonne, der es gelingt, im Verein mit einer moralisch recht zweifelhaften Prinzessin aus Loeb Pinkus sive Littlc Pu einen L'udovicus Pins Zu machen, der schließlich als frisckgebackener Konvertit, an dein der Himmel ein Wunder getan hat, eine Audienz beim Papst erhält und Kirchenmneer wird! So sein Lebenslauf; das Buch, das besonders in seinem ersten Teil Ansätze macht, dies Innenleben des Zwerges >uns näher zu 'bringen., - das in solchem Mißverhältnis steht zu seiner Gestalt, endet soschließlich, weil es ja schließlich überhaupt enden muß. in völlig unwahrscheinlicher Form. Denn, niemandhängt fester am Glauben der Vät-cr a-ls -die Sstjuden, .und nie wird einer von ihnen, indessen Seele nach, schwerem, Leid die Erinnerung an das auftaucht, was -ihm. seine Jugend -an religiösen Werten mit.aab, gerade indiesem Augenblick den Weg zum- Taufbecken, finden. Dr. Willy Cohn (Breslau). — E v a n g. e I i e n z i t a t e in Ephrams -des Syrers Kommentar zu den Paulinischen Schriften. Bon Joseph Schäfers, Doktor der Philosophie und Theologie. Freibnrg i. B. 1917. Herdersche Verlagshandlung. 54 S. M. 3.- . Verfasser versucht den Kommentar des Syrers Ephräm. der in einer Uebersetzung in armenischer Sprache erhalten ist, für die Tertgeschichte des Neuen Testaments zu nützen und behandelt in der vorliegenden Arbeit die in den Paülinischen Schriften vorkommenden Evangelienzitate. Insofern das Neue Testament zahlreiche Stellen aus der Bibel enthält, bietet auch Ephräms Kommentar indirekt Beiträge zur Exegese einzelner Bibelstetlen. So erinnert z. B. die Stelle (S. 51) Oliva est Christus, ex quo efflliunt lac, aqua et oleum; lac parvulis, aqua iuvenibus, oleum aegrotis unwillkürlich an Stellen wie hahli Joma 75b; das Manna schmeckte den Jünglingen wie Brot, den Greisen wie Lel, den Säuglingen wie Honig; vgl. Midrasch Er Rabba Par. B'schallach 25, 3 \\\. a. Aussig (Deutsch-Böhmen). Prof. Dr. A r t h u r R o s e n z wer g.

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