Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 29 (18.7.1919)
- Date
- 1919-07-18
- Page
- Seite 323 (sequence 11)
- Language
- German
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323 Fast sämtliche hervorragende biblische Persönlichkeiten umspinnt die Sage mit einem mehr oder weniger engeren Gewebe und verkündet aus deren Leben all das mit breitester Ausführlichkeit, was die Bibel nur mit wenigen Worten andeutet. Was das heilige Buch Verschweigt, offenbart uns die Sage mit beredter Zunge: wo es uns in seinen Berichten unbefriedigt läßt lind sich in rätselhasten Andeutungen ergeht, ist sie geschäftig bemüht, ergänzend einzugreifen und dem Verlangen nach Aufklärung nachzukommen. So weist sie beisvielsweise zu erzählen, auf welche Art Adam und Eva dazu kamen, ihren von Kain erschlagenen Sohn Abel, als den ersten menschlichen Leichnam, in die kühle Erde zu betten, während die Mbel hier vollständiges Schweigen bewahrt. Wie hier die iüdische Sage verfährt, möae ein typisches und charakteristisches Beiiviel zeigen. Zn Ergänzung des oben erwähnten Bibelberichtes über den Tod Abels wird uns erzählt: „Nachdem Kain den schrecklichen Brudermord begangen hat 9, floh er und liest den toten Abel zurück, der nun einsam und verlassen dalag, nur von seinen Sckasen umgeben, die stumm auf ihn blickten, als ob sie den Tod ihres Herrn tief beklagten. Adam und Eva hatten lange Zeit vergebens auf die Rückkebr ihres Sohnes Abel gewartet. Da begäben sie sich auf den Weg, um ihn zu suchen. Nach langem Umherirren fanden sie ihren geliebten Sohn. Am Abhänge eines Berges lag er regungslos da. Da ihnen der Tod noch unbekannt war, so glaubten sie, Abel sei, ermüdet von der Arbeit, in einen tiefen Schlaf versunken. Aber Stunde auf Stunde verrann. und die ahnungslosen Eltern warteten noch immer vergebens auf das Erwachen ihres Sohnes. Ihr Rufen und Rütteln erweckte den Daliegenden nickt. Ratlos standen sie da. Da bemerkte ein Rabe, der in der Nähe auf dem Aste eines Baumes stand, die Ratlosigkeit der Eltern. Er sprach zu sich selbst: Die unglücklichen Eltern scheinen nicht zu wissen, was sie mit dem Leichnam ihres Kindes beginnen sollen. So will ich sie denn belehren. Der Vogel flog herab, nahm einen vor kurzem verendeten Raben, trug ihn in die Nähe des Adam und der Eva und grub so lange mit seinem Schnabel in die Erde, bis ein Loch entstanden war. ' Dann legte er den toten Gefährten hinein und bedeckte ihn mit der ausgegrabenen Erde. Es war eine gar stumme und traurige Unterweisung. Aber Adam und Eva merkten wohl auf sie und begriffen bald, was der Rabe beabsichtigte. Auch sie höhlten nun eine Grube aus und legten den entseelten Leib ihres Sohnes unter Tränen hinein'). (Nach Midrasch Jätkut, S. 11a). (Schluß folgt.) lSrnjgmins Liebeslied. (2. Forts.) Roman von Samuel Weisels. n den Verkaufsbuden flatterten, wie Fahnen an Kaiser- XI tagen, grellfarbige Kopftücher, mit den wunderlichsten Blumengewinden bemalt. Samt- und Atlasbänder, dunkelgrüne Schürzen. Daneben hingen braune Ledergürtel, gestreifte Hosenträger und schwarze Stiefelbänder. Bor den Kramläden standen kleine Tische; aus diesen lagen Hüte in den verschiedensten Formen, Pantoffeln in jeder beliebigen Größe, Holz- und Porzellanpuppen, Blechharmonikas und irdene Sparbüchsen wirr durcheinander. Die Sonne brannte heiß am Mittag. Heiß auch tobte der Kampf zwischen den Krämern. Juden in Samtkäppchen zerrten die Bauern von einer Bude zur anderen, stimmbegabte *) Herzberg, „Hermon" I, S. 11. Jüdinnen schrien und zeterten, tölpelhafte Bauern feilschten und zankten; das Ganze artete schließlich in einen eigenartigen „Sängerkrieg" aus — und wer die kräftigste Lunge hatte, der machte die besten Geschäfte. Benjamin blieb stehen und sah diesem brodelnden Leben mit naiver Verwunderung zu. Einzeln hatte er davon schon alles gesehen, die Buden und die Waren, den Städter und den Bauern, und er war immer an ihnen teilnahmslos vorübergegangen. Jetzt aber war dies alles auf einen' Punkt vereinigt und hatte in seinem wirren Durcheinander ein neues, gar seltsam fernes und seltsam fremdes Aussehen. Das Bild fesselte ihn und er gab sich ihm in gedankensreier Betrachtung hin. Er sah die Kontraste nicht, sondern die Mischung. Wie gern hätte er in der Gasse verweilt und dem Kampfspiel des Daseins, das er sah und nicht verstand, zugeschaut! Jvssel Schlüte aber zupfte ihn am Aermel und zog ihn weiter. „Wozu dir das?" sprach er im Tone verletzten Ehrgefühls. „Sich hinstellen und die Bauern angaffen, das ist nicht passend. Das mußt du dir äbgewöhnen, Benjamin, wenn du nicht willst, daß die Leute gleich auf den ersten Blick den Jungen aus dem Dorfe in dir erkennen." Benjamin hörte nichts, was Jofsel Schlüte zu ihm sagte; indes — er folgte ihm willenlos. * Bald befanden sie sich auf dem stark frequentierten Platze, genannt „Am Tor", einem Knotenpunkt der Stadl, von dem ans Wege und Straßen nach allen Richtungen liefen. Vom Platze bogen sie rechts ab und gingen eine kurze Strecke schweigend nebeneinander. So gelangten sie an bas Ende der Stadt. Je mehr sie sich, aus dem Weichbild der Stadt entfernten, desto mehr zeigte der Weg die Tendenz, sich in die Breite auszudehnen und zugleich, in seiner Verlängerungslinie hügelartig sich zu erheben, desto auffallender zeigten die Häuser die Tendenz, in absteigender Reihenfolge immer kleiner und schmaler zu werden, nahezu bis ins Zwerghaste zusammenzuschrumpfen und sich immer mehr, gleich schmollenden Nachbarn, voneinander zu entfernen. Die Stadt spielte sich mählich ins Ländliche hinüber. Die Gegend wurde immer stiller und der Sang der Bögel vernehmbar. Hier und da stand ein verwachsener Baum, alt und runzelig, mit fahlen Blättern und bloßgelegtem Wurzelgewinde. Abseits von der Straße tauchte eine kleine Hütte auf, vor der ein Hahn gemessenen Schrittes einherstolzierte. Dann kam Wiesenland und etwas weiter, gleichsam zur Abwechslung, ein baumbestandenes, von Planken umgebenes Gehege. An dieses schloß sich ein parkähnlicher Platz mit morschem Bretterzaun, breitem Holztor und niedrigem, greisenhaft dreinschauendem Häuschen. „Hier ist der alte jüdische Friedhof," sagte Jvssel Schlüte, als er vor dem breiten Holztor stand, „wir wollen hineingehen." „Wozu?" fragte Benjamin etwas mißtrauisch. Ev dachte wieder an das Vorkommnis in der vergangenen Nacht und konstruierte sich rasch einen Zusammenhang zwischen dem nächtlichen Spektakel und dem alten jüdischen Friedhof. „Hast du Angst vor den Toten?" entgegnete Jossel Schlüte, und ohne eine Antwort abzuwarten, trat er durch das Tor in den Friedhof. Benjamin folgte ihm. Ein gewundener Steg führte sie in die erste Gräberreihe. Verwitterte Steine mit verwischten Inschriften, etwas schräg nach vorn geneigt, standen hier dicht beieinander gereiht und sahen wie Mummelgreise aus, die ihre Sprache verloren. Die Inschriften, die nur mit Mühe zu entziffern waren, enthielten Verse, aus Bibelsprüchen gereimt und geleimt, Akrostichen, die sich über die Bedeutung der unter der Erde Ruhenden in den überschwenglichsten Lobsprüchen ergingen. Ueber manchem