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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-07-18 · Heft 29 (18.7.1919) · p. Seite 322

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 29 (18.7.1919)
Date
1919-07-18
Page
Seite 322 (sequence 10)
Language
German
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322 ein besonderes Interesse geweckt haben, weil man ihnen Erkenntnis und Belehrung, Macht und Ansehen verdankte, und deren Andenken man nicht ganz erlöschen sehen möchte. Geschehnisse, die von Mund zu Munde gehen, die aber weder durch Urkunden noch durch Denkmäler festgestellt werden können, malt sich die stets lebhafte Phantasie in färbengesättigten Bildern aus, und es werden die vielfachen Lücken, die die Geschichte aufweist, durch die Sage ergänzt, um eine gewisse Zeit oder bestimmte Personen, die dieser Zeit ihr Gepräge verliehen, scharf zu charakterisieren. Das jüdische Volk ist ganz besonders da, wo es eine sonst minder hervorragende Stellung innerhalb derjenigen Staatsgemeinschaft, die es gastlich aufgenommen, einnimmt, geneigt, seine bedeutenden Männer dadurch zu feiern, daß es die oft unerheblichen, nackten Tatsachen, die deren Lebensgeschichte darbietet, in seiner Phantasie mit allerlei, oft ans Wunderbare grenzenden Einzelheiten ausschmückt, so daß es in den meisten Fällen unmöglich ist, die rein historischen Geschehnisse von den sie überwuchernden und zur Sage herausgebildeten Anhängseln zu scheiden. Wo die Wirklichkeit ein wenig befriedigendes, in düsteren Farben sich haltendes Bild darbietet, träumt man von Großen: und Schönem, läßt vor dem geistigen Auge Tatsachen erstehen, die für Entbehrtes Ersatz bieten sollen. Und man schwelgt in dem geistigen Erschauen all des Herrlichen, bis man wähnt, Wirkliches geschaut zu haben. Man kündet es von Geschlecht zu Geschlecht, und nicht lange währt es, da hat das das Gepräge des Tatsächlichen angenommen, was lediglich nur Sage ist. Gerade die jüdische Sage ist es ganz besonders, welche die Taten und Ereignisse der Vorzeit nicht in ihrer strengen Geschichtlichkeit erzählt, sondern nach den verschiedensten Seiten bin erweitert und ausschmückt, wie sie sich traditionell im Volke von Mund zu Munde fortgepflanzt und erhalten haben. Sie verdankt ihr Dasein eben einer trüben Gegenwart, der! eine glückliche Vergangenheit vorausging, welch letztere nun ermutigen und ratend aufrichten soll. Boi schwerem Ungemach und in tiefer Erniedrigung ist sie bemüht, das düstere Gewölk der Gegenwart zu zerstreuen mib durch glanzvolle Schilderungen von Geschichten aus längst verklungenen Tagen ans ein helles, Freiheit und Erlösuug verheißendes Morgenrot hinzuweisen. Aber unbekümmert um logische Richtigkeit und chronologische Aufeinanderfolge bearbeitet die Sage ihren Stoff nach den Anschauungen, Sitten und Lebensweisen ihrer Zeit. Sie will nur die herrschenden Volksgefühle, die Hoffnungen lind Erwartungen ihrer Gegenwart zum Ausdruck bringen und soll mehr vom Gemüt erfaßt werden. Sie ist vorzüglich ein Produkt der Phantasie, und ihr Wert besteht nicht so sehr fi'lr die Geschichte im allgemeinen, als vielmehr für denjenigen Teil der Historie, welche die Kultur des Volkes behandelt. Es spiegeln sich in ihrer Darstellung das Leben, die Sitten, die religiösen Vorstellungen und Anschauungen der Volks- ' gemeinschaft mit deren Leiden und Hoffnungen ab. Dabei trägt die Sage gleichzeitig gewissermaßen den Charakter der Exegese an sich, da sie nach ihrer Weise Dunkles aufhellen, Rätselhaftes erläutern, 'Fehlendes ergänzen und Widersprüche miteinander in Einklang bringen will. Die jüdischen Sagen bieten zumeist keine von Grund aus aufgebauten, zusammenhängenden Darstellungen und Schilderungen, wie etwa die der homerischen Helden. Die jüdische Sagendichtung ist auch nicht architektonisch, sondern ornamental, das heißt, sie schafft nicht selbständig Gebilde aus eigenem Material, sondern schmückt bereits vorhandene Produkte fremder Schaffenskunst aus. Aber jeder Schmuck, den sie anbringt, hat eine bestimmte ethische Bedeutung; er verfolgt allemal einen bestimmten versittlichenden Zweck, und man wähne^nicht, daß eine bestimmte Tendenz zur Geltung . gebracht werden soll. Auch glaube man nicht, daß ihr Zweck lediglich ein müßiges, vergängliches Fabulieren ist. Vielmehr spricht aus ihr die Liebe, die Hingebung, die Wonne und die Seligkeit am Anschauen der von ihr gefeierten Heroen und die Verachtung und der Abscheu vor den historischen Bösewichtern. Das sittliche Bewußtsein gibt dem Sageninhalt seine Richtung, das vorschwebende Ideal seine Verkörperung, und hieraus fließt all das, was man dem Guten und Edlen andichtet, was man an dem Frevler und Verworfenen verurteilt. Es kann wohl behauptet werden, daß das Sagengewebe, das auch nur eine erhabene Gestalt aus grauer Vorzeit schmückt, eine große Anzahl der wichtigsten Sittenlehren darbietet. Diese Tatsache hat es denn auch zu Wege gebracht, daß die Ausdeutung der erdichteten Reden, Handlungen und Schicksale der vorzeitlichen Heroenaestalten es möglich gemacht hat, die Grundanschauungen der jüdischen Ethik direkt weiter fortzubilden und deren Begriffe noch feiner und präziser zu gliedern. Zweifacher Art sind die Sagen, die uns das jüdische Schrifttum 'darbietet: die geschichtlichen und die religiösen. Während die geschichtliche Sage das im Volke lebende Bewußtsein von Taten und Ereignissen, die in Zeiten oder unter Verhältnissen sich zugetragen haben sollen, wo eine streng geschichtliche Auffassung oder Festhaltung derselben nicht stattfaud, gibt die religiöse Sage außerdem noch ein Bild der in der Religion wurzelnden Vorstellungen und Anschauungen, welche in der in Betracht kommenden Periode Gemeingut des Volkes waren. Die geschichtliche Sage zeigt uns so recht die Eigentümlichkeit ihres Bildens und Schaffens. Sie war es. die, seitdem die Prophetie erloschen, das lebendige Wort des Vortrages nicht verhallen ließ; durch sie wurden Geschichte und Lehre zu Lobensgestalten. Und wie vollbringt sie dies? Aus der jeweiligen Gegenwart nimmt sie Zustände und Verhältnisse und versetzt sie in die Vergangenheit; oder sie vermengt Taten und Ereignisse der Vergangenheit mit Erscheinungen jüngerer Tage. Und sie sieht sich hierzu veranlaßt durch den Umstand, daß gar oft bk veränderte Sitte und Weltlage vermeintliche Widersprüche und scheinbare Lücken in den alten Berichten zum Bewußtsein bringen, und die Widersprüche und Lücken werden um so bemerkbarer, je weiter die einstigen Ereignisse und Taten zeitlich entfernt liegen. Da wird dann Einheitliches geschieden, Heterogenes verschmolzen, chronologisch Zusammengehöriges getrennt und zeitlich Ausei nanderliegendes zu sammeng ebracht. Anachronismus ist in der jüdischen Sage meist etwas Selbstverständliches. Und wann setzte die jüdische Sagendichtung ein? Wann machte sie sich in ihrer besonderen Eigenart bemerkbar? Eine bestimmte Antwort ist wohl kaum auf diese Fragen zu geben. Doch können wir bei einer näheren Prüfung die Wahrnehmung machen, 'daß schon in den Tagen nach dem babylonischen Exil sich innerhalb des jüdischen Volkes das Streben zeigte, das aus der Vorzei.t Tagen Ueberlieserte in der mannigfaltigsten Art zu ergänzen und mit allerlei ausschmückenden Zusätzen zu bereichern. So finden wir in den späteren biblischen Büchern Tatsachen erwähnt, Ereignisse geschildert, Situationen vorgeführt, die in früher abqefatzten entweder ganz unerwähnt geblieben sind oder nur kurz angedeutet werden. Es sei hier beispielsweise auf die im 1. Buche der Chronik, Kap. 7, Vers 21 bis 23 dargebotene Erzählung hingewiesen.

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