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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-07-18 · Heft 29 (18.7.1919) · p. Seite 321

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 29 (18.7.1919)
Date
1919-07-18
Page
Seite 321 (sequence 9)
Language
German
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321 mit den hellenistischen Juden selbst aber nicht verwechselt werden dürfen. Zunächst vier Inschriften aus Tanais, von denen die dritte aus dem Jahre 228 n. Ehr. datiert. Die Inschriften geben Verzeichnisse von Männern, Die offenbar in den Brüderbund, der den unsichtbaren Gott anbetete, aufgenvmmen wurdeni. Sie ehren diesen Gott durch Ausstellung einer steinernen Tafel, auf die sie ihre Namen einschrieben,. und zwar so, daß sich die Aufqenommenen um einen oder mehrere Presbyter gruppieren, die offenbar ältere Mitglieder der Genossenschaft sind. Es gab also damals in jenen Ländern Kultvereine, die nicht nur das religiöse Gebiet umfaßten, sondern, wie aus den Inschriften hervorgeht, auch «die Pflege körperlicher Uebung und die Jugenderziehung. Der Nachweis, den Schürer aus der Bezeichnung der Gottheit als „unsichtbar" aus griechischen Dichtern, Schriftstellern. Inschriften md Grabsteinen führt, ist zwingend. In der Zeit, in die diese Inschriften fallen, also in der römischen Kaiserzeit, ging durch die griechisch-römische Welt ein Zug zum Monotheismus, der schon durch die griechische Philosophie vorbereitet war und namentlich durch den Einfluß der orientalischen Religionen gefördert wurde. Aber zur Verehrung eines „unsichtbaren Gottes" hätte es ohne jüdischen Einfluß irgendwo und wann nicht kommen können, wenn auch Schürer m>'t Recht meint, daß. wo orientalische Einflüsse mitgewirkt haben, man nicht gerade überall jüdische annehmen muß. Der „unsichtbare Gott" ist aber freilich nur auf dem Boden der biblischen Welt erwachsen. Bei den Kultvereinen in Tanais ist es auffallend, daß sie alle ausschließlich den Kultus des .^Höchsten Gottes" pflegen. Dies setzt eine Kraft des monotheistischen Zuges voraus, die auf jüdische Propaganda zurückzuführen ist. Schürer erhebt diese Vermutung durch einige Beweise fast bis zur Evidenz. Die Namen der Mitglieder dieser Kultvereine sind fast durchweg nicht jüdisch, aber dieser Beweis will freilich wenig bedeuten, denn wir kennen auch Inschriften aus Feodosia selbst, in denen es stch um die Erbauung oder Erneuerung einer Synagoge handelt, die von Achilles, dem Sohne des Demetrius, des Svihnes des Hermes, bewerkstelligt wurde. Daß ein Shnagogenerbauer auf der Taurischen Halbinsel den Namen des ersten Helden der Ilias trägt, ist also ein sicherer Beweis dafür, daß sich die Juden damals fast nur griechische Namen aneigneten. Viel wichtiger aber ist der Beweis aus der Terminologie I der Inschriften. Der griechische Ausdruck für „Anbeter des höchsten Gottes" bezeichnet bei den Juden solche Nichtjllden, „die sich zum jüdischen Gottesdienst hielten und die elementarsten jüdischen Speise- und -Reinheitsgesetze beobachteten, ohne feste Abgrenzung und ohne durch! die Beschneidung in den Verband der jüdischen Gemeinde einzutreten". Solcher Vereine und Gemeinden von „Gottesfürchtigen" gab es damals sehr viele. Die jüdische Diaspora hatte sich auf heidnischem Boden ansehnlich ausgebreitet. Philo erzählt: „An allen Orten trifft man sie; sie bewohnen die meisten blühenden Städte auf dem Festlande und den Inseln Europas und Asiens. Sie halten zrvar die heilige Stadt, da sich in ihr der Tempel des höchsten Gottes befindet, für die Metropole, aber das Land, wo sie seit der Väter und Urväter Zeiten wohnen, betrachten sie als ihr Vaterland, da sie dort geboren underzogen wurden." Und Josephus erzählt: „Die jüdische Nation hat sich über die ganze Erde hin unter den Völkern zerstreut." Es war daher keine poetische Ueberschwenglichkeit. wenn die jüdische Sibylle schon um die Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts behauptet, daß „jedes Land und Meer von diesem Volke erfüllt sei". Die Apostelgeschichte erhärtet diese Tatsache aus späterer Zeit. Sie erzählt von den „gottesfürchtigen Männern" aus allerlei Volk, das unter dem Himmel ist und die die -großen Taten- Gottes reden. Paulus fand fast überall, wohin er kam, diese „Gottesfürchtigen" und hatte unter ihnen mit seiner Propaganda besonderen Erfolg. Gingen also die Kultvereine in Tanais auf jüdischen Einfluß zurück, so darf das griechische Wesen in ihnen, doch auch nicht übersehen werden. Auf mehreren der Inschriften befindet sich das Bild eines Adlers: ein Beweis, daß jener Kult den alten Zeus noch nicht ganz verworfen hatte. Andere haben gar keinen bildnerischen, Schmuck. In jedem Falle waren diese Institutionen eine Frucht jüdischer Propaganda in jenen fernen Ländern. „Die Männer, die diese Vereine gegründet haben, haben sich von ihren jüdischen Lehrmeistern auf einen „höchsten" Gott Hinweisen lassen, der mit keinem , Namen genannt werden« darf und neben welchem e,s auch keine anderen Götter gibt. Sie haben aber mit diesein 'jüdischen Monotheismus Elemente der griechischen Zeus- Vorstellung verbunden, die auch ihrerseits dem Monotheismus zustrebten." Diese Erklärung findet Schürer in ähnlichen Bildungen aus späterer Zeit bestätigt, nämlich in den bei den- Kirchenvätern des vierten und fünften Jahrhunderts erwähnten Hypsistari-ern, und ihren Verwandten, den Coelicolae, die in den Erlassen der Kaiser Hon-orius und Theodosius aus dem Jahve 408 n. Ehr. als sudaisievende Sekte genannt werden. Die jüdische Propaganda hat also namentlich in Kleinasien und Syrien, früher wie später zu jüdisch-hellenistischen oder jüd-ischparsistischen Mischbildungen geführt. „Die innere Kraft des Monotheismus, welchen die Jude» vertraten, hat ihre Wirkung -nicht verfehlt. Anderseits wohnte auch: der griechischen Religion in ihrer späteren Entwicklung ein gewisser Zug zum Monotheismus inne. Dazu kam der Einfluß anderer orientalischer Religionen, die ebenfalls einen monotheistischen Zug aufweisen." Die konvergierenden, Linien hat Schürer zu einem feinen und getreuen Bilde jener Zeit vereinigt. Die Konstituierung der Kultvereine des unsichtbaren Gottes auf der Taurischen Halbinsel ist -ein lehrreicher Vorgang. für die Urgeschichte «des Christentums. Zwar hatte man schon vorher angenommen, daß die Bildung freier «heidenchristlicher Gemeinden nicht ausschließlich das Werk des Paulus gewesen sein könne. Renan hatte bereits gesagt: „Die Gründung des Christentumswürde sich nicht erklären ohne die Synagoge», von denen die Uferwelt «des Mittelmeeres schon bedeckt war. als Paulus und die übrigen, Apostel sich in Bewegung setzten, um ihre Reisen auszuführen." Und an einer anderen Stelle: „Die Lehre Jesu ließ sich sichtbar den eigentümli-ckien Reiz zustatteitt kommen, den das Judentum bis «dahin über die frommen Heiden aus-geübt hatte." Den fast unumstößlicheil Nachweis aber für diese vorapostolische Propaganda des einheitlichen Gottesgcdankens hat nunmehr deutsche Forschung gar aus kimmerischer Finsternis hervorgeholt. Die jüdische Sage. Bon I. Hc'rzberg (Brvmberg). SNN uns die Geschichte über eine Nation oder eine hervorragend Persönlichkeit längst dahingeschwundener Zeiten, über Taten und Ereignisse aus fernster Vergangenheit keine sichere, befriedigende Kunde zu geben vermag, dann tritt die Sag e in ihr Recht, die oft ganz eigenartige Blüten treibt. Im Munde späterer Geschlechter lebende Tatsachen werden von Generation zu Generation immer mehr ausgestaltet und in der Regel an Personen geknüpft, die zu einer gewissen Zeit

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