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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-07-18 · Heft 29 (18.7.1919) · p. Seite 319

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 29 (18.7.1919)
Date
1919-07-18
Page
Seite 319 (sequence 7)
Language
German
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819 denn schließlich, durch eine lange Reihe von Jahren, amt der Spitze dieserBlätter, unserer „Allgemeinen Zeitung des Judentums", deren Leser ihm die Fülle der Anregungen, die von chm ausgingen, die Aufrichtung in manchen schweren Schicksalsstunden unseres Judentums, nicht vergessen haben. In gleicher Weise zog es Karpeles immer wieder zur jüdischen Literatur. Obwohl er in jungen Jahren schon hier in Berlin an der Gründung einer Zeitschrift „Auf der Höhe" beteiligt war, die der d a m a l i g e n literarischen Jugend dienen wollte, obwohl Karpeles in Breslau mit dramatischen Versuchen auf der Bühne Glück hatte, obwohl er mit -einer Biographie Lenaus, einem Lebensbiide Börnes Erfolg errang und als erster Spielhagens Leben und Schaffen darstellte, mündete auch hier sein Wirken im jüdischen Schrifttum. Zunächst galt seine Liebe wie seine Forschung Heinrich Heine, zu dem ein verwandter Zug ihn zu führen schien. Zur Aufhellung von Heines Leben und Wesen haben die Forschungen von Karpeles sehr viel beigetragen. Seine Heine- Biographie und seine mannigfachen Veröffentlichungen über Heine haben eine Fülle neuen Materials zum Verständnis dieses Dichters beigetragen. Wenn Heine heute, etliche und sechzig Jahre nach seinem Heimgang, trotz aller giftigen Anfeindungen einer der volkstümlichsten, einer der meistgelesenen, meistgekannten deutschen Dichter ist, so bleibt dies zum großen Teil dem unermüdlichen Wirken von Karpeles zu danken. Seinen Beruf zum Literarhistoriker von seltenem Fleiß und umfassendem Wissen hat Gustav Karpeles in der dreibändigen „Allgemeinen Geschichte der Literatur" erwiesen, die in mehreren Ausgaben erschien und besondere Anerkennung fand. Dennoch lockte ihn die Liebe zum Judentum schließlich auch da auf das rein jüdische Gebiet, und er schrieb als erster seine umfassende „Geschichte der jüdischen Literatur", die in zweiter Auflage bei M. Poppelauer, hier, erschien, und die bald in dritter Auflage herauskommen dürfte. Ein Werk, das sein Andenken in der jüdischen Welt dauernd lebendig erhalten wird. Eine besonders anziehende Erscheinung war aber Gustav Karpeles als V o r t g s r e d n e r. Mitbegründer und Vorstand des Verbandes unserer „Vereine für jüdische Geschichte und Literatur", war er auch dessen beliebtester, meistbegehrter Wanderredner. Und da kehrte er denn erst recht zum väterlichen Vorbild und zum ursprünglich gewählten Beruf zurück. Ihm wurde das Vortragspult zur Kanzel, von der aus er warmherzig mit der Fülle des Wissens, mit der Aufklärung und Belehrung auch die Liebe und Treue zum Judentum verbreitete. Den Vorständen der Literaturvereine aber bleibt es in dankbarer Erinnerung, wie sprudelnd heiter er, nach dem heiligen Ernst des Vortrags, in dem geselligen Beisammensein war, das gewöhnlich den Vortragsabend abschloß. In allen großen jüdischen Gemeinden des Reiches war Karpeles als Vortragender gleich bekannt und beliebt, und das bewirkte, daß er, wie keiner sonst, mit den Verhältnissen, Stimmungen, mit den Bestrebungen und Wünschen der deutschen Judenheit vertraut war. Dies läßt uns aber auch begreifen, wie groß und allgemein die Klage war, als ■Vv •i"'. Gustav Rarpeles lieb. II. November 1818, gest. 21. Juli 1909, Dr. Gustav Karpeles vor einem Jahrzehnt uns entrissen wurde, begreifen zugleich, wie unvergessen er uns allen noch ist und bleibt. I. L a n d a n. fllte Inlchrikttn vom Bosporus. Von G u ft a v Karpeles1). Jlja* heute durch die Straßen von Feodosia oder Kertsch wandert, hat wohl keine Ahnung davon, daß von hier aus Entdeckungen zur Urgeschichte des Christentums gemacht werden können. Zwar wissen wir ja bereits, daß Feodosia, das alte Kassa, schon 500 Jahre v. Ehr. von milesischen Griechen begründet worden ist. Mit jenen ersten Ansiedlern zogen auch hellenistische Juden dahin, die mit ihnen in friedlichem Verkehr lebten. In der alten Synagoge von Feodosia, der merkwürdigsten auf dem weiten Erdenrund, deren Marmorsäulen wohl noch aus jener Zeit stammen, hat man vor einigen Jahrzehnten eine Reihe von Inschriften gefunden, die bezeugen, daß jene Inden, die dort vor fast 2000 Jahren wohnten, vollständig hellenisiert waren. Sie führten wie alle hellenistischen Juden griechische Namen; nur ihre Bethäuser hießen nicht Synagogen wie die jener, sondern Proseuchen. Noch interessanter ist das moderne Kertsch, das alte Pantikapaion. Schon auf der Seefahrt von Feodosia nach Kertsch bekommt man einen Vorgeschmack dessen, was diese Stadt bietet. Der Dampfer Passiert Opuk, dessen Hügel mit mächtigen Felstrümmern aus alter Zeit bedeckt find, Anapa, das alte Georgippia, Tanais und biegt dann zuerst östlich in die Straße von Kertsch oder Jenikate, die im Altertum der kimmerische Bosporus genannt winde. Die an der Vereinigung zweier Meere liegende, von den Russen echt modern umgebaute Stadt wurde von griechischen Ansiedlern im sechsten vorchristlichen Jahrhundert als ein unabhängiger Freistaat begründet. Später wurde Kertsch die Residenz des bosporanischen Reiches und 'blieb es lange. Aber nur noch die Trümmer des Mithridates-Berges, von dem aus man die Bucht und das Meer auf der einen, die weite Steppe aber auf der anderen Seite und am äußersten Horizonte die leider noch so fernen, hohen Berge des Kaukasus überschauen kann, erinnern an die einstige große Vergangenheit dieser Stadt. Das Museum am Fuße des Berges enthält besonders wert- *) Der zehnjährige Sterbe big von Gustav Karpeles ist für uns ein Anlaß, den Verklärten, der neunzehn Jahre lang an der Spitze dieses Blattes! gestanden hat, unseren Lesern in Bild und „Wort" vorzuführen. Das Bild zeigt ihn, wie er im letzten Dezennium seines erfolgreichen literarischen Schaffens aussah und int Gedächtnis seiner Freunde fortlebt. Der Aussatz „Alte Inschriften vom Bosporus" ist seinem 1905 erschienenen „Literarischen Wanderbuch" (neue Folge: Slawische Wanderungen) entnommien, das trotz der veränderten Weükarte an Aktualität nichts eingebüht hat. Von dem Patriarchen Jakob bemerkt eine Ali draschstelle: Er sei nicht gestorben. Dieses Wort möchte ich auch auf unseren unvergeßlicheu Gustav Karpeles anwenden. Er lebt im Herzen treuer Gesinnungsgenossen fort, die bis auf den heutigen Tag ernstlich bestrebt sind, in feinem Geiste versöhnend und vermittelnd zwischen den Parteien zu wirken und Freunden und Gegnern Achtung vor den hohen Idealen des Judentums abzuringen. A

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