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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-07-18 · Heft 29 (18.7.1919) · p. Seite 318

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 29 (18.7.1919)
Date
1919-07-18
Page
Seite 318 (sequence 6)
Language
German
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318 dieses Artikels sind auf polnische Angehörige 'der deutschen Sprache nur derjenigen Teile Polens anwendbar, die am 1. August 1914 deutsches Gebiet waren. Artikel X. Die von den jüdischen Gemeinden in Polen eingesetzten Schnlkomitees an Ort und Stelle werden unter der allgemeinen Staatsaufsicht den in Uebereinstimmung mit Artikel IX für die jüdischen Schulen bestimmten verhältnismäßigen- Teil der öffentlichen Mittet sowie die Organisation und Leitungdieser Schulen sichern. Artikel XI. Die Juden können nicht gezwungen werden, irgendwelche ihren Sabbat verletzende Handlungen vorznnehmen. Sie dürfen durch keine rechtlichen Nachteile betroffen werden, wenn sie sich weigern, vor den Gerichtshöfen am Sabbat Gerichtshandliuraen vorzunehmen. Diese Bestimmung befreit jedoch die Juden, nicht von den allen polniseten Angehörigen mit Rücksicht cmf die Notwendigkeit des Militärdienstes zur nationalen Berteidiguna oder zur Anfrechterhaltung der öffentlichen Ordnung auferlegten Verpflichtungen. Polen erklärt feine Absicht, sich der Ausschreibung oder der Gutheißung von allgemeinen oder lokalen Wahlen, die am Sabbat stattfinden sollen, zu enthalten. Keine Wahllisten« oder andere Eintragungen können am Sabbat obligatorisch sein. Im Artikel XII heißt es: . . . Polen stimmt zu, daß, insofern die Bestimmungen der vorgehenden Artikel Personen berühren, die 'den Minderheiten der Rasse, der Religion oder der Sprache angehören, diese Bestimmungen Verpflichtungen internationalen Charakters bilden und unter die Gararstie des Völkerbundes gestellt werden. Sie können nicht ohne die Zustimmung der Mehrheit des Völkerbundes modifiziert werden. , \ * ' ' ' Der jüdische Traucrtag in England. Der von den Juden Englands am 26. Juni begangene allaemeine Trauertag hat die Aufmerksamkeit der gesamten Oeffentlickteit auf die furchtbare Lage der Juden in Polen und in anderen Ländern Osteuropas aelenkt. Das Organisationskomitee des Trauertages erhielt von führenden englischen Persönlichkeiten Aeußerungen aufrichtiger Shmpathie für den Zweck der Veranstaltung. Lord Robert Cecil schrieb: ,,Jcki begleite Ihre Kundaebnnaen mit meiner warmen Shmpathie. Zeh Vertraue, daß die Bertrüeie, über die jetzt in Paris verhandelt wird. Bürgschaften geaen Gewalttaten und Zurücksetzungen, denen das iüdische Volk in Zentral- und Osteuropa nur zu oft ansaeletzt gewesen ist, enthalten. Wenn die Regierungen in jenem Teil der Wett die Achtung der westlichen Demokratie bewahren wollen, ko müssen sie ein für allemal diesem schreienden Skandal ein Ende bereiten." Sidneh Webb. der Historiker der englischen Arbeiterbewegung, lagt u. a.: „Ihre Versammlung protestiert geaen unerträgliche Unterdrückung und Grausamkeit, denen die jüdische Bevölkerung in verschiedenen Ländern unterworfen ist. Ich glaube bestimmt, daß Sie der herzlichen Unterstützung der Arbeiterpartei sicher fein können, indem sie fordern, daß eine wirksame Aktion unternommen werden soll, inu den Juden und allen anderen Minoritäten nicht nur Sicherheit, sondern auch volle Freiheit des Gewerbes, der Religion und der Erziehung zn gewährleisten. Ich bin froh, wenn ich daran denke, daß die britische Arbeiterpartei die erste gewesenist, welche ihren Friedensfordern ngen Vorschläge einverleibt hat, die nicht nur elementare Rechte für die Juden, sondern auch die Wiederherstellung Valästi nas fordern." C Ihn es schrieb: „Es ist nur allzu berechtigt, daß ein möglichst energischer Protest gegen die Judenverfolgungen erhoben wird." Der Erzbischof von Pork schrieb: „Ich bin sicher, daß diejenigen, wellle die Autorität dazu besitzen, alle Kräfte anftrengen werden-, um die Gewalttaten, die an den jüdischen Bewohnern begangen werden, zu verhindern." Der unabhängige Orden „LmUnessmen assoeiation" äußerte sich in einer Zuschrift: „Wir sympathisieren herzlich für die Bewegung gegen die Judenverfolgungen. Wir fühlen, daß eine schwer arbeitende, gewerbetreibende Bevölkerung in Polenabgeschlachtet wird. Die Verantwortung für die traurigen Ereignisse tragen die von teuflischer Zerstörungslust beherrschten Unmenschen. Wir schließen uns Ihrem Proteste an und wünschen Ihrer Bewegung den Segen des Allerhöchsten, da wir wissen, daß Sie nur bemüht sind. arbeitseifrige Männer und Frauen zu retten, welche ihren -friedlichen Geschäften nachgehen." Der Brief ist von Moral als Vorsitzenden und Hooper als Sekretär unterzeichnet. * Errrigrationskorrferenz. Da nach Abschluß des Friedens eine jüdische Massenauswanderunig von noch nie dagewesener Ausdehnung zu erwarten ist, so hat, um ein gemeinsames Vorgehen aller jüdischen Orgamfationen zu ermöglichen, das Zentralbureau der „Agudas Jisroel" (Zürich) die führenden Körperschaften der gesamten Judenheit zu eine.r Emigrationskonferenz eingeladen. Zustimmende Antworten der bedeutendsten der erngekadenen Organisationen sind bereits eingegangen, so daß alle Aussicht auf das Zustandekommen dieser Konferenz vorhanden ist. Lum zehnten Todestag von Gustav Karpeles. ehn Jahre? Sind es wirklich schon zehn Jahre her. f / seitdem wir eitles heißen Sommerabends aufgerüttelt, erschreckt wurden durch die Trauerbotschaft: Dr. Gustav Karpeles ist in Bad Nauheim ganz plötzlich, bei der Heimkehr von einem Spaziergang, gestorben? Zehn Jahre schon! Was uns an dieser unleugbaren Tatsache überrascht, das ist nicht etwa der seltsame und doch -durch die Erfahrung außer Zweifel gesetzte Umstand, daß nur die Sinn b e n schleichen, daß aber die I a h r e eilen, rennen, flüchten. Nein, nicht dies allein. Uns ist es vielmehr, als sei uns Karpeles gar nicht ganz verloren, als sei er uns nicht tot! Seinem ssveundes- und Verehrerkreise — und wie groß war der! — ihm l e b t er. Wir meinen seine Gegenwart zu fühlen. Uns ist oft. als müsse er im nächsten Augenblick wieder zu uns treten. Kein Tag vergeht, ohne daß wir seiner gedenken. Nicht etwa in Trarrer lind Schmerz. Keineswegs. In jeder Lebenslage, jeder neuen Erscheinung gegenüber, fällt uns ein heiteres Wort ein. durch, das er diese Lage in seiner scharf treffenden, witzigen Weise gekennzeichnet hätte, kommt uns eine Lieblingsredensart inden Sinn, durch ine er sich über irgendeine Verlegenheit hinweggeholfen, eine Anekdote, die er bereit gehabt hätte. In seiner durchaus ganz besonderen Eigenart, in der er den Lebensernst umheiterte und der Heiterkeit ihren ernsten Untergrund gab, in seiner Weise, die Gemütstiefe mit einem freilich nur leichten Anschein von Zynismus zu umgittern, ist uns Gustav Karpeles noch immer nah und gegenwärtig. Pflegte er doch allch seine warmherzige Güte und Hilfsbereitschaft durch eine leichte Maske von Rauheit zu verhüllen! Was ihn uns aber besonders lieb und wert gemacht hat, den Mann wie die Erinnerung, das ist die Tatsache. daß Karpeles mrß von je die Verkörperung der Grundidee des Judentums, das Judentum in Reinkultur war. Als Sohn eines altgelehrten Rabbiners von hohem Ansehen in Eiwanvwitz in Mähren am 11. November 1848 geboren, sollte Gustav Karpeles ebenfalls Rabbiner werden. Er bereitete sich in Berlin wie — nach Beendigung des Profanstudiums — auf dem Seminar in Breslau für diesen Beruf vor; im entscheidenden Augenblick zog er es aber vor, von einer g r ö ß e r e n Kanzel aus für eine umfassendere, weit über das Land sich erstreckende Gemeinde zu wirken, und er wurde — Journalist. Ohne aber je den priesterlichen Ernst des Berufs zu vergessen. Und obwohl er in jungen Jahren berufen war, den literarischen Teil eines altangesehenen Breslauer Blattes zu leiten, an dem Laube, Gottschall, Gustav Frehtag als Mitarbeiter seine Vorgänger waren, obwohl er später sogar, gemeinsam mit Friedrich Spielhagen, zum Leiter von „Westermanns Monatsheften" bestellt war, zog es ihn doch immer wieder zur jüdischen Presse, und so sahen wir ihn

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