Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-07-18 · Heft 29 (18.7.1919) · p. Seite 316

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 29 (18.7.1919)
Date
1919-07-18
Page
Seite 316 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229392-3229419--75025-3287509
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

der Bourgeoisie darauf zu rückzu führen. daß -im ganzen Lande nicht allein eine antibolschewistische, sondern auch eine antisem'i-tische Strömung mit elementarer Gewalt im Zuge ist und Bela Kun (lies Adalbert Kohn) und Genossen sich mtr durch Schreckensnachrichten vorläufig noch behaupten können, die aber anderseits ihren Sturz beschleunigen werden, lieber die Bndapester Juden ist eine heillose Angst gekommen, weil sie allgemein der Meinung sind, daß nach dein nahe bevorstehenden Ende des ungarischen Bolschewismus sich die Bolkswut für die verübten Greueltaten hauptsächlich gegen sie richten und in blutigen Pogromen zum Ausbruch kommen werde. Aus diesem- Grunde 'treten sie scharenweise aus der Synagoge aus und melden sich bei den katholischen Pfarrämtern zum Konvertitenunterricht. Nach der wohl mit Borsicht anfzu nehmenden Meldung der „Reichspost" sollen es an einem Tage gegen 700 gewesen sein. Aber nicht die Furcht allein ist der Antrieb zu dieser Entschließung, es kommt bei vielen noch der Abscheu vor dem wüsten Regiment der herrschenden Sipl>e und ihrer Rotgardisten dazu sowie die Scham, daß gerade das Judentum bei weitem die meisten dieser Elemente gestellt hat. Daß der Bolschewismus der ganzen Welt hauptsächlich von Semiten ausgeht und gefördert wird, ist schon längst bekannt und wird durch die Vorgänge in Ungarn nur bestätigt. Auch in Deutschland kann man seststellen, vor allen Dingen -an den Namen führender Kommunisten -und an der Haltung der jüdischen Presse, daß die Judenschaft im allgemeinen eine große Neigung zu spartaciftischen Umtrieben hegt . . . Nicht allein die Revolution, auch der Krieg hatte schon eine Anzahl semitischer Probleme ausgerollt, von denen einzelne noch der einmal in Aussicht gestellten Lösung harren, vor allein, lute groß der Prozentsatz der Juden an der Front und unter den Reklamierten war." Hierzu, bemerkt die „Freiheit" sehr treffend: „Mit jesuitischer Heuchelei wehrt sich das Zentrumsorgan gegen den Vorwurf, daß es dem Antisemitismus Vorspanndienste leisten wolle. Es verwahrt sich -auch dagegen, als ob es gegen die Juden Drohungen erhebe. Nein, -an derartige Tinge denkt das edle Organ nicht. Aber mit frommem Augenaufschlag weist es auf die notwendigen Konsequenzen hin, die eintreten würden, wenn die Juden selbst sich nicht von den Umstürzlern in ihren Reihen lossagen würden. Im Licht dieser offenbaren Kampfansage des führenden Zentrumsorgans nehmen die geheimen Wühlereien der Pogromisten einen weit ernsteren Charakter an, als man ihnen bisher zuschreiben durfte ... Es handelt sich bei der neu aufflackernden antisemitischen Bewegung nicht, wie die „Germania" glauben 311 machen sucht, um eine natürliche gesunde Reaktion des Volkes gegen revolutionäre Exzesse, es handelt sich hier viel mehr um eine unter Aufwendung großer Geldmittel künstlich entfachte Hetze, die auf die nationalistische Verwirrung der rückständischen Volksschichten, vielleicht auch auf die aktive Unterstützung speziell angeworbener lumpenproletarischer Elemente spekuliert. Es kennzeichnet den moralische!: Tiefstand der jetzigen deutschen Politik, daß das Organ einer der regierenden Parteien, der Bundesgenossin der rechtssozialistischen Partei in der Regierung, die antisemitische Pogrombewegung, deren Ursprünge auch ihr nicht verborgen sein können, als Druck- und Schreckmittel gegen die revolutionäre Bewegung benutzt." * „Das Deutschtum im besetzten Posen" lautet die Ueberschrist eines von Franz L u e-d tke im „Tag" vom 3. Juli veröffentlichten Artikels, dem -wir folgendes entnehmen: Das Deutschtum des besetzten Polen muß, das darf man wohl sagen, die Sünden anderer büßen. .Denn der Pole, «das muß inan ihm lassen, versteht zu polonisieren. Herrgott, was sind wir Deutschen doch für Stümper gewesen in 'diesem Punkte! Die Polen heute — die zeigen, wie s gemacht werden muß. Bei denen wird's nicht die Hälfte der Zeit brauchen, und ihr Ziel ist erreicht - - Posen polnisch. Das Deutschtum weiß heute schon ein Lied davon zu singen. Deutschtum, das ist der Deutsche wie der Jude. „Hakatisten und Juden", so lautet der pvlnischerseits ausgegebene Kampfruf. Die polnische Presse übertrumpft den Deutschenhaß fast noch durch ihren Antisemitisnuls, und zwar durch einen pogromlüsternen Radauantisemitismus übelster Art. Der englische, amerikanische, französische Jude würde staunen, wenn ihn: diese Stilwucherungen zu Gesicht kämen. Aber er liest sie nicht. Ihm rst Polen der evgebeue Diener der Entente, das Lieblingskind, das mit Zucker verhätschelt werden muß. Der Kampf der Polen gegen das Deutschtum und Judentum liegt auf der gleichen Linie. Alles Nichtpolnische soll aus Handel, Industrie, Intelligenz, Verwaltung so gründlich wie irgend möglich ausgemerzt werden. Das Mittel dazu ist sehr einfach. Der deutsche Bearnte, und wer sich sonst „mißliebig" macht, wird ausgewiesen, und was.im Lande bleibt, wird, wenn^s den Polen paßt, interniert. Die Internierungen gehen Tag für Tag, Woche für Woche vor sich. Ihr Zweck ist es, an die Stelle deutscher und jüdischer Industrieller, Kallfleute, Rechtsanwälte ufw. Polen zu bringen. Aus einem fast reinen deutschen Städtchen der Provinz kommt mir die Nachricht, daß eben zwei Rechtsanwälte interniert worden sind. Einer (ich kenne beide persönlich genau), der Notar, ist jüdisch; der andere, ein Evangelischer, ein allsgesprochener Gegner unserer früheren Polenuud Ansiedlungspo'litik. Also beides keine „Hakatisten". Trotzdem werden sie interniert und soundso viele andere Bewohner des Ortes gleichfalls. Polonisierung, so rasch und so gründlich wie möglich, ist das Ziel der Polen. Sie lvollen die Bildung einer deutschen Jrrcdenta verhüten durch wirtschaftliche und geistige Erdrosselung, aber auch durch physische. Und dazu dient insbesondere das Seuchenwld Flecktyphuslager von Szczypior.no, das mit seinen ausgesuchten Quälereien die Internierungslager # unserer französischen Gegner noch in den Schatten stellt. Wie viele Deutsche dort schuldlos, nur weil sie Deutsche waren, systematisch zugrunde gerichtet worden find, wird sich erst später einmal feststellen lassen. Gelingt es einem Unglücklichen, von dort zu entfliehen, so setzen die Polen dafür soundso viele andere. Unbeteiligte, oft ausgerechnet Familienväter und angesehene Deutsche, fest. Daß. man gerade die Angehörigen unserer Grenzschutzsoldaten quält, braucht kaum erwähnt zu werden. Nun gibt ja der „Oberste Polnische Volksrat" in Posen Erlasse heraus, die vom Geist christlicher Liebe nur so durchtränkt sind. Vielleicht will er schwankende Deutsche dadurch auf seine Seite ziehen, vielleicht auch nur der Entente imponieren. Jedenfalls sind diese Erlasse ohne praktischen Wert. Die Kreisvolksräte, in deren Händen die Ausführung liegt, erklären offen und ehrlich, daß das Ziel ihrer Arbeit die Vernichtung des. Deutschtums ist und daß sie (amtlich!) nach anderen Grundsätzen handeln müssen als 'der Oberste Volksrat — spricht. w General Haller verteidigt sich/ indem er die Deutschen verleumdet. Das geht aus einem Bericht G. Nijpels im „Algemeen Handelsblad" hervor, das «er eine Unterredung zwischen Haller und Nijpels folgendes schreibt: . General Haller, den ich als sehr energischen und schr intelligenten Alaun kennenlernte, schien sich der großen Gefahr, welche dem jungen, von Feinden umringten Polen von dem rücksichtslosen und glänzend organisierten Feldzug der ausländischen Presse gegen das antisemitische Pogrom-Polen droht, vollkommen bewußt zu> sein. Er erklärte mir nachdrücklich, er versäume nichts, um die Aus-' schreitungen seiner Truppen (darunter sind 3 v. H. Juden, und Haller nannte mir die Namen von «uns seiner Lsfiziere, welche Inden sind) gegen Händler, welche nun einmal in Polen samt und sonders Juden sind, und gegen nationalistische Inden zu unterdrücken. Jedoch ist das nicht leicht. So sind bereits verschiedene deutsche „agents provocateurs", welche zu antisemitischen Ausschreitungen und zu Pogromen aushetzen, unter seinen Truppen entdeckt morden. Haller int, was er kann, um den Juden jede Belästigung zu ersparen, nicht aus Liebe zu den Inden, die man bei einem polnischen Patrioten nicht erwarten darf, sondern ans Liebe zu seinem Vaterland. Seine Befehle sind sehr streng, und seine Offiziere (wie man weih, ist das ganze Hallersche Heer eine gemischte Armee, in welcher auf jeden Polen ein Franzose kommt, vom General an bis zum letzten Gemeinen) tun ebenfalls, >vas in ihren Kräften steht, und ich habe mich selbst überzeugen können, was eine Hallersche Garnison bedeutet: Sicherheit und Ruhe und keine Pogrome. Auf meine Frage, warum das junge Polen mit seinem kleinen Heer und 200Ü Kilometer feindlicher Front nicht versuche, in Frieden und Freundschaft mit Deutschland zu leben, erklärte Haller wörtlich: „Ich würde nichts Nebel sehen, und es ist mein

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.