Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 29 (18.7.1919)
- Date
- 1919-07-18
- Page
- Seite 315 (sequence 3)
- Language
- German
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Tanks des Herrn Wilson hatten Dmowski und Paderewski in Polen gesiegt. Und diese beiden begannen sofort mit der Verwirklichung ihres Judenprogramms. Polen hatte sich mit dem allerwestlichsten Westeuropa verbunden, und sofort nahmen die Pogrome ihren Anfang. Polen soll nach dem Geheis; Wilsons eine gemeinsame Grenze mit Rumänien erhalten, um zusammen im Osten einen Schutzwall gegen den PangermaniKmus zu bilden. Die ganze Bukowina und ein großer Teil von Ostgalizien, blühende Länder, in denen die Juden sicher und friedlich unter österreichischer Herrschaft lebten, sind der korrupten^, verkäuflichen und unfähigen Verwaltung der Rumänen überantwortet worden. Dort haust jetzt Bratianu aus die gleiche Weise wie Dmowski und Padercwski in Polen. Den Juden wird der Zugang zu allen Quellen der Kultur und des Wohlstandes auf eigenartige Weise erschlossen. Mit Feuer und Schwert, durch Plünderung und Mord werden die Juden zu guten Bürgern der neuen Staaten, die unter dem Schutz des Völkerbundes stehen werden, erzogen, lim die völlige Angleichung Polens an Rumänien zu belvirken, hat sich von Regierungs wegen in Warschau auch schon ein Au sschuß zur Fürder u ng der Ma sse n em i gration der JudenausPolen gebildet; das ist nichts anderes als eine behördlich eingesetzte Institution zur Massenaustreibung der Juden aus Polen. Und ebensowenig wie die Entente den Pogromen in Polen bisher gewehrt oder die Rumänen in der Fortsetzung ihrer Judenpolitik gehindert hat, ebensowenig haben die Staatsmänner des Westens gegen die Inauguration des systematischen Boykottes der Juden Einspruch erhoben, der in der T s ch e ch o s l o w a k e i praktisch betrieben und in Polen ins Werk gesetzt wird. Bedenkt man, daß die neuentstandenen „Kleinstaaten" das Gros der Judenl,eit Europas umfassen werden, so muß man sich sagen, daß für den größten Teil der Juden eine schwere Epoche heranbricht — unter dem Schutz der Westmächte. Dir Woche. Bert in, 14. Juli. Sir Astionslvkrssmmlung und die Natifikation des ffrirdens. Weimar, 9. Juli. Die heutige Sitzung der Nationalversammlung, in der die Ratifikation des Friedensvertrages niif der Tagesordnung stand, wird zu den denkwürdigsten Tagen der deutschen Geschichte gehören. Die Anteilnahme des Hauses war außerordentlich stark, die Tribünen waren uberfüllt, und auf aller Mienen lag eine gewisse Erregung, die noch durch die Verzögerung des Beginnes der Sitzung gesteigert wurde. Mit ruhiger Stimme, die sich von Zeit zu Zeit hob, um seine Worte wirkungsvoller zu unterstreichen, trug der Reichsminister des Auswärtigen Müller seine Ausführungen vor. Er fand den Beifall des ganzen Hauses, als er erklärte, daß heute und immer der einstimmige Protest gegen diese Vertrag gewordene Vergewaltigung aufrechterhalten werde. Besonderen Nachdruck legte er aus die Betonung der unbedingten Vertragstreue. Er sprach die Hoffnung auf baldige Rückkehr unserer K r i> eg s g e f a n g e n e n uns und fand damit ebenso die beifällige Zustimmung des Hauses wie mit dem Dank an die Neutralen für .ihre Fürsorge für unsere Kriegsgefangenen. Er schloß mit der Versicherung, daß wir niemals derer vergessen werden, die jetzt in Erl i'l klung desFriedensvertra g e s vom Deutschen e i ch getrennt sind. Der starke Beifall, der seinen Ausführungen folgte, fand einen Widerhall in den nachfolgenden Debutten, in denen von allen Parteien Erklärungen abgegeben wurden, sich im wesentlichen mit der bereits bekannten Stellungnahme der einzelnen Parteien decken. Eine recht lebhafte parteipolitische A u s e i n a n d e r -! Atzung gab es noch bei der Besprechung eines Antrages der Deutschnationalen auf Einholung eines Gutachtens von VölkerrechtZlehrern über die Zulässigkeit der Bildung eines Gerichtshofes zur Aburteilung von Verstößen gegen das Völkerrecht sowie der Einsetzung eines neutralen Gerichtshofes zur Untersuchung der Schuldfrage. Dieser Antrag wurde schließlich abgelehnt und der Gesetzentwurf zur Ratifikation des Friedensvertrages in n a m e n t l i ch e r A b - st i m m u n g mit 2 08 gegen 115 Stimm e n n nge - n o m men. Durch den Willen des Volkes ist endlich der Krieg beendet worden, aber es ist nicht der Wille eines freien Volkes gewesen, der diesen Friedensvertrag zum Gesetz erhoben hat. Einig waren sich auch am Tage der Ratifizierung alle Parteien in der Verurteilung dieses Friedens, der immer ein Akt brutaler Gewalt bleiben wird. „Mit tiefer Sorge", schreibt der „Vorwärts", „blickt das ganze Volk aus den Tag, wo drei der gegnerischen Mächte die Ratifikation vollzogen haben werden. Von diesem Zeitpunkt an datiert die Z er stück e l u n g Deutschland s. Millionen deutscher Staatsangehöriger m allen deutschen Fronten und auf ehemals österreichischem Gebiet werden unter fremde Herrschaft und fremde. Kultur gezwungen. Von diesen Brüdern müssen wir Abschied nehmen, ans wie lange, wissen wir nicht, aber wir haben die feste Hoffnung, daß es nur vorübergehend sein kann. Das Werk nackter Gewalt, das dieser Frieden ist, kann nicht am Leben bleiben. Wenn die Gewalt, die es stützt, zu bröckeln anfängt, beginnt der Tag der Freiheit für unsere vergewaltigten Landsleute zu tagen. Wenn wir uns von ihnen verabschieden, so möchten wir nicht, daß sie sich einen Tag von uns verlassen fühlen. Unsere Gedanken und unsere Gefühle werden stets mit ihnen sein, und in allen Bitternissen, die sie unter der fremden Herrschaft werden ertragen müssen, wird ihnen das deutsche Volk treu mitfühlend zur Seite stehen und mit ihnen nach dem Tag hungern, an dem teils durch die Ohnmacht der Feinde, teils unter dem Einfluß der Kraft des deutschen Volkes ihre Fesseln zerbrochen werden können." Doch der Friede ist angenommen und nun tritt an uns alle die harte Aufgabe heran, den Frieden zu halten und die uns gestellten schweren Bedingungen zu erfüllen, bis die Stunde der Revision, die sicherlich nicht ausbleiben wird, einst schlägt. * In der Sitzung «deir Nationalversammlung vom 4. Juli haben die deutschnationalen Abgg. Dr. M u mm, Dr. T ra u b und Genossen folgende Anfrage eingebracht: „In der Monatsschrift „Der Jude" weist Max Eschenbacher darauf hin, daß unbemerkt von der großen Oessentlichkeit ganze Scharen jüdischer Männer und Frauen aus Rußland bei uns eingewandert sind und in den letzten drei Kriegsjahren in unserer Volkswirtschaft eine wichtige Rolle gespielt haben. So nennt er die unverbürgte Ziffer von 60 b00. Die ganze Materie wurde von den Behörden geheimgehalten; manche gaben sich als katholisch oder evangelisch aus, ohne an einen Wechsel des Bekenntnisses zu denken. Eschenbacher nimmt an, die meisten seien zurückgekehrt, erwähnt aber, daß bereits eine neue Zuwanderung beginnt. Wie stellt sich die Reichsleitung zu solcher Einwanderung aus dem Osten? Ist es richtig, die Grenzen im Osten zu einer Zeit zu öffnen, in der wir völlig ungenügende Nahrung für unsere deutsche Bevölkerung haben und eine starke Auswanderung Deutscher aus ihrem Vaterlande unausbleiblich erscheint?" Auf die Beantwortung dieser Anfragen seitens der Reichsleitung sind wir gespannt. Das leitende Berliner Zentrumsblatt, die „Germania", hält es für seine fromme christliche Pflicht, auf die sogenannte Verbindung zwischen Judentum und Bolschewismus hinzuweisen; es schreibt: „Wie die Wiener „Neichspost" aus Ungarn erfährt, sind die blutigen Beschlüsse der Räterepublik gegen' die Umsturzbestrebungen