Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 29 (18.7.1919)
- Date
- 1919-07-18
- Page
- Seite 314 (sequence 2)
- Language
- German
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314 Kabinett und dem König sanktioniert werden. Es ist darum sehr begreiflich, daß im Verlaufe der Jahrzehnte seit dem Berliner Vertrag einige Dutzend Juden in Rumänien wirklich naturalisiert wurden. Alle anderen blieben, was sie gewesen: „Ausländer ohne ausländischen Schutz". Die Intervention der Westmächte zugunsten der Juden änderte also nicht das geringste an ihrer Lage. Doch eine Folge hatte diese Intervention für die rumänischen Juden: sie gab jedesmal der Regierung und den in ihrem Solde stehenden Judenfeinden den gewünschten Vorwand zu einer neuen Judenhetze: Seht, wie wir wegen dieser Juden keinen« Moment Ruhe vorm Auslande haben, wir sind nicht Herren im eigenen Haufe, können uns nicht unserer durch so schwere Opfer erkauften Souveränität erfreuen, uns 31t einer unabhängigen, freien Nation entwickeln. Nicht genug, daß die Juden unser Volk aussaugen und am Mark unseres Landes zehren, rufen sie allemal das Ausland herbei, welches sich in unsere inneren Angelegenheiten hi-neinimengt und uns wie einen mittelafrikanischen Negerstaat beihandelt; dabei erheben diese Juden noch den Anspruch, als gute Rumänen behandelt zu werden und volle Bürgerrechte zu genießen . . . Diese Sprache verstand der kleinste Mann in Stadt und Land. Die großen Massen der Rumänen, die gar keinen Haß gegen die Juden empfanden und den Regierungsantisemitismus mißbilligten, wurden künstlich in eine judenfeindliche Stimmung hineingehetzt. Besonders die „Intelligenz", die dünne, aber rührige Schicht von Berufspolitikern und nationalistischen Agitatoren, war für diese von oben vorgebrachten Argumente sehr empfänglich. So ist der „Schutz", den die Signatarmächte über die Juden Rumäniens durch den Berliner Vertrag ausgebreitet hatten, ihnen nicht nur nicht zum Segen gediehen, sondern zum Fluch und zum Verderben geworden. Man muß bedenken, daß die Heimatberechtigung in Rumänien nicht nur politische und bürgerliche, sondern vor allen Dingen eine eminent wirtschaftliche Bedeutung hat. Nach den dortigen Gesetzen ist man nämlich zur Ausübung der; meisten freien Berufe, mit Ausnahme etwa des ärztlichen,! sowie zum Betreiben der meisten Gewerbearten, Handwerk, l Bankgewerbe u. dgl., ferner zum Erwerb von Grund und Boden in den Städten, zirm Aufenthalt auf dem flachen Lande j nur berechtigt, wenn man geborener oder naturalisierter! Rumäne ist. Ta die Inden, auch wenn ihre Urgroßeltern im Lande geboren, keines von beiden sind, so sind sie von den weitaus meisten ehrlichen Erwerbsquellen ausgeschlossen. Nur die unerbittliche wirtschaftliche Notwendigkeit hindert die Regierung, diese Gesetze in ihrer vollen Ausdehnung auch wirklich anzuwendon, da das Land dadurch' dem Ruin auf einmal preisgegeben würde. A n die s e m Z u st a n d w i r d d u r ch die Be st i m - m u ngen des Pariser Vertrages nicht nur nichts geändert, sondern er wird mehr oder weniger aus die Juden aller Länder ausgedehnt, die die Entente, vorab die Herren Wilson und Lloyd George, den Rumänen ausllefern. Schlimmer noch: das n e u e r st a n d e n e Pole n mitsamt dem neugeschaffenen tschechoslowakischen Staat werden r umäni si ert. In Polen hat es bisher überhaupt keine Judenfrage in staatsrechtlichem Sinne gegeben. Im Königreich Polen waren die Juden durch Marquis Alexander Wielopolski im Jahre 1861 bürgerlich und zirm großen Teil auch politisch emanzipiert worden. Widerrechtlich hatte nachher die russische Regierung bedeutsame Teile dieser Gleichberechtigung rückgängig gemacht, aber sie ganz aufzuheben, getraute man sich dennoch nicht, und mit dem Sturz des Zarismus hatten diese beschränkenden Gesetze jede ihnen innewohnende scheinbare Rechtskraft verloren. Eine Weile hatte es auch den Anschein, daß die Juden in Polen volle Gleichberechtigung genießen würden. Nun hat in Polen die N a t i 0 n a l d e m 0 k r a t i e die Oberhand gewonnen, die seit etwa 15 Jahren mit denk Panslawismus und dem zarischen System liebäugelte und nach der russischen Niederlage ihr Herz der Entente schenkte. Die Nationaldemokratie hatte von Anbeginn die „Befreiung Polens von der fremden semitischen Rasse" aus ihre Fahne geschrieben. Schon im Jahre 1905 suchte sie, damals jedoch vergebens, das russische Pogromsystem in Polen heimisch zu machen. An der Spitze dieser Partei stand Roman D m 0 w s k i, das Geld für Agitations¬ und Organisationszwecke gab Paderewski her. Es kam der Boykott der Juden von 1912. Das Leitmotiv dieser Partei, welches von Dmowski und seinen Anhängern in unzähligen Broschüren und Leitartikeln formuliert und in der Menge verbreitet wurde, lautet: „Die Juden bilden eine fremde Nationalität, die in. Polen niemals heimisch werden kann und hier keinerlei Daseinsberechtigung hat; sie müssen mit allen möglichen Mitteln zum Lande hinausdividiert werden." In Polen wirkte im schroffen Gegensatz zur Nationaldemokratie die Partei der Aktivisten, an deren Spitze das „Oberste polnische Nationalkomitee in Krakau stand, und welche die Wiederaufrichtung Polens im engsten Anschluß an die Zentralmächte erstrebte und 'deswegen von den P 0 s e n e r Polen sowie von den Scharen um Dmowski und Paderewski anfs heftigste bekämpft wurde. Nachdem.die Truppen der Zentralmächte im August 1915 die Russen aus Polen Vertrieben und Warschau eingenommen hatten, veröffentlichte das „Oberste -Nationalkomitee" in Krakau stand und gaben", in welchem das offizielle Programm des neuen Polen tundgegeben wurde. Bezüglich der I u d e n f r a g e heißt es dort: „Wir müssen die Energie zur Einbürgerung der jüdischen Massen an,bringen, um sie für die Interessen des Landes zu gewinnen. Das kann aber nur durch redliche Gleichstellung der Juden geschehen, indem wir ihnen ein normales Dasein sichern, der Masse ermöglichen, aus ihrer bisherigen verzweifelten wirtschaftlichen Lage herausZukommen, und ihr die Wege zur Mitarbeit auf allen -Feldern des bürgerlichen Lebens eröffnen. Das Schlagwort des Antisemitismus in jedweder Gestalt kann den Interessen unseres Landes nur schädlich sein. Nicht durch nationalistische Demagogie können wir die Uebel aus diesem Gebiete heilen, sondern durch eine ganze Reihe von Reformen, welche das Land in neue Bahnen allseitiger Entwicklung lenken. Nur durch uuzwädentige und entschiedene Betonung, daß das wiedergeborene Polen nicht gewillt ist, eine antisernitische Politik, eine Politik der Schikanen mto Verfolgungen zu führen, .werden wir den Boden für die Einbürgerung der Juden finden. Indem Polen sich von Rußland losreißt und mir Westeuropa verbindet, muß es auch, in der Judenfrage den Weg einschlagen, den die westeuropäischen Völker gegangen |tm>, indem wir die Jllden yrr unser Land dadurch gewinnen, oatz nur ihnen. volle bürgerliche und politische Gleichberechtigung gewährleisten. Gleichzeitig müssen wir von den Jllden mit allem "Nachdruck fordern, daß sie treue Bürger des Landes werden, daß sie in seinem Interesse lvirken, sich itm seine Entwicklung bemühen. Das wird aber nllr dann möglich, wenn wir ihnen den Zugang zu den Quellen der Kultur und des Wohlstandes sichern. Gleich wie in Westeuropa die gleichberechtigten Juden gute 'französische, englische, deutsche, italienische Bürger geworden sind, so haben wir ein Recht, von unseren Jllden zu verlangen, daß sie gute Bürger Polens werden." Das war in der Judensrage -das Programm der Krakauer deutsch- und österreichischfreundlichen Partei unter den Polen, die zusammenbrach, als im Westen die amerikanischen Tanks den Franzosen und Engländern den Sieg sicherten. Diese beiden fortgeschrittensten liberalen und demokratischen Westmächte hatten ihrerseits die Wiederherstellung Polens beschlossen, aber nach der Zerschmetterung der Zentralmächte als eine „barrierre antigermanique" im Vereine mit einem ins Ungemessene vergrößerten Rumänien. Mit den amerikanischen