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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-07-11 · Heft 28 (11.7.1919) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 28 (11.7.1919)
Date
1919-07-11
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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- Z VÜe jüdischen Mitbürger b-m dringenben Appell, uns jetzt nicht im Stiche zu lassen und ihre verfügbaren Zimmer dem Akademischerl Wohnungsamt in München unter der Aufschrift „Für jüdische Studenten" zu melden." — Die Aktion der jüdischen Studentenschaft hat einen erfreulichen Erfolg erzielt. Die zahlreiche Anmeldirng, von Zimmern hat bewiesen, daß die jüdische Bevölkerung Münchens ihre Pflicht gegen die jungen jüdischen Akademiker erfüllen will. Bruchsal, 4. Juli. Der Landesverein zur Erziehung israelitischer Waisen in Baden versendet soeben seinen 31. Jahresbericht (1918), aus dem ein kurzer Auszug hier folgen mag: „Der Krieg uvd das Kriegsende haben auch für un-seren Verein unerwartete Nachteile gebracht. Wenn es uns früher möglich war, mit einigen hundert Mark ein Waisenkind unterzubringen, sind heute bei den unerhört teuren Lebensmitteln, bei den nie da gewesenen Preisen für Kleider, Schuhe und Wüsche usw. die mehr als dreifachen Beträge nötig. — Der Krieg hat aber auch unsere Vermögensverhältnisse günstig beeinflußt. Ter Anlaß dazu war allerdings trauriger Art. Biele tapfere Krieger sind gefallen. Die Angehörigen haben uns zum Andenken an die Gefallenen nennenswerte Stiftungen gemacht. Es ist ein Zeichen edelster Gesinnung, wenn diese Angehörigen in der Trauer für die Gefallenen unserer armen Waisen gedacht haben. Es waren aber auch Anlässe freudiger Art, die uns Stiftungen zugesührt haben. Eltern, die ihre Kinder, gesund vom Krieg zurückgekehrt, wieder begrüßen durften-, haben ihrer Freude dadurch Ausdruck verliehen, daß sie Stiftungen gemacht Haben. Andere, die Geibegenheit hatten, ihre V e r mögen sve r hält niste durch den Krieg zu bessern, haben diesen Anlaß benutzt, um Stiftungen zugunsten unserer Waisen zu machen. In Berlin, wo wir treue Freunde hatten, war ein Inkasso infolge der Unruhe der letzten Zeit sehr erschwert und die Eingänge daher wesentlich geringer. Auch in Straßburg war ein Inkasso begreiflicherweise ausgeschlossen. Durch eine Propaganda ist es uns gelungen, viele Plätze zu größeren Beiträgen zugewinnen. Wir benutzen diese Gelegenheit, -allen Stiftern und Spendern auch auf diesem Wege unseren herzlichsten Dank zu sagen. Solange die Verkehrs- Verhältnisse noch so sehr zu wünschen übrig lassen, müssen nur die Generalversammlung, die laut Beschluß in Heidelberg stattsinden soll, leider bis auf weiteres verschieben. — Die Verwaltung^- und Verpslegungskosten beliefen sich auf 25 771,14 Mark, die Mitgliederbeiträge und Schenkungen auf 60 350,22 Mark, das Vermögen des Vereins am Ende des Berichtsjahres aus 416 170,68 Mark. Während dieses Jahres wurden 22 Kinder in die Vereinsobhut ausgenommen und 10 aus ihr entlassen, weil deren satzungsgemäße Altersgrenze weit überschritten war. Der Verein ließ am Jahresanfang 118 Kindern, an: Jahresende 130 Kindern seinen Beistand angedeihen. — Nun aber gilt es, unverdrossen weiterzuarbeiten'. Wir richten daher an unsere Freunde die dringende Bitte, uns neue Mitglieder zuzusühren, ferner durch Gewährung oder Vermittlung von Spenden oder Stiftungen — Kaddisch^-Stistungen mindestens 200 Mark — nach Kräften unseren Verein zu fördern. Die das tun, werden stets eine freudige Genugtuung empfinden an der Förderung unserer hohen Aufgabe, den armen, namentlich den verwaisten israelitischen Kindern in ihrer Bedrängnis eine tatkräftige Stütze zu sein. — Der Kassenbericht schließt in Einnahmen und Ausgaben mit 127 076,41 Mark. §2! Frankfurt a. M., 4. Juli. Um uns her tost der Sturm der Zeit. Schweres, unendlich Schweres haben wir erdulden müssen, und wieviel Seeleupein wird uns noch bevorstehen. Einen Kampf im großen und einen Kamps im kleinen durchleben wir, und der Menschheit höchstes Ideal, die allumfassende Nächstenliebe, sie sucht vergeblich das schützende Dach zu -erreichen. Und doch! Die unvergängliche Geschichte unseres Judentums zeigt immer wieder aufs neue, daß gerade dann, wenn unsere Sorgen und Lasten uns schier unerträglich schienen, wir -uns hinwegsetzten über das Grau des Alltags und mit hinreißendem Idealismus Bausteine sammelten, tun et neu Bau zu errichten, in dem die herumirrende Menschenliebe zu ihrem Rechte kommen sollte. Diese Gedanken bewegten mich, als mir jetzt ein Hilferuf ins Zimmer flatterte, worin in eindringlicher Sprache in erschütternden Worten ein Notruf ergeht zur Hilfeleistung für unzählige Glaubensgenossen, die sich bei uns, ja mitten unter uns befinden und doch dem größten Jammer Preisgegeben find. Wer nur einigermaßen die Verhältnisse kennt, der weiß, wie traurig das Los jüdischer Nerven- und Gemütskranker ist. Ihnen ist es leider versagt, wenn sie ins Krankenhaus müssen, in jüdische Umgebung zu kommen, denn es gibt in ganz Deutschland faunt eine jüdische Anstalt, die für die unverhältnismäßig große Zahl jüdischer Nervenkranker in Betracht käme. Vor Jahresfrist hat Schreiber dieses aus die Wichtigkeit der geeigneten Unterbringung solcher Kranker in diesen Spalten hingewiesen, und eine Fülle von Mitteilungen atts Kreisen betroffener unglücklicher Familien, die hierauf einliefen, zeigte deutlich, wie verheerend das Fehlen jüdischer Hilfeleistung auf die Nervenkranken wirkte. Nun haben sich namhafte Netter in dieser Not eingesunden, um den unsagbar traurigen Zuständen ein Ende zu bereiten. Jetzt gilt es zu zeigen, daß trotz all unserer eigenen Sorgen das jüdische Herz noch vorhanden ist. H. Seckbach. — Jttlirrgen (Baden), 4. Juli. Aus Anlaß seiner 25jährigjm Amtstätigkeit als Lehrer der. hiesigen israelitischen Gemeinde' veranstaltete diese ihrem Lehrer Josef Herz und dessen Ehefrau ein Fest, das in würdiger Weise gefeiert wurde. Die Synagoge, insbesondere das Betpu-lt des Jubilars, sowie der Platz seiner Ehegattin wurden sinnig geschmückt. In feierlicher Ansprache gedachte ein früherer Schüler, Herr Kaufmann Ludwig Ladenburger, der hervorragenden Verdienste des Jubilars. Auch die gegenwärtigen Schüler ehrten den Jubilar durch Vortrag von passenden Gedichten. Der Vorsitzende des Synagogenrats, Herr Max. E i ch te rs h ei m e r, überreichte als äußeres Zeichen der Dankbarkeit namens der hiesigen Gemeinde und der früheren, jetzt auswärts wohnenden Schüler ein sinniges Geschenk. Der Jubilar dankte -gerührt in gehaltvoller Rede für diese Ovation, mit dem Gelöbnis, auch sernerhift der israelitischen Gemeinde Jttlingen seine ganze Kraft zu widmen. Auch die politische Gemeinde nahm Anteil andiesem Ereignis und überbrachte ihre Glückwünsche. — Karlsruhe (Baden), 4. Juli. Der Landesverein israelitischer Religionslehrer in Baden faßte in seiner kürzlich stattgehabten Mitgliederversammlung folgende Entschließungen: „Tie Versammlung erhebt lebhaften Einspruch, gegen die Behandlung, die der Oberrat den Religionslehr-ern und ihrem langjährigen Kampf um ftandeswüvdige rechtliche und wirtschaftliche Verhältnisse und um pädagogische Gestaltung des Religionsunterrichts auch jetzt noch entgegenbringt. Die von der Synode 1914 einmütig beschlossene Regelung der Besoldungs- und Pensionierungsverhältnisse der Religionslehrer nach Dienstjahren muß ohne weiteren Aufschub durchgeführt tverden. Tie M ittÄ dazu sind der Isra eli tischen Zentralkasse zu entnehmen. Jur Interesse der Allgemeinheit ist dem Religionslehrer behördlicherseits eine höhere soziale Wertung einzuräumen. Die wertvollen Kräfte, die im Religionslehrerstnade gebunden sind, müssen bei der bevorstehenden Neuordnung der Landessynagoge für die Gesamtheit frei und mitverantwortlich nutzbar gemacht tverden. Die auf eine freiere und tiefere berufliche Betätigung gerichteten Bestrebttugen der Religionslehrer schließen eine grüttdliche allgemeine und Fachausbildung in sich. Die Allgemeinbildung hat der des Lehrers der Grundschule zu entsprechen. Für die besonderen sachlichen Kenntnisse ist vor der Anstellung die Absolvierttug bestehender oder einzurichtender Kurse nachzuweisen. Das weitgehende Verständnis und der opferwillige Sinn, die von den badischen Israeliten atts -dem Gebiete sozialer Fürsorge schon oft bewährt lvurden, tverden sicherlich auch in dieser brennenden Frage, die wohl manchem nicht in ihrem ganzen Umfang und Inhalt bekannt sein wird, nicht versagen. Ihre Lösung wird für die gegenwärtig vor ihrer neuzeitlichen Umbildung stehenden Landessynagoge ein Prüfsteindafür sein, ob „der gttte Geist nett erstandenist in ihrem Innern". Zur Begründung dieser Entschließungen sei folgendes ausgesührt: Tie ungenügenden Gehälter tverden besonders deshalb so drückend empfunden, weil ein Rechtsanspruch auf die in ihnen enthaltenen Zulagen selstt. Der Oberrat bemißt sie dem einzelneu Religionslehrer nach Bedürftigkeit ztt. So haftet einer solchen Zulage .das Odium einer Unterstützuug, einer Gnadengabe an, «deren Erlangung den Lehrer in eilte ttntvürdige Abhängigkeit von seinen Vorgesetzten bringt. Dasselbe beschämende System tvivd bei den Ruhegehältern angeweudet, die sich zwischen 500 und 1000 Mark pro Jahr bewegen, ebenso bei der Hint-erbliebenver-sorgung, für welche Beträge votr 400 bis 800 Mark vorgesehen sind. Die Israelitische Landessynode hat denn auch durch einmütigen Beschluß int März 1914 diese traurigen Zustände beseitigen wollen durch Schaffung einer auf das Dienst-alter gegründeten Gehaltsskala. Mvhr als der Krieg hat aber der alte ober-

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