Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1919)
- Date
- 1919-07-11
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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rntliche (Seift mit seinem „Wohlwollen" statt des Rechts die beschlossene Reform bisher hintangehalten. Alle Vorstellungen des Vereins sind bis heute bei den, Oberrat verhallt — hoffentlich zwingt die badische Judenheit den Oberrat, endlich den Forderungen von Recht und Billigkeit Genüge zu leisten. Deutlch-Sklttrreich. 1 z. Wien, im Juni. Der Verein zur Unterstützung jüdischer Kleingewerbetreibender in Wien hielt am 10. b. M. die diesjährige ordentliche Generalversammlung ab. Der Vorsitzende, Herr Obmann Saul Klausner, widmete vor allem den im abgelaufenen Jahre dahingeschiedenen Mitgliedern und Gönnern warme Worte des Gedenkens, welche zum Zeichen der Trauer von der Versammlung stehend angehört wurden. Hierauf erstattete der Vereinssekretär Herr At. Atzte den Bericht über die Vermögens- und Kassagebarung des Jahres 1918. Derselbe hebt hierbei die besonders erfreuliche Tatsache hervor, daß es der Vereinsleitung im abgelanfenen Jahre geglückt ist, eine Anzahl von Persönlichkeiten für den altbewährten und segensreich wirkenden Verein zu interessieren, welche sich demselben als unterstützende Mitglieder und Gönner angeschlossen haben. Diesem Umstande sei es zu danken, daß der Verein im abgelanfenen Jahre den Anforderungen der Armen- und Krankenpflege, der Witwen-, Waisen- und Aiterssürsorge in so bedeutendem Umfange gerecht werden konnte. Nach diesem beifällig ausgenommenen Berichte wurde der Rechnungsabschluß on bloc angenommen und dem Vorstande ans Antrag der Revisoren einstimmig das Absolutorium erteilt. Dem Vorstände wird der Dank und die Anerkennung für seine erfolgreiche und hingebungsvolle Tätigkeit in dieser ernsten Zeit zum Ausdrucke gebracht. Auf Antrag der Vereinsleitung wird das gewesene Vorstandsmitglied Herr S. A. Freund in gerechter Würdigung seiner ganz besonderen Verdienste, die sich derselbe um die gedeihliche Entwicklung des Vereins erworben hat, und in Anerkennung seiner ausgezeichneten unermüdlichen Tätigkeit im Interesse des von ihm initiierten Ausbaues der humanitären Einrichtungen des Vereines zum Ehrenmitgliede ernannt. — Die Wiener Kultusgemeinde hatte kurz vor dem Kriege vom Hofärar die sogenannte Wasserwiese im Angarten zum Zwecke der Errichtung eines Kinderstzitales käuflich erworben. Der Ausbruch des Krieges ilnd die im Gefolge desselben eingetretenen Verhältnisse haben es bisher verhindert, dieses für Wien so wichtige Institut ins Leben zu rufen. Die Kultusgemeinde hat deshalb zunächst ein Kinderambulatorium errichtet, welches bereits seit einem Jahre an der Grenze zweier stark bevölkerter Bezirke eine segensreiche Tätigkeit entfaltet. Nun hat der Kultusvorstand in seiner letzten Plenarsitzung auf Antrag der Kommission für das Kinderhostzital beschlossen, auf dem Baugrund des künftigen Kinderhospitals eine Halle für Liegekuren unterernährter Kinder einzurichten. Zu diesem Zwecke soll eine vom Roten Kreuze zur Verfügung gestellte Baracke nach entsprechender Adaptierung benutzt werden. Es ist in Aussicht genommen, die Tagesheimstätten nur | während des Sommers in Betrieb zu erhalten. Die Kinder — ungefähr zwanzig täglich — sollen während des Tages sich in der Heimstätre aufhalten und am Abend unter Aufsicht nach Hanse gebracht werden. Von Sah und Mn. — Aus Aulaß des Friedensschlusses wurden in allen Berliner Synagogen während des Gottesdnmstes mn letzten Sabbat von den Gemeinderabbinern Predigten gehalten. Für die während des Krieges gefallenen Soldaten wurde bei geöffneter heiliger Lade das El-molerachamim-Gebet gesprochen. -. Der Gottesdienst am letzten Sonntag in der Jüdischen Reformgemeinde stand im Zeichen der!Aationaltrailer; die auf den Ernst des Tages bezugnehmende Predigt hielt Herr Prediger Dr. Eoblenz. Wie eine hiesige Korrespondenz mitteilt, schweben gegenwärtig Erwägungen über eine Beseitigung der religiösen Eidesformel. Diese Frage wird demnächst einer Lösung entgegengeführt, um den Gewissenszwang aus diesem Gebiete zu 'beseitigen. Bei Vernehmungen dürfte die Versicherung, die Wahrheit zu sagen, als ausreichend erachtet werden, wobei die Verletzung, der nichtreligiösen Formel ebenso unter Strafe gestellt werden soll wie zurzeit der religiöse Eid. — Das Arbeitssürsorgeamt der jüdischen Organisationen in Deutschland teilt in bezug auf die in Nummer 18 von uns veröffentlichte Notiz über die planmäßige Ausweisung jüdischer Arbeiter aus Deutschland mit, daß, der preußische Minister, des Innern verfügt habe, daß jüdische polnische Arbeiter nur aus Gründen ansgewiesen werden, aus denen auch «i-m allgemeinen Ausweisungen von Ausländern erfolgen. Dieselbe Praxis wird auch in den übrigen Teilen Deutschlands befolgt. — Aus Ratibor wird uns geschrieben: In das Gefängnis eingeliefert werden, nahezu täglich polnisch-jüdische Flüchtlinge, die aus Anlaß der in Polen stattfindenden Judenpogrome Polen verlassen und in Scharm über die deutsche Grenze treten, selbst auf die Gefahr hin, von den an der Grenze stehenden Legionären erschossen zu werden. Die Flüchtlinge übertreten dabei allerdings die auf Grund des Belagerungszustandes erlassenen Grenzverordnungen, wissen das auch; sie nehmen aber lieber die sie treffende kleine Strafe in Kauf, nur u>m der polnischen Hölle entronnen zu sein. Der Uebertritt über die Grenze erfolgt hauptsächlich in den Kreisen Lublinitz, Rosenberg und Kreuzburg. — Die „Hallesche Zeitung" in Halle a. d. S. bringt nach der „Völkischen Thulegesellfchaft" in einem Artikel „Ntünchmer Deutschen morde durch Juden" die Namen der erschossenen Geiseln. Es ist erfunden, daß der Befehl des Erschießens durch Juden gegeben' wurde. Eglhofer hat den Todesbesehl gegeben und unterschrieben. Sontheimer, der als Jude bezeichnet wird, war katholisch geboren, Sohn katholischer Eltern. Unter den Erschossenen war auch ein Jude, Berger aus Wien. So wird versucht, das deutsche Volk immer mehr in .die Lüge und den Judenhaß zu Hetzen'. — Aus Würzburg wird uns geschrieben: Judentum und Kommun i s m u s ist für unsere bajuvarischeu Alldeutschen identisch. Wie falsch diese Auffassung ist, die von den Chanlberlain-Patentdeutschen aus Kosten der Wahrheit immer wieder gepredigt wird, beweist die Ernennung des Bauernbund-Redakteurs K übler zum Justizminister während der Näteregierung. Der sonderbare Justizminister stellte sich bei seinem Amtsantritt im. Justizpalast den Beamten seines Ressorts mit den Worten vor: „So, jetzt bin i do, besser ist's allewei l, es kimm i als a J ud. Tut's ma aber nix, i tu-aeuch ja a nix!" Jetzt sitzt der saubere Herr „Justizminist-er" hinter Schloß und Riegel. — Bei der am Dienstag, den 17. Juni, in Siegburg stattgefundenen Vorstandswahl der Deutschen Demokratischen Partei, Ortsgruppe Siegbu-rg, wurde Herr Lehrer Seelig (Liegburg) einstimmig zum 1. Vorsitzenden -gewählt. — Am 1. Juli beging Herr Seminardirektor Dr. Knoller in Hannover die Feier seines 25jührigen Jubiläums als Leiter der Bildungsanstatt für jüdische Lehrer und der Religionsschule der Shna-go-gengemeinde. — Aus Wien wird >uns berichtet: Am 15. Juni fand unter Zahlreicher Beteiligung das Leichenbegängnis des Herrn Benjamin Haimovitz, Mitchef der bekannten Firma Brüder Haimovitz, statt. Der Verblichene genoß infolge seines biederen Charakters und ausgeprägten Wohltätigkeitssinnes in allen Kreisen Beliebtheit und Wertschätzung. 'Rabbiner Dr. Grunwald hielt einen ergreifenden Nachruf. Die liturgische Funktion versah Oberkantor Morgenstern. — Die nichtjüdifche zur Wahrung der Rechte des jüdischen Volkes gegründete italienische Vereinigung. „Pro Jsraele" hat Minister Sonnino in Paris folgenden Protest zugeschickt: „.Exzellenz! In Polen und in der Ukraine wüten fortgesetzt die schrecklichsten Judenmassakers. Die nichtjüdifche Vereinigung „Pro Jsraele" probtest iert vor der. Friedenskonferenz gegen diese Verbrechen, die unser Volk und unsere Kultur schänden, und ruft die Intervention der italienischen Regierung, wie auch der Regierungen der Verbündeten an, dein ein Ende zu bereiten. Mit größter Hochtung der Präsident G. Di Ces.aro. — Die britische Regierung hat Herbert Samuel der britischen Gesandtschaft in. Brüssel als Speziälk-ommissar attachiert und mit der Mission betraut, die Angelegenheiten, die die britische Kooperation beim Wiederaufbau Belgiens betreffen, zu leiten. — Laut Spezialbericht der „Jewish Times" lenkte Mars hall bei seiner Audienz bei Wilson wegen der Judenpogrome in Polen Wilsons Aufmerksamkeit auch auf die Gefahr, die den Juden bei einem siegreichen Vormärsche von Koltschak drohe. Präsident Wilson konnte Marshall die beruhigende Erklärung machen, daß der Viererrat bereits Koltschak aufgefordert habe, strengstens darauf zu achten, daß in den Orten, die seine Armee erobern wird, keine Judenpogrome Vorkommen, — Im Unterhanse teilte Cecil Harmsworth mit, daß der britische Gesandte in Warschau den Auftrag erhalten hat, der polnischen Regierungwegen der Mißhandlung. von Juden in Polen. Vorstellungen zumachen. — Dem „Algerneen Handelsblad" wird aus Jerusalem gemeldet, daß die Wahlen für die jüdische gesetzgebende Versammlung auf den 10. Juli festgesetzt wurden. Die Frauen -werden das aktive und passive Wahlrecht haben. Ein Teil der orthodoxen Juden wird sich deshalb an den Wahlen nicht beteiligen. Verantwortlicher Redakteur: Albert Katz in Berlin-Pankow, FlorastraHe 58. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Max Fahrnländer, Neukölln. Druck und Verlag von Rudolf Mosse.