Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1919)
- Date
- 1919-07-11
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3229392-3229418--75017-3287500- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
SS. Jahrgang. Nr. 28 Berlin, II. Juli ISIS Der Gemeindebote. »KUgt zur „SUIjenulntn Stltung br- Judrntumß". korrrspondkn?m und Nachrichten. SrutschlauL. E. M. Berlin, 8. Jülr. Der Meile Verhandl-ungstag der Verbandstagung der jüdischen Jugendvereine wurde mit der Einsetzung einer Anzahl von Kommissionen eingeleitet, unter denen sich eine Kongrehkommission, eine Kommission sür die Palästinafrage und ein Statutenausschuß befinden. Dann nahm Dr. Gustav Löss >ler (Frankfurt a. DL.) das Wort zu seinem Referat: „Die Förderung des religiösen Sinnes der jüdischen I u g e n d". „Der Jugendverband, der bisher ebenso wie die anderen großen religiösen Verbände im Judentum dieser Kardinalfrage bisher mit Palliatlvuüttelchen gerecht werden wollte, muß diese Entscheidungsfrage in Zukunft ernsthaft behandeln. Die entscheidende Frage isr auch für unsere Jugend, ob das Wesen des Judentums im Religiösen oder Rat tonnten Liegt, bzw. ob es in einer Synthese dieser «beiden Dinge besteht. Jüdische Religiosität bedeutet, mit stolzem Bewußtsein sich als Rachtommen jenes Jisroel zu fühlen, der mtt Gott rang. Den religiösen Srnn der jüdischen Jugend zu vertiefen und zu beschwingen, ist die vornehmste Aufgabe des Verbandes und seiner Glieder. Zur Erfüllung dieser Aufgabe soll die schon seither geübte Beschäftigung mit dem jüdischen Schrifttum, insbesondere mit den jüdisch-reUgwseu Schriften, beitragen. Die Erziehung der Jugend zur freudigen Erfassung des Gebens und zum freudigen Schaffen im Dienste des Göttlichen ist durch Erzieher anzustreben, die selber religiösen Erlebens voll sein sollen, hieran fchwtz Dr. Löffler feinen zrverten Vortrag über Mischehe, sexuale thische Forderungen, Frühehe und soziale Umschichtung! der jüdischen Jugend D e u t i ch l a n ■£>■ s, der in folgenden Leiilsatzen gipfelte: Die iin „Verbände der jüdischen Zugendvereine DeurMands" zusattittrengeschlosfenen Vereine lehnen die Rtischehe zwischen Juden lltid ^tichlfuden ab. Sie erblicken in der an nranchen Orten bemerrdaren Häufung von Mischehen eine ernste Gesäh,vdung für den Fortbestand des Jndenrums. Allitgjlieder von Vervandsoereinen, die m Mischehe leben, .erscheinen als- Führer der Jüdischen Jugerld ungeeignet. Zur Herbeiführung der Gesundung unserer Geschlechtsisitten mutz an vre Stelle der „doppelten Moral" die Forderung der Reinheit der Lebensführung von Mann und Frau bis zur Eye treten. Judentum und hochentwickelte, allgemein-menschliche Ethik haben diese zum sittlichen Gebot erhoben. Die Reform der Sexualethik ist zu fördern durch den Gedankenaustausch aller der jungen Juden unseres Verbandes, die vom Willen zu reiner Lebensführung getragen sind. Rückkehr der jüdischen Jugend zur Frühehe ist ebenso sehr im Hinblick aus die zu ersrrebenoe Reform der gesellschaftlichen Sitten wie aus Grünoen der Bevotterungspoltttt zu fordern. Die Frühehe als Forderung des überlieferten Judentums läßt das Eintreten für ste als eine spezifische Aufgabe eines Jüdischen Jugendverbandes erscheinen. Die soziale Um- 'schichchung der deurfchen Judenheit, die Vovauss-etzung für Frühe he und Reform der ^exua leiht t hat mit dem Endziel einer gesunderen Gliederung der Juden nach Berussständen zu erfolgen. Die Verbreitung des Hanowerks, die Verbreitung der Liebe zur Scholle, der Reigung zu Garten- und Atterbau als künftigen Beruf und Abwendung von der Großstadt und Rückkehr aufs Land und in kleinere Landstädte sind die Vorbedingung der notwendigen Berufsumschichtung. In der Diskussion gibr Rabbiner Dr. Wiener (Stettin) dem Wunsche Ausdrua, in der religiösen Arbeit des Verbandes stärker die jüdische Rote in der Religion zu betonen, als der Referent es tat. Die jüdische Seele muß durch die befreiende Gewalt der jüdischen Religiosität aus dem Zwiespalt Zwischen Rationalismus uno Idealismus bejreit werden. Dr. Ist Kahn (Berlin) führt die tiefe Areligiositüt der jüdischen Jugend daraus zurück, daß wir unseren Blick ausschließlich nach außen gerichtet und alles ausgegeben haben, was spezifisch-jüdische Eigenart war. Das Judentum ist, mehr als eine Religionslehre, es ist das Maß aller Dinge für uns. Rach einigen weiteren Diskussionsbemerkungen wurden die vorgeschlagenen Leitsätze mit geringfügigen Aerrderungen angenommen. — Die Nachiiijttagsverhandrl'lingen leitete ein Referat von Rabbiner Dr. Lange (Essen) über die Bekämpfung des Antisemitismus ein. Der Redner ging den verschiedenen Ursachen des Antisemitismus nach, wie er sich in der Wissenschaft, in der Presse, in Gerichtsurteilen und im praktischen Leben äußert. Die Stimmung gegen die Inden ist in allen Schichten des deutschen Volkes ohne jede Ausnahme eine so feindliche,. daß man nur mit größtem Pessimismus in die Zukunft blicken kann. Keine Partei, von der Rechten bis zur äußersten Linken, bietet uns durch Programm oder Tendenz Schutz gegen die antisemitische Hochflut. Alle Mühe des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, uns Ansehen und Sicherheit zu verschaffen, sind ohne Erfolg, geblieben; von schr zahlreichen Beschwerden ist kaum eine in befriedigender Weise erledigt worden. Die notwendige Abwehr muß neue Wege suchen. — Der weitere Verlauf der Tagung war mit Satzungen ausgefüllt. Rechtsanwalt P a sch (Berlin) beantragte mit Rücksicht auf die einstimmige Neutralitätserklärung des ersten Berhandlungstages, den Zentralverein als ausgesprochene innerjüdische Kampsorganisation aus dem Verbandsvorstande auszuschließen. Der Zentralverein denkt auch gar nicht daran, seine eigene Jugendorganisation einzustellen. Dr. K r o n b a ch (Essen) be tont, daß der Kampf des Zentralvereins gegen den Zionismus auf seine Beziehungen zum Jugendverband keinen Einfluß habe. Wenn der Zentralverein aus dem Berbandsvorstand ausgeschlossen werde, so werde er seine eigenen Jugendorganisationen ausbauen und dadurch dem Verbände empfindlichen Abbruch tun. Dagegen sei der Zentralverein bereit, seine eigene Jugendbewegung dem Verbände anzuschlietzen, wenn die Stellung des Verbandes ihm dies ermögliche. Dr. Apfel beantragt, über den Antrag Pasch zur Tagesordnung überzugehen und die Neutralität dadurch zu sichern, daß auch der Zionistischen Vereinigung sür Deutschland ein Sitz im Verbnndsvorstand angeboten wiro. Der Zentralverein soll um eine klare Aeußerung ersucht werden, ob er nach der gestrigen Debatte seine eigenen Jugendgruppen aufgeben will. Dr. Pasch erweiterte nach diesen Ausführungen seinen Antrag dahin, daß sämtliche jüdische Parteiorganisationen Deutschlands zum Eintritt in den Verbandsvorstand aufzufordern sind. Es wird beschlossen, diesen Antrag dem Vorstand als Material zu überweisen. Hieraus erfolgt die Neuwahl des Vorstandes, bei der Dr. Apfel unter großem Beifall wiedergewählt wird. — Dr. Ist Kahn (Berlin) berichtet für die „Palästina-Kommission". Gleichgültig welchen Standpunkt ein junger Jude einnimmt, bleibt Palästina sür uns alle ein Mittelpunkt des jüdischen Lebens, der immer im Brennpunkt der jüdischen Interessen gestanden hat. Aus Vorschlag der Kommission wlro einstimmig folgende Resolution angenommen: „Es ist Pflicht jedes Juden, das Werden des jüdischen Palästina mit großer Aufmerksamkeit zu verfolgen. Als Grundlage der den kulturellen und wirtschaftlichen Ausvau Palästinas gewährleistenden Arbeit fordern wir in Uebereinstimmung mit den Beschlüssen der großen jüdischen Korporationen m Deutschland die Festsetzung solcher politischen administrativen und ökonomischen Bedingungen für Palästina, daß seine Entwicklung zu einem von der gesamten Judenheit getragenen autonomen Gemeinwesen gesichert wird." Zur Köngreßfrage wird nachstehender Beschluß gefaßt: „Die Veranstaltung eines aus allgemeinen Wahlen hervorgegangenen jüdischen Kongresses in Deutschland wird dringend gefordert. Der Verband empfiehlt die Vorbereitung dieses Kongresses durch einen Vortöngreß, der von Vertretern der Jüdischen Organisationen einschließlich der Jugendorganisationen zu bilden ist und dem insbesondere die Festsetzung der Wahlordnung und der Tagesordnung des ersten Kongresses obliegt. Der Verbano empfiehlt seinen Mirgliedern, sich nur sür das Zustandekommen eines solchen Kongresses einzusetzen, an dem sämtliche in Deutschland lebende Juden ohne Gewissenskonflikte teilnehmen können. Für ausländische Juden soll eine Karenzzeit sestgelegt werden. Der Verband lehnt die Voraussetzung des Bekenntnisses der Zugehörigkeit zum jüdischen Volk ab. Der Kongreß soll auch die Bildung der Gesamtorganisation der in Deutschland lebenden Juden vorbereiten." — Landesrabbiner Dr. Rieger (Braunschweig) referiert über die jüdischen Jugendvereine und die Gemeinde. Die! von ihm anfgestettten Leitsätze werden nach kurzer Debatte