Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1919)
- Date
- 1919-07-11
- Page
- Seite 312 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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312 Literarische Mitteilungen. ----- I. S. Z u r i : Nab. sein Leben and seine Anschauungen. Buchdrirckerei G. >v. Ostheim, Zürich 1918. 151 S. I. S. Z u r i : Rabbi Iochanan, der erste Amoräer Galiläas. Berlin 1918. Verlag M. Povp>elauer. 176 S. Es ist eine außerordentlich dankenswerte Aufgabe, die der Verfasser sich gestellt bat. durch Monographien über einzelne bedeutende Lehrer, welche die Richtung und Entwicklung der mündlichen Lehre entscheidend beeinflußt haben, in das Werden und Entstehen der talmudischen Ueberlieferung hineinzuleuchten und die Strömungen aufzu zeigen, die miteinander und geaeneinander her gingen. Ihn unterstützt dabei eine außerordentliche Belesenheit in der talmndischen und midraschischen Literatur und die Fähigkeit, aus versteckten Einzelheiten ent Gesamtbild zu entwerfen und die Gedankenaänge. ans denen aelegeutliche Bemerkungen im Lehrhaufe fielen, einzubauen in das Gefüge der sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse. Es steckt in beiden Büchern ein gewaltiger Wssensumfang und eine souveräne Beherrschung des Stoffes. Was dem Verfasser besonders vorschwebt, das ist der Nachweis einer verschiedengearteten Geistesanlage und seelischen Haltung der aus Judäa, dem Süden, stammenden Rabbinen. und der aus Galiläa stammende Rab scheint ilnn der Tvv des Judäers. Ioebanan der des Galiläers zu sein. Den Galiläer findet er individualistisch veranlagt nnd im Snbjektivischen befangen. Nach innen zugewandt, sei auch sein inneres Leben von tiefen Empfindungen bewegt, die bisweilen hohe Grade von Lebendigkeit und Stärke erreichen, so daß sie sein aanzes Sein und seine ganze Aufmerksanckeit in ihren Bann zögen. Die Beziehungen. zwischen ihm und den Gegenständen, die ihn beschäftigen, seien innerlicher und intimer Natur, das Land, das ihn an ße bindet, unmittelbar und direkt. Er sei im allgemeinen utilitaristisch, suche von den Dingen greifbare Nutzen zu erlangen. Der Indäer hingegen sei nicht auf den Dingen entspringenden Nutzen nder Zweck. sondern ans die Erscheinung, ans die äußere Gestalt der Dinge gerichtet, er sei mehr kontemplativer Beschauer. Die Wirkung, die die Dinge nur ihn ansüben, ist also schwächer, ergreift und beweat nicht sein Herz.. Er habe die Neiauna, die Dinge nicht unmittelbar an zu schauen, sondern sie sich durch Svntbole zu vermitteln. Sicher wird ein Unterschied der seelischen Haltung zwischen den Bewohnern der beiden Landschaften gewesen sein, aber ob er wirklich so stbarf sich in den geistigen Führer n ausprägt, erscheint doch zn'eiselhaft. Tie Art, in der das literarische Material zur Feststellung verwandt ist, macht doch häufig mehr den Eindruck einer N(ckit?<> iniueinii als eines aültiaen Nachweises. Eher könnte man annehmen, daß e^ aerade in diesen geistiaen Führern durch d^e Gemeinsamkeit des Zieles und die gemeinsame Luft des Lehrhauses zu einer Abschlemma der landsmannschaftlichen Charakterunterschiede gekommen sein müßte. In der Darstellung ist besonderes Gewicht darauf gelegt, die Stellung der beiden Geisteshelden und ihrer Schulen zu den einzelnen Fraaen der Persönlichen Frömmigkeit und des sozialen und wirtschaftlichen Lebens genau zu zeichnen, die Meinungen und Urteile i'lber die wichtigeren Fragen der Forschungsmethode, den Stil und die rjmuc Betrachtnngs a r t zu charakterisieren. So sehr das in den einzelnen Partien gelungen ist, weniger ist es gealückt, bi-c Gelamtversönlichkeit der beiden Rabbis lebendig nnd plastisch erstehen zu lassen: die Fülle des Stoffes hat den Verfasser erdrückt und ihn sich ins einzelne verlieren lassen. Die Stellenangaben sind mit Vorsicht zu benutzen, stimmen mitunter nicht genau, wie überhaupt im Druck, in der Wiedergabe der Namen und in der Stilisierung manches hätte besser und sorgfältiger sein können. Aber das sind Kleinigkeiten: im ganzen wird jeder Sachkundige nnd Forschende ans den Schriften, auch da. wo er dem Verfasser nicht folgen kann und will, reichen Geivinn schöpfen. Diene in a n n. — Spinoza Redivivus. Eine Fibel für Anfänger und Verächter der Philosophie. Mit 22 Figuren im Text. Berlin 1917, Verlag von Max Rockenstein. Der Verfasser des ,.Spinoza Redivivus" tritt mit der sensationellen Behauptung auf, daß seit dem Erscheinen der Werke des großen Denkers, also seit .nahezu einem Viertel fahr tausend, noch nicht einmal die Vorbedingung erfüllt ist, um in das Verständnis seiner Philosophie eindringen zu können; eine Behauptung über die sich streiteil läßt. 3n seinem ge in e i nve r ständl i chen Werk bemüht sich der Verfasser, dein Anfänger in der Philosophie auf angenehme und zum eigenen Nachdenken anregende Weise in einige der interessantesten Tatsachen aus dom Betriebe dieser Wissenschaft einzuführen. Die Darstellung, deren Hauptgesichtspunkt die Erziehung des Lesers zu selbständigem Urteil bildet, verläuft in folgenden vier Kapiteln: 1. Das Schicksal der bisherigen Philosophie, 2. Das Schicksal der Philosophie Spinozas, 3. Die Hilflosigkeit der gelehrten Wissenschaft gegenüber der Philosophie Spinozas, 4. Eine Hilfe, dargereicht von Spinoza in einem Wahrheitsmodell. Obwohl der Verfasser auf Spinozas materielle Philosophie selbst noch nicht eingeht, so erkennt der Leser doch, daß hier ein neuer Weg zu ihrem Verständnis gewiesen ist. Auch den Verächtern der Philosophie wird hier der Wea gezeigt, in Spinozas Schriften dasjeniae zu finden, was der deutsche Name für Philosophie, die Weltweisheit, zu versprechen scheint. Die Lektüre dieser Schrift wird niemand gereuen. A—tz. — V o m Glauben des Alten T e sta ment s. Von Mar Gerber, Pfarrer in Feldis (Graubünden). Verlag G. A. Bäschlin. Bern 1917. 52 Seiten, Preis 1,50 Mark. Das m-utige Bekenntnis eines religiö slozialisti-schon Plärrers der Schweiz, der in dein „Moratorium des Christentums", das der Weltkrieg gezeitigt hat, die wahre Frömmigkeit in den heiligen Religionsnrkunden des Judentums w ledern ndet. mit deren Lehren ihm die Frömmigkeit der Gegenwart vielfach in Widerspruch zu stehen scheint. Indem er die Fraae nach dem Sinn dieser Erde und des Menschenlebens -aufwi-rft. betont er im Gegensatz zur chiristlichen Frömmigkeit, daß die Vorstellung von einem ewiaen. unvergänglichen Leben nach dem Tode in der Bibel keine R>o>lle spielt, vielmehr darin ein einheitlich kraftvoller Glaube an das Diesseits vorherrscht. „Hier bei Moses wird es besonders klar, daß die zureichende Begründung dieser Tatsache nicht in dem noch unvollkommenen Stand der religiösen Vo r stell u na gefunden werden kann (denn Moses wußte von Aegypten ber wohl, was Unsterblichkeitsglaulbe warl, sondern im Gegenteil in der Stärke des alttestamentlicken Glaubens an bk Schöpfung Gottes, in der festen Zuversicht, daß Gott etwas vorhat mit den Menschen auf dieser Erde, daß er ihr Gott sein will nnd daßsie sein Volk sein sollen aus dieser Erde." (S. 25.) Und damit hängt ein Mveites zusammen, daß nämlich nicht das persönliche Verhältnis des einzelnen zu Gott — Gott und die Seele, die Seele und ihr Gott — im Vordergrund steht. „Diese ganze einseitige Einstellung auf das rein persönliche, private Verhältnis der Seele zu Gott, wo es nur daraus ankommt, daß man seine Seele rette, und man daher alles andere getrost geben lassen kann, wie es mag, ist dem Alten Testament deshalb unbekannt, weil es immer auf da S Gnze gebt, auf Gottes Sieg im ganzen, hofft, an Gottes Verheißungen für das Ganze festhält und die persönlichen Schicksale von da aus betrachtet." (S. 26.) Gott will nicht nur ein Tröster einzelner Seelen sein, sein Wille geht auf das Ganze des irdischen Lebens, er null das Völkerleben mit seinem Geiste der Gerechtigkeit durchdringen. Von solchen Gedanken, die er seiner Gemeinde ans Herz legt, erhofft er Befreiung ans den Wirrsalen des Weltkrieges, von denen auch -auf die menschenfreundliche Schweiz ein «gerüttelt volles Maßkam«. — Gegenüber den Lehren der Reformation- und ihrer Frömmigkeit, die ihm für die Gegenwart als zu wenig, erscheint, kündet der Verfasser die Rückkehr zur Bibel und ihrer Frömmigkeit: „Es ist der Glaube an eine neue Welt Gottes-, wo sein Wille -alles neu macht, ebensosehr ins einzelne hineindringt und ans das Ganze geht, wo Gottes Gerechtigkeit nicht nur Raunt gegeben wlrd i>n unseren Herzen, sondern in der ganzen Schöpfung, der uns hell ans dem Alten Testament entgegenstrahlt, der Glaube, in den wir wieder hineinwachsen müssen, von dem wir leben können." Au ss ig (Deutsch-Böhmen). Prof. Dr. R o sen z we ig. Die Verlagsbuchhandlung Louis Lamm in Berlin bringt Neuauflagen aller Werke von Leopold Zunz, dem Begründer der modernen jüdischen Wissenschaft, heraus. Da die Bücher von Zunz ausnahmslos vergriffen sind — teilweise seit vielen Jahren —, so wird diese Mitteilung für viele Interesse haben.