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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-07-11 · Heft 28 (11.7.1919) · p. Seite 311

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 28 (11.7.1919)
Date
1919-07-11
Page
Seite 311 (sequence 11)
Language
German
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311 steht's geschrieben! Moses sagte: Roscho, Bösewichl, warum schlägst du deinen FreundV Das letzte Wort elektrisierte alle Schüler. Sie schämten sich ihrer bösen Tat. An dieses Wort Moses^ hatten sie gar nicht gedacht . . . Mendel bestrafte diesmal die Missetäter nicht, sondern hielt ihnen eine Moralpredigt. Hierauf schickte er sie nach Hause, da es bereits zu dämmern anfing. Benjamin war der letzte, der das Schulhaus verließ. 2. Kapitel. Als Benjamin nach Hause kam, fand er den Onkel, über seinen Geschäftsbüchern gebeugt, am Tische sitzen und rechnen. Wie rundliche heiße Knödeln schluckte er 'die Zahlen, und seine Zunge kollerte über den langen Zahlenreihen mit atemberaubender Geschwindigkeit, als gälte es in einem Wettrennen den ersten Preis zu erjagen. Auch Tante Mir! war schon auf den Beinen und lief geschäftig vom Zimmer in die Küche und von der Küche ins Zimmer zurück. Das tat Tante Mirl immer, wenn» sie bei der Arbeit war, und Tante Mirl war fast immer bei der Arbeit, denn in den beiden ihr zur Verwaltung überlassenen Rayons gab es jederzeit etwas zu tun, und die gütige Natur hatte zwar Tante Mirl mit zwei gesunden kräftigen Armen bedacht, aber doch bloß mit zwei Armen — da bedurfte es wahrlich vieler Mühe und Anstrengung, um die Wirtschaft zu bewältigen. So dachte nämlich Tante Mirl: in Wirklichkeit aber lief sie mehr umher, als es notwendig war, und machte mehr Armbewegungen, als die Wirtschaft es erforderte. Weder das Galopprechnen Onkel Chajims noch das Gependel Tante Mirts vermochte die Teilnahme Benjamins zu erwecken. Seine Gedanken waren bei dem heutigen Vorfall im Schulhause, der für ihn einen solch schimpflichen Ausgang genommen hatte. Wemmdas Schuloberhaupt mit dem Ziegenbart nicht dazwischen gekommen wäre, wer weiß, wie es geendet hätte! Warum hatte der Ziegenbart nur so gezittert? Ward er von Zorn oder von geheimer Lachlust geschüttelt? Hatte das Schuloberhaupt ihm gezürnt, weil er der Urheber des Spektakels war, der ihm seine Nachtruhe störte, oder hatte er im stillen über die dummen Redensarten gelacht, die er, Benjamin, im Kreise seiner Schulgenossen führte? Er wußte es nicht. Nur ein, dumpfes Gefühl sagte es ihm, daß für ihn das heimliche Lachen viel unangenehmer wäre als des Gewaltigen Zorn. Onkel Chajim, in seine Rechnungen vertieft, schien das Eintreten Benjamins gar nicht bemerkt zu haben. Auch Tante Mirl schenkte seinem verstörten Aussehen nicht die geringste Aufmerksamkeit. Weichherzig, wie sie nun einmal war, meinte sie bloß: der arme Junge, die ganze Nacht habe er im Lehrhause gesessen und Thora gelernt, er müßte doch jetzt etwas Warmes zu sich nehmen und ein wenig ausruhen ... Hierauf eilte sie wieder in, die Küche. Im Abgehen murmelte sie noch etwas von der schweren Verantwortung, die sie übernommen habe, und von dem fremden Kinde, auf das man nicht genug aufpassen könne, und davon, daß sie Gott sei Dank es nie an Sorgsamkeit für das liebe Kind habe fehlen lassen ... Bald kehrte Tante Mirl mit einer Tasse Kaffee und einem Stück Butterkuchen ins Zimmer zurück. Sie setzte diesen Imbiß Benjamin vor, der in einem Lehnstuhl am äußersten Ti sch,r and wie im Halbschlummer dasaß, und hielt ihm, wie immer bei solchen Anlässen, einen kurzen Vortrag über die gesundheitfördernde Wirkung einer Tasse Kaffee. Nichts sei bekömmlicher, belehrte sie ihn, als ein „Löffel Warmes" in früher Morgenstunde; besonders wenn man die ganze Nacht durchwacht habe und der Gaumen von vielem „Lernen" eingetrocknet sei: da wirke eine Tasse warmen Kaffees wahre Wunder. Er solle nur essen und trinken und dann ins Schlafzimmer gehen und ausruhen, er werde dann wie „neugeboren" aufstehen. Nach dieser Belehrung entfernte sie sich, um ihre Pendelartige Wanderung zwischen Zimmer und Küche von neuem fortzusetzen. Benjamin griff mechanisch nach dem Butterkuchen und verzehrte ihn. Dann traut er den Kaffee: er trank ihn schluckweise, weil er sehr heiß war. Jedesmal. wenn er absetzte, hob er die Tasse in die Höhe und betrachtete auf ihrem Rücken den gemalten grünen Äst mit seinen nach links und rechts gewundenen Stengeln. Als er den Kaffee ausgetrunken hatte, ging er ins Schlafzimmer, entkleidete sich und legte sich ins Bett. Die Fittiche des Schlafes flatterten indes nur so obenauf und versetzten ihn in jenen dunkeln, schwankenden, schwebenden Zustand, der Wachen und Träumen mengend umschließt. — Die Wanduhr schlug gerade elf, als Benjamin erwachte. Rasch sprang er aus dem Bett und kleidete sich in großer Hast an. Er fühlte sich wieder frisch und munter, ja „neugeboren", wie Tante Mirl sagte. Der kurze Schlaf, der doch nur ein Halbschlummer gewesen, hatte seinem jungen Körper sichtlich woh'lgetan. In der Nähe des Bettes, auf einem alten braunlackierten Stuhl, stand ein Becken Wasser: darin -wusch er sich — der religionsgesetzlichen Vorschrift getreu — Hände und Gesicht. Heiter und wohlgemut begab er sich ins Speisezimmer. Niemand war im Zimmer. Auf dem Tische laa ein Stück frischgebacke'nen, mit Rosinen durchwürselten Butterkuchens. Benjamin verzehrte es, ohne erst zu überlegen, ob es die Tante für ihn hingelegt hatte. Daun verließ er das Haus. Mit Laufschritten durcheilte er den langen Flur und stürmte auf die Straße hinaus. Da Packte ihn jemand am Aermel. „Halt! Wo läufst du hin, Benjamin? Ich warte schon hier eine volle Stunde auf dich." Iossel Schlüte war es, der ihn mit diesen Worten anhielt. Benjanrin wich erschreckt zurück. Die Begebenheiten der vergangenen Nacht durchstreiften blitzschnell seine Gedanken und ließen ihn in Iossel den Rächer vermuten, der gekommen war, die durch das Dazwischentreten des Schuloberhauptes nur halb geübte Vergeltung für seine gottlosen Reden zu vervollständigen. Allein der -liebe kameradschaftliche Ton, der in Iossels Worten lag, scheuchte seine Angst und machte ihn wieder zutraulich. Iossel -Schlüte ergriff seine Hand und zog ihu mit sich fort. „Komm, wir gcheu zusammen spazieren!" Sie bogen links in die Kasimirgasse ein. Ein wildes Gewirr von Tönen drang an ihr Ohr. Ein kunterbuntes Bild, farbenprächtig und dennoch verschwommen, bot sich ihrem Auge dar. Die Gasse versank in ein unentwirrbares Vielerlei, sie war ein Babel an Sprachen, ein Chaos an Völkertypen, ein Gemisch von Stadt und Dorf, eine Bereinigung von Stadtbewohnern und Bauern - und alles das verlieh ihr ein unheiliges werktägliches Aussehen und umgab sie zugleich mit eiuem stimmungsvollen Festtagsgewande. Es war Markttag. In unzähligen Scharen war das Bauernvolk aus der Umgegend herbeigeeilt, um ihre eigenen Produkte an die Stadtbewohner zu verkaufen und von ihnen allerhand Waren und Geräte für Hans unb Hof einzuhandeln. Da war ein Schieben uud Drängen, ein Stoßen und Gegeneinauderrenuen! Juden in langen Kaftanen mischten sich unter polnische und ruthen-ische Bäuerinnen in getupften Röcken und karmoisinrote Blusen; ruthenische Bauern, die grobe Leinwaudhemden über der Hose trugen, um'drängten bauchige Jüdinnen in schwarzen Kopftüchern. (Fortsetzung folgt.)

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