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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-07-11 · Heft 28 (11.7.1919) · p. Seite 310

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 28 (11.7.1919)
Date
1919-07-11
Page
Seite 310 (sequence 10)
Language
German
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310 kamen, die minder Fleißigen zogen es vor, in den Armen des Schlafes auszuruhen und mit der Entscheidung der schwierigen Rechtsfrage, ob der gefundene Mantel dem Rüben oder dem Simon zuzusprechen sei, bis Freitag zu warten. Mendel selbst dozierte nicht an diesen Abenden. Er schnarchte in dem anstoßenden dunklen Alkoven und gab durch seine Abwesenheit den Schülern die Gelegenheit, sich an „selbständiges Lernen" zu gewöhnen. An diesen Abenden wurde nicht nur fleißig gelernt, sondern auch allerhand Allotria getrieben. Schlief einer ein, so wurde der Zipfel seines Kaftans an dem Stuhl befestigt, und als er erwachte und sich recken und strecken wollte, fiel er mit großem Gepolter zu Boden. Da gab es ein Helles Gelächter. Einem anderen schütteten sie Schnupftabak in die Nase, daß er kräftig nieste und mit Todesschrecken aufsprang. Einer krähte wie ein Hahn, ein zweiter zwitscherte wie ein Vogel, ein dritter setzte die Mütze des Lehrers auf, -steckte eine lange Tabakpfeife in den Mund, verzog das Gesicht und suchte Sprache und Mienen Mendels nachzuahmen. An diesen Abenden nannten sie sich auch nicht bei ihren richtigen Rufnamen; jeder besaß einen Spitznamen, der ein besonderes Merkmal an seiner Person herausstrich. So hieß der eine der „Rothaarige", der andere der „Rundbäuchige", der dritte der „Fetzenkopf" und ähnliche Kosenamen. Auch Benjamin wurde ein nom de guerre beigelegt: der „Dorfjunge". — An dein ersten Donnerstagabend, an dem Benjamin sich an dem Wiederholungsunterricht, beteiligte, -trug der „Rundbäuchige", sonst Iossel Schlüte genannt, die erste Mischna aus dem Traktat „Die mittlere Pforte" vor. Er behandelte sehr eingehend beit Rechtsstreit zwischen Rüben und Simon und gab hierzu, gestützt aus Kommentare und die Kommentare der Kommentare, alle notwendigen Erläuterungen. Nach längerem Zaudern wagte es Benjamin, seinen Kollegen zu interpellieren: „Das versteh' ich nicht ganz. Wenn zwei einen Mantel finden, so . . ." Da siel ihm der Rothaarige höhnisch ins Wort: „Was? Was sagt der Dorfjunge?" „Was ein Dvrfjunge überhaupt fragen kann," kicherte der Fetzenkopf. „Du Fetzen,köpf," schnauzte ihn der Rothaarige an und versetzte ihm dabei mit seinem Ellenbogen einen -wuchtigen Rippenstoß, „du solltest überhaupt nicht mitreden. Was verstehst du davon? Tu hast ja Fetzen im Kopfe." Alle lachten. „Aber er hat doch recht," meinte einer, der mit Fetzenkops auf gutem Fuße stand. „Kommt so einer aus dem Dorfe her. bringt er gleich seinen Bauernschädel mit." „Da hast du's," schrie der Rothaarige, „der hat auch schon das Wort. Feiwisch Narr, du solltest lieber Kartoffeln graben, als hier sitzen." „Na, Rothaariger, hat der Esel Bileams 'sein Maul geöffnet?" versetzte Feiwisch trotzig. „Warte, der Esel Bileams drückt dich bald an die Wand, daß dir Hören und Sehen vergehen," schrie erbost der.Rothaarige. „Auch mir ein Held," lachte Feiwisch u.nd rückte dem Rothaarigen immer näher. „Vielleicht willst du dich mit mir schlagen; da zeig' ich dir bald, wer älter ist." „Nu, komm heran, wenn du Mut hast!" forderte ihn der Rothaarige aus. Er reckte sich wie ein Athlet. Sein Gesicht nahm eine seinen Haaren ähnliche Farbe an. Auf seiner Stirn zeigte sich eine bläuliche Ader. Als jedoch Feiwisch merkte, daß es ernst zu werden begann, rückte er allmählich ab. „Es paßt mir nicht, mich mit dir zu schlagen," sagte er und verkroch sich dabei in einen Winkel. „Erzähl' doch mal, Benjamin, was gibt's denn im Dorfe Schönes zu sehen," wandte sich plötzlich Iossel Schlüte an den ratlos dastehenden Benjamin. „Den Sonnenaufgang," antwortete Benjamin verlegen. Aus der Ecke des Zimmers hörte man ein leises Kichern. „Das kann man auch in der Stadt sehen." „Hast du's denn schon gesehen, Wölwel?" fragte Iossel Schlüte den Spottenden. „Hab' ich's denn gesagt? Man kann ihn sehen, sagt' ich, wenn man morgens früh aufsteht. Ich steh' morgens nicht früh auf. Wozu brauch ich's zu sehen?" „Es ist doch so schön," erwiderte Benjamin. „So schön," wiederholte Wölwel, den Kopf hin und her wiegend. „Habt ihr schon einmal gehört, daß die Sonne schön ist?" „Ich Hab' schon gehört, daß der Mond schön ist," meinte der Rothaarige. „Mein Vater kommt manchmal von der Neumond-Weihe nach Hause und erzählt voller Freude, daß der Mond schön war. Aber von einer schönen Sonne kann wirklich nur ein Dorfju.nge sprechen." „Und ein Dienstmädchen", ergänzte Wölwel; „unser Mädchen singt immer ein Lied: „Der Tag war hell, die Sonne schien schön, Da kam mein Geliebter zu mir zu gehn." „Kusch, du Hund!"" brauste plötzlich -der Fetzenkopf auf. „Das fehlte noch, -solche Lieder in einem Schulhause zu singen. Und dann, wie kommst du dazu, solche Lieder zu hören? Darf man '-ne Frauenstimme hören?" „Man barf nicht, man darf nicht," bestätigte der Rundbäuchige. „Sie singt so laut," verteidigte sich Wölwel; „soll ich mir etwa die Ohren stopfen?" Eine Art von Schamgefühl, von Reue regte sich im Innern Benjamins. Er kam sich so dumm, so sündhaft vor; sündhaft, weil er dumm war. Wie oft hatte ihm die Sonne schön gedeucht, wie oft hatte er ihren Feuerglanz bewundert, wie oft hatte er Bauernmädchen singen hören — 'ne Frauenstimme hören, das sei doch nicht statthaft; der Fetzenkopf hat's gesagt, der Rundbäuchige bestätigt, wahrsbeinlich steht's geschrieben, und was geschrieben steht — so sagte ja Mendel —, ist heilig. . . Im Schulz immer trat eine Pause ein. Iossel Schlüte war anscheinend neugierig, etwas mehr von den Sehenswürdigkeiten im Dorfe zu erführen, denn er forderte Benjamin wiederholt auf, seine Berichterstattung fortzusetzen. „Ich könnte euch," begann Benjamin, „viele hübsche Geschichten von den Störchen erzählen, wie sie ihr Nest auf dem großen Wagenrad bauen, das auf dem Scheunendach liegt, wie sie die Beute herbeischleppen und ihre Jungen füttern. Es sind niedliche Vögel, aber sie sind grausam, sie töten ihre Jungen, wenn sie nicht fliegen können — sie glauben wohl an keinen Gott." „Hört mal, was der Dorfjunge zu sagen wagt," unterbrach ihn der Rothaarige. „Alles, was lebt, glaubt an einen Gott," erklärte der Rundbäuchige. „Dieses Wort darf nicht ungestraft bleiben," hetzte der Rothaarige, „'rauf mit ihm!" „'rauf mit ihm!" ertönte es gleichzeitig aus mehreren Kehlen. Sie machten sich an ihn heran, zerrten und schleppten ihn, spannten ihn auf den Tisch, zupften und kniffen ihn, schnellten ihn in die Nase und waren' eben im Begriff, ihm eine Tracht Prügel zu verabreichen .... Da stan-d plötzlich das Schuloberhaupt Mendel unter ihnen. „Was macht ihr, Bengels? Nennt ihr das — Lernen? Wie

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