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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-07-11 · Heft 28 (11.7.1919) · p. Seite 309

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 28 (11.7.1919)
Date
1919-07-11
Page
Seite 309 (sequence 9)
Language
German
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309 Dir Juden als Netter in der Kot. hne irgendeine Parallele zwischen einst und jetzt ziehen zu wollen, wollen wir eines Brandes gedenken, der die Welt, besonders aber Deutschland, aufs ärgste verwüstet, den durch die Arbeit von Jahrhunderten geschaffenen Wohlstand vollständig vernichtet hat — des Dreißigjährigen Krieges. Deutschland ward eine Wüste, eine große Leere breitete sich über seine Gefilde. Da vollzog sich ein merkwürdiges Ereignis. Wie schon mehr als tausend Jahre vorher nach der Zerstörung der antiken Knlturwelt durch die Barbaren die jüdischen Kaufleute eine Brücke zwischen alter Kultur und neuer Barbarei herstellten, nach dem Zusammenbruche des gewaltigen Imperium Homanum eine Handelstätigkeit im Stile des Weltverkehrs in die Wege leiteten — weilten sie doch zahlreich an allen großen Verkehrsplätzen der neuen germanischen Königreiche und vermittelten auf ihren eigenen Schiffen den Handel zwischen Köln and England und von den französischen Plätzen nicht bloß nach Italien, auf dessen Märkten Amalfi, Pisa, Venedig sie regelmäßige Erscheinungen sind, sondern auch weiter ostwärts nach dem Orient —, so war ihnen auch jetzt wieder ein Spielraum für die Leistung einer ähnlichen Kulturarbeit gegeben. Von der Zeit nach dem Westfälischen Frieden an erschienen sie nach und nach wieder mit ihrem Warenhandel an der Bildfläche. Vertrieben aus den großen und größeren Städten, waren sie Hausierer auf dem Lande geworden, bildeten sie für die vom Handel noch unberührten Gegenden gleichsam ein Kapillarshstem, welches den Strom des Güterverkehrs aus den Hauptadern in die entlegensten Teile des Organismus führte. Sie tauchten zuerst als Kleinhändler in den Flecken und Kleinstädten auf und bereiteten sich auf diese Weise zu einer neuen Mission vor. Sie wurden, wie Sigmund Mayer in seinen „Lebenserinnerungen" sagt, von neuem die Grossisten in den Städten, wie in den Zeiten der Auflösung des römischen Reiches. „Allüberall sieht man sie wanderfcheu, aber emsig arbeiten: in Amsterdam, in Hamburg, wo speziell die aus Spanien und Portugal vertriebenen „portugiesischen" Juden durch die altererbten Verbindungen mit Spanien, Portugal und deren überseeischen Kolonien dem Handel wesentliche, vom Senat anerkannte Dienste leisten. Charakteristisch können wir namentlich in Frankfurt sehen, wie die jüdischen Kaufleute dort einen großen Tertilhandel, einen Wechselplatz schassen, wie der Senat vergebens sich bemüht, diese zum Bedürfnis gewordene jüdische Tätigkeit durch eine Behandlung, die schlechter und schimpflicher ist als in irgendeiner deutschen Stadt, zu unterdrücken." Dasselbe Schauspiel wiederholt sich in den meisten deutschen Städten. Wo immer sich das Bedürfnis nach Handelsleben zeigt, wo immer es gilt, eine offene oder von den anderen nicht erkannte Lücke auszufüllen, sehen wir die jüdischen Geschäftsleute an der Arbeit. So haben die in Wien gesetzlich verpönten Juden, wie Sigmund Mayer dartut, sich nicht abhalten lassen, in dieser Stadt, welche in der Mitte des 18. Jahrhunderts keinen eigenen selbständigen aktiven Landel besessen hat, einen solchen zu schaffen: sie haben den Absatz der durch die Regierungspolitik Karls VI., Maria Theresias und Josefs II. hervorgerusenen Industrie organisiert und hierdurch diese Industrie selbst erst möglich gemacht. Die Prager Statthalterei wies noch unter Maria Theresia anläßlich der beantragten Vertreibung der Juden darauf hin, daß unter den christlichen Bewohnern Prags nicht mehr als zwei bis drei mittelmäßige Kaufleute sich befinden. Wir sehen aber während des 17. und 18. Jahrhunderts die Juden in allen deutschen Städten die gleiche Tätigkeit entfalten. Für diese Zeit bildet das geräuschlose Wiederauftauchen der jüdischen Kaufmannsivelt ein geradezu bezeichnendes Moment und gemahnt in Ziel, Methode und Erfolg an ihre ökonomische Wirksamkeit und Bedeutung in Europa während der Zeit nach dem Zusammenbruche der antiken Kulturwelt. So interessant aber auch dieser Parallelismus sein mag, so steht ihm doch, wie Mayer treffend bemerkt, noch ein viel merkwürdigerer zur Seite. Direkt, unmittelbar in der Gegenwart, vollzieht sich unter den Juden ein wirtschaftlicher Prozeß, für den ein klassisches Präzedenz in fernster Vergangenheit zu finden ist. Die Kaufleute der phönizischen Handelsstädte hatten sich nach ihrer Besiegung durch die Griechen mit Geschick in ihr ökonomisches Los zu fügen gewußt: ein Teil, der reichere, begnügte sich mit dem Genüsse seiner Kapitalien, wie die Holländer seit ihrer Zurückdrängung durch die Engländer; der Hauptteil der Einwohnerschaft ging zur Industrie über. Die phönizischen Handelsstädte wurden Industriezentren. Die Phönizier befuhren nicht mehr die Meere, sie spielten nicht mehr die Rolle des Schiffahrers, aber zur römischen Kaiserzeit sehen wir sie für den Konsum des Weltreiches von größter Bedeutung. Sie produzierten die Erzeugnisse der meisten Metallgewerbc, namentlich Werkzeuge, Messerschmiedwaren, Waffen, ferner die Massenartikel nickt bloß der Textilindustrie in Flachs und Leinen, sondern auch jene in Glas, Papier usw., und neben dieser Großindustrie pflegten sie die Kunst- und Lurusgewerbe in Schmuck und Edelmetall, die Arbeit in Elfenbein und eine ausgebreitete, zu jener Zeit wichtige Erzeugung von Salben, Oelen, Parfüms u. dgl. Aehnlicki flüchteten sich in den letzten Jahrzehnten die jüdischen Händler in Oesterreich scharenweise in die Industrie, sie wurden, wie einst die Phönizier, selbst Fabrikanten. Dieselbe Wandlung ist auch in Deutschland zu bemerken, aber sie ist in Oesterreich notwendig viel intensiver und stärker als in Deutschland, in dessen international größerem Verkehr für den Kaufmannsstand ungleich mehr Raum ist als für den österreichischen in den kommerziell so beschränkteren Verhältnissen seines Staates. Was sich nach dem Dreißigjährigen Kriege zugetragen — der Wiederaufbau des zerstörten Wohlstandes durch den wesentlichen Anteil der durch ihre Entwicklung und die überaus harte Sebule ihres Lebens zum Handelsvolk gezüchteten Juden an der Weltwirtschaft —, ist es nicht durch die eifrige Mitwirkung und den Zusammenschluß dieser erprobten und überragenden Baumeister möglich? Wie sagt doch Schiller: Ewig wechselt der Wille den Zweck und die Regel, In ewig wiederholter Gestalt wälzen die Taten sich um! Dr. I. B. M ü n z. Lrnjamins Liebeslied. (1. Forts •) Roman von S a in u e l Nt c i s e l s. ie erste Woche in der Talmudschule war in Ruhe und Frieden verstrichen. Benjamin hatte keinen Anschluß an die Schulkollegen gesucht, und die älteren Schüler Mendels hatten noch mit einer Art von Hochmut die Distanz zwischen sich und dem „Neuen" gewahrt. Da kam der Donnerstagabend und schlug eine Brücke zwischen ihnen und ihm, daß sie einander näher kamen. In der Schule Mendels war es Brauch, daß die Schüler jeden Donnerstagabend zum Repetieren, dem sogenannten „Chasern", zusammenkamen und die ganze Nacht beim Wiederholen des die Woche hindurch gelernten Abschnittes zubrachten. Dieses Nachtstudium war nicht obligatorisch; die Fleißigen

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