Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1919)
- Date
- 1919-07-11
- Page
- Seite 307 (sequence 7)
- Language
- German
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307 tigeren Trumph ausspielen zu müssen und sagt weiter: „Tatsache ist, daß der jüdische Große Cohn dem „Supreme Conseil" von Serbien (Großloge in Belgrad) die Anerkennung aussprach", verschweigt aber, daß diese Anerkennung schon auf dem Grohlogentage zu Pfingsten 1913, dem Kohn gar nicht angehörte, ausgesprochen wurde und 1914, wo Kohn die Leitung der Versamlung hatte, weil die Tagung in Frankfurt abgehalten wurde und der Krieg noch nicht ausgebrochen war, die zur Tagesordnung stehende Anerkennung bestätigen lassen mußte. ,Di-e alte Welt," so sagt der Verfasser weiter, „die durch die Freimaurer in Trümmer geschlagen wurde, war mir lieber als die neue Willkür- und Advokatenrepublik" unter einem Maurersürsten vom Schlage eines Eisner, Lenin, Radek, Cohn." Ebensowenig wie eine Weltfreimaurerei besteht, denn die Freimaurerei eines jeden Landes ist anders geartet und ausgestaltet, treiben die Freimaurerlogen Weltpvlitik. Den deutschen Logen ist es grundsätzlich verboten, Politik zu treiben, von den englischen ist gleichfalls bekannt, daß politische Erörterungen ausgeschlossen sind: dagegen wird diese Zurückhaltung in den romanischen Ländern, also in Frankreich, Belgien, Italien, weniger beobachtet. Ta mm, nach Meinung des Nationalrats Dr. Wichtl die Juden in den Logen! die tonangebende Rolle spielen, so ist alles, was dort vorgeht, dort getrieben wird, von den Juden veranlaßt und beeinflußt. Es ist dem Verfasser dieses Buches sicher bekannt, daß auch die Logen ihre „Judenfrage" haben, denn die Mehrzahl der deutschen Logen nimmt keine Juden auf, hat keine jüdischen Mitglieder. Wenn also keine jüdischen Freimaurer in der Mehrzahl aller Logen vorhanden sind, wie können dann „Juden" in allen Logen die Hauptrolle spielen, die tonangebenden Mitglieder sein? „Erkläret mir Graf Oerindur!" Antisemitismus verträgt sich allerdings nicht mit den Prinzipien der Freimaurerei. Der Ausschluß der Juden aus den sogenannten christlichen Logen, gegen den von vielen Seiten Bresche geschlagen und der auch wohl bald aufgehoben werden wird, beruht nicht auf Antisemitismus, sondern aus dem Gesetz dieses Systems: nur solche Personen als Mitglieder aufzunehmen, die dem christlichen Bekenntnisse angehören, damit diese in den Hochgraden, die die Lehre Christi behandelt, ohne Skrupel und Gewissensbedenken einzutreten in der Lage sind. Das alles weiß der Geschichtsforscher Dr. Wichtl, weiß, daß von einer „Verjudung" der Logen keine Rede sein kann und der „Cohn", den er als „warnendes Beispiel" aufstellt, „Kohn" hieß und rechtgläubiger Christ war, der in einer dieser judenfreien Logen Aufnahme gefunden hatte. Aber es kommt dem Verfasser ja weniger auf Feststellung der Wahrheit an, als daß er glaubt, den Beweis erbringen zu müssen: Juden haben durch ihre Stellung in der Freimaurerei den Krieg, der so viel Elend und Jammer über die Menschheit, besonders über Deutschland und Oesterreich gebracht hat, verschuldet und müßten deshalb tot-geschlagen werden. Er stützt diese seine unwahre Behauptung auch noch auf die Tatsache, daß Poincaro, Clemenceau, Dolcasse, Sonnin o, dÄnnunzio, Barzilai usw. Freimaurer wären, obgleich allgemein bekannt ist, daß auch nicht einer von allen diesen hier genannten, Deutschland feindlichen Männern dem Freimaurerbunde angehört. Aber auf eine Unwahrheit mehr oder weniger kommt es dem Herrn Nationalrat auch nicht an. Ihm ist' es scheinbar genug, wenn er vor den Juden im allgemeinen und denen, die einer Logenvereinigung angehören, im besonderen warnend seinen Kassandraruf ertönen läßt, denn auch in seinem Vaterlande sind jetzt wieder die bisher verbotenen Logen zugelassen und die Juden könnten auch in diesen den Ton angeben. Darum wäre es nach der Meinung des Herrn Dr. Wichtl gut, wenn diese Juden und diese Freimaurer — verschwinden würden. Wir Juden und sicherlich auch die Freimaurer denken aber mit Bürger: „Wann dich die Lästerzunge sticht. So laß dir das zum Troste sagen: Tie schlechtsten Früchte sind -es nicht, Woran die Wespen nagen! Paul M-ockiles. Seminarlrhrer I Jakob Muttem. I u Seminarlehrer Iakob Feinstein geb. 17. Juni 1848 zu Hasenpoth in Kurland, gest. 14. April 1919 zu Münster i. M. Von Dr. M. Knb (Münster i. W.p icht ’ lange konnte sich Sem i n a r leh r e r Ja k o b Fein st e i n der wohlverdienten Ruhe erfreuen; am 1. April d. I. trat er in den Ruhestand und schon am 14. April ereilte ihn der Tod. Mt ihm ist eine markante Lehrerpersönlichkeit ans dem Leben geschieben, deren Lebensarbeit der Ausbildung unserer Jugendbildner galt. An sich hat er sein ganzes Leben gearbeitet. Er ist am 17. Juni 1848 zu Hasenpoth in Kurland geboren. Schon in der frühesten Jugend vertiefte er sich in die Bibel und in die talmudischen Wissenschaften- und trat im Frühling 1870 in die Lehrerbildungsanstalt der Jüdischen Ge-' meinde in Berlin ein, die er.im April 1873 mit dem Zeugnis der Reife verließ. Hierauf nahm er eine Hanslehrerstelle in Wehdem in Westfalen an, wo er zwei Jahre blieb. Auf Veranlassung seines Lehrers, Dr. David Cassel, Dozent an der Lehranstalt für -die Wissenschaft des Judentums in Berlin, trat er in diese ein, um jüdische Theologie zu studieren. Zugleich setzte er das Studium der klassischen Sprachen unter Dr. Glanz fort. Nicht lange blieb er jedoch in Berlin. Er nahm 1876 die Stelle eines Seminarlehrers an der Marks- Haindorsschen Stiftung in Münster i. W. an, die er bis zu seinem Tode innehatte. So har er über 40 Jahre der Anstalt treu gedient und dem jüdischen Lehrerstande wertvolle Kräfte zugeführt, Männer, die mit Verehrung und Bewunderung aus ihren Meister blickten. Femsteins Feld war das Hebräische und die jüdischen Religionswissenschaften. Mit nie erlahmendem Eifer setzte er seine takmudischen Studien fort und vertiefte sich in die jüdische Geschichte und Religionsphilosophie. Aber auch in den