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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-07-11 · Heft 28 (11.7.1919) · p. Seite 306

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 28 (11.7.1919)
Date
1919-07-11
Page
Seite 306 (sequence 6)
Language
German
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306 Das Projekt des türkischen Friedensvertrages enthält unter anderem einen Abschnitt über Palästina, der 50 Paragraphen zählt. Nach diesem soll Palästina unter das Protektorat Großbritanniens gestellt werden, um dortselbst ein „homo national" für das jüdische Volk vorzubereiten. Jeder, der Zur Zeit der Unterzeichnung des Friedensvertrages in Palästina wohnt oder im Laufe der nächsten zwei Jahre dorthin einwandern und keine andere Deklaration abgeben wird, kann „ein von England geschützter palästinensischer Bürger" werden. Tie englische „proieetion" gilt für den Palästinensischen Bürger auch im Ausland. Ausländer — jüdische Gesellschaften sind ausgenommen — dürfen in Palästina nicht mehr als 20 Tunam Boden besitzen. Als Amtssvrache werden die englische, hebräische und arabische eingesührt. Die ganze Administration ruht in Händen der englischen Negierung, welche jedoch einen großen Teil von jüdischen Beamten, die vom Jüdischen Natimmlrat vorgeschlagen werden, berufen wird. Hinsichtlich der Gerichtsbarkeit sieht das Projekt eine besondere für die arabische Bevölkerung vor, von einer jüdischen wird jedoch keine Erwähnung getan. Das genannte Projekt bildet nur den Nahmen des Friedensvertrages und dürfte noch mannigfachen Abänderungen unterliegen. * Der ehemalige amerikanische Botschafter in Konstantinopel, •Dir. Oskar Stra u ß, der als Präsident 'der „League to En force Peace ok America" nach Europa gekommen ist und, wenn auch der amerikanischen Friedensdelegation nicht offiziell attachiert, in Paris eine bedeutende Rolle spielt, gewährte Herrn Harrp A. Goodman, dem Londoner Korrespondenten für die „Jüdische Preßzentrale Zürich" folgendes Interview: „Ich bin kein Zionist", erklärte Strauß, „aber ich sympathisiere mit dem zionistischen Ideal. Ich glaube auch nicht, daß viele Juden ans Amerika oder Englmrd nach Palästina ansnmndern werden. Weshalb sollten sie denn diese zwei Länder verkästen, wo sie dieselben Rechte und Privilegien genießen wie die übrigen Bürger. Nein, Palästina wirb seine Siedler ans den Ländern rekrutieren, wo die Juden keine Freiheiten besitzen. Die Allswanderung ails Europa wird zweifelsohne in großem Maße durch die Laae der Jilden in Mittel- und Ostelirova bedingt. In Osteuropa verschlimmert sie sich ja tagtäglich, imd die Pogrome, die dort wüten, beweisen, daß unsere Feinde nichts gelernt haben." ’; Auf die Frage, ob die Nechte der Inden in den übrigen Ländern durch die den Jllden geloährte .Heiinstätte in Palästina nicht beeinträchtigt würben. erwiderte Herr Strauß: „Es ist geradezu unsinnig, zu behaupten, daß die in der Diasvora verbleibenden Inden durch Errichtung eines nationalen Heims in Palästina geschädigt werden könnten. Die Juden, die in England bleiben, werden Engländer sein, die in Amerika lebenden. Amerikaner, und dieiemgen, die nach Palästina answandern, werden Mitglieder des zu errichtenden jüdischen Staates sein." In bezug auf die Allkunst der jüdischen Heimstätte in Palästina ist Strauß optimistisch. „Ich bin schon 69 Jahre alt und erwarte nicht, lloch viel vom zukünftigen Palästina sehen zu können, aber ich habe vollstes Vertrauen, daß der neue Staat die Hoffnungen seiner Gründer erfüllen wird. Ich hege den tiefsten Glauben an die Ethik meiner Religion und meines Volkes: wir haben der Menschheit die zehn Gebote, den Grundstein aller modernen Gesetze gegeben, mld das Fundament der bürgerlichen Gerechtigkeit liegt im alten Palästina. Wer kann Voraussagen, welch große Wohltaten und politische Weisheiten noch aus dem neuen Palästina ausgehen werden? Palästina wird den Schutz Großbritanniens, der größten Weltmacht, genießen, und die Juden werden sich freuen, daß das britische Volk und die Juden Verbündete werden. Obgleich die Juden Amerikas und Englands sich als Bürger Palästinas nicht aktiv betätigen werden, so wollen wir doch unsere Glaubensbrüder, so weit nur möglich, unterstützen, und wünschen wir ihnen von ganzem Herzen guten Erfolg. Es wird immer ein starkes Band geben zwischen den Juden, die nach „Hause" gegangen sind und denen, die in der Diaspora geblieben sind, und wir sind sicher, daß ein behagliches, glückliches und blühendes nationales Heim bald in Palästina errichtet werden wird." Wrltkreimaurerej, Weltrevolution Wrltrepublik. er Nationalrat Dr. Fr. Wicht! in Wien hat im Verlag von I. F. Lehmann in München ein Buch erscheinen lassen, das uns als Juden Veranlassung bietet, uns mit dem Buche mehr zu befassen, als es nach seinem in der Ueberschrift angegebenen Titel sonst der Fall gewesen wäre. Der Verfasser, der von der schon so oft als unwahr erwiesenen Devise: „An allem sind die Juden schuld" ausgeht, stellt die falsche Behauptung auf, daß die Juden in der Freimaurerei die Herr- . schaft an sich gerissen haben, die Freimaurer völlig beherrschen, ihr Tun und Lassen beeinflussen und deshalb für den Krieg, den die Freimaurer ins Werk gesetzt haben, wie auch für die Revolution, die ihm nachgefolgt ist, und für die Politik, die letztere verfolgt, verantwortlich sind. Der ganze Inhalt dieses Buches bildet ein einziges Hep-Hep-Geschrei mit dem stillen Wunscke: Pvgrömchen als Endzweck veranstaltet zu sehen. Da auch für diese Herren der Leitspruch: „Der Zweck heiligt die Mittel" als Wahrheitssatz gilt, so ist er gar nicht blöde im Umgang mit Wahrheit und Dichtung, mit falschen Daten und ebensolchen Beweisen für unmögliche Behauptungen und nicht als wahr zu beweisende Tatsachen. Ost Widerlegtes und als falsch Eviviesenes von neuem vorzubringen und für wahr hinzustellen, gilt dann als klarer Beweis. Da es ihm lediglich darauf ankommt, die Juden als die Veranlasser des Krieges zu bezichtigen, ihnen die Veranstaltung der Weltrevolution aufznhalsen, um dadurch zur Herrschaft in der Weltrepüblik zu gelangen, so müssen sie doch, um des hierzu nötigen Einflusses wegen alle Freimaurer sein; denn diese sind doch die „Mächtigen der Erde". Wie unzuverlässig dieser Schriftsteller und Geschichtsforscher im Gebrauch der allgemein als unwahr bekannten und schon tausendmal als unwahr erwiesenen Tatsachen ist, geht daraus hervor, daß er beispielsweise den verstorbenen Großmeister des Metischen Bundes zu Frankfurt a. M., Joh. Earl Gottlieb Kohn. der einer gut ckiristliihen Familie entstammt, Mitglied der evangelischen Kirche St. Peter in Frankfurt war und zum Kirchenvorstand dieser Kirche gehörte, zum Juden „Cohn" stempelt, um zu beweisen, daß die Juden, die, nach seiner Darstellung, innerhalb der Freimaurerei immer und überall an erster Stelle stehen, den Krieg veranlaßt haben. Der genannte Großmeister war zwar nur von Anfang Dezember 1913 bis Anfang Juni 1914, wo er sehr schwer erkrankte und durch seinen Vorgänger, den evangelischen Pfarrer Professor Dr. Gotthold, vertreten werden mußte und d"r auch zu seinem Nachfolger gewählt wurde, mit diesem Amte 'betraut. Dr. Wichtl behauptet schlankweg: Den deutschen Freimaurern war unbekannt, wer in dieser .^eit, die dem Kriege unmittelbar voranging, an der Spitze des Ekletischen Freimaurerbundes gestanden hat. Diese handgreifliche Unwahrheit ist um so eigentümlicher, als er unmittelbar vorher von dem Großen „Cohn" spricht, unter dessen Vorsitz der alljährlich um Pfingsten tagende Großlogentag im Jahre 1914 abgehalten wurde, zu dem alle acht Großmeister und zugeordnete Großmeister und noch je ein Vertreter anwesend waren und die Niederschrift dieser Versammlung allen Logen zugänglich gemacht wurde. Und als dieser Kohn von seinem schweren Leiden durch den Tod erlöst wurde, brachten alle freimaurerischen Blätter teilnehmende und ihn rühmende Nachrufe. Das alles will aber der Geschichtsforscher Dr. Wichtl nicht wissen und behauptet flottweg: Die Freimaurer wußten nicht, wer in dieser Zeit an der Spitze der Großloge des Ekletischen Freimaurerbundes stand; es wurde ihnen verschwiegen, weil dieser Mann „Cohn" hieß, also ein Jude war. Als Beweis dafür, daß dieser „Cohn" den Krieg mitverschuldet habe, glaubt er noch einen kräf-

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