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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-07-11 · Heft 28 (11.7.1919) · p. Seite 305

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 28 (11.7.1919)
Date
1919-07-11
Page
Seite 305 (sequence 5)
Language
German
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305 Eine Eingabe des Landesrabbiners Tr. Silber stein an den Staatsminister S i v'k o v i ch vorn 10. Juni nach mündlichem Vortrag, in der er darum bittet, „durch ganz energische Maßnahmen diesem ungehörigen hetzerischen Treiben begegnen und es auszurotten, damit das Gift des Antisemitismus, dieser Schmach unseres deutschen Volkes, von der Mecklenburg bish er frei geblieben ist. nicht in unserer Heimat Schaden anrichtet," hatte vollen Erfolg. Neben dem Flugblatt wurde dieser Eingabe noch ein genauer Bericht des Studenten Nernnann und Reickmann über Einzelheiten der Hetztätigkeit beigelegt. Am 23. Juni schreibt das Ministerium, Abteilung für Unterrichtsangelegenheiten, an den Landesrabbiner: „Rektor und Konzil der Universität Rostock haben alsbald, nachdem sie von den bedauerlichen Vorfällen Kenntnis erhalten hatten, ein strenges Verbot jeder Politischen Agitation in den Gebäuden der Universität erlassen." m Der Vorstand des Vereins jüdischer R e l i g i o n s - lehrer Ostvreußens (Vorsitzender Direktor Peritz in Königsberg i. Pr.) versendet an dessen Mitglieder nachstehenden Anfruf: Kollegen! Durch den unglücklichen Ausgang des Krieges droht vielen Gemeinden unserer Provinz das böse Geschick, votni.schzn werden. Was das besonders für uns Juden bedeutet, weiß ein jeder. Und doch werden sich auch unsere jüdischen Gemeinden an ihren Orten zu erhalten suchen müssen. Gerade in dieser schweren Zeit ist es Pilicht eines jeden Beamten, bei seiner Gemeinde zu bleiben, ihren Zusammenhalt zu stüßen. die Besorgten zu beruhigen, den Rat- und Hilfesuchenden zur Seite zu stellen und das religiöse Leben aüsrecktzilerhalten. Auch die Staatsregierung verlangt dies in einem besonderen Erlasse von illren Beamten unb Lehrern in den bedrohten Grenzbezirken. Zwar gibt sie ihren Beamten zugleich das beruhigende Versprechen, sie. ihre Familien und ihre Habe mit allen verfügbaren Mitteln zu schöllen und ihre Zukunft in weitem Umfanae sicheren stelle^ — Zusicherungen, die den jüdischen Beamten von ihren Gemeinden sticht geboten werden —, aber wir wollen darum doch in der Treue gegen unsere Gemeinden und in der Hingabe für die Wallrung der uns auvertrauten religiösen Interessen den anderen Beamten nicht nachstehen. Gott ist unser Schutz! — Und wie es auch kommen mag: der pflichtfmic Kollege darf ganz, besonders der brüderlichen Hilfe unserer Vereinigung und des großen Verbandes der gesamten jüdischen Lehrerschaft Deutschlands sicher sein. Darum noch einmal: Jeder bei seiner Gemeinde und bei seiner Pflicht! Aus Wien wird uns geschrieben: Am 29. Juni, vormittags, fand eine vom Jüdischen Hochschulnusschuß einberufene, von vielen Tausenden besuchte Protestversammlung gegen die Judenverfolgungen, Massenmorde und Plünderungen in Polen und der Ukraine statt. Nach Ausführungen des Oberrabbiners E h a j e s , der auf die verurteilentde Stellungnahme der führeuden Männer in den westlichen Kultnrstaaten gegen die Pogrowe verwies, verwahrte der ukrainische Gesandte Wassilko sich namens der ukrainischen Regierung dagegen, die Ukrainer, die sich niemals mit Pogromen befleckt hätten, mit den politischen Pogromen in Zusammenhang zu bringen. Es wurde dann eine Denkschrift für die Verbandsvertretungen verlesen, in der die Kulturnationen Europas und Amerikas angerufen werden, um dem Morden und den Plünderungen ein Ende zu bereiten. * Die poknische Presse zum Minori-tätenschutz. Der Krakauer antisemitische „Jllustro'wanh Kuryer Eodziennh" vom 6. d. M. zitiert in einem Artikel: „Die Entente beabsichtigt, Polen in ein Judaeo-Polen zu verwandeln" die bekannten internationalen Garantien zur Sicherung der nationalen und konfessionellen Minoritäten und macht hierbei folgende Bemerkungen: „Diesen Bestimmungen gemäß wäre Polen in ein Judaeo-Pvlen im buchstäblichsten Sti-nne des Wortes verwandelt, die Polen würden zu Parias im eigenen Vaterlande, die gezwungen wären. Hebräisch oder Jargon zu lernen» um sich mit einem Zionisten vor Gericht verständigen zu können. Es versteht sich wohl von selbst, daß der Warschauer Landtag einen solchen Vertrag nicht genehmigen kann, welcher -- wie man in parlamentarischen Kreisen behauptet — ein einseitiges Diktat zugunsten der jüdischen Bevölkerung wäre, die doch mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln den polnischen Staat bekämpfte. Würde man, was ganz ausgeschlossen ist, diesen Vertrag Polen aufoktrohieren -und.sollten -die Polen dessen Bestimmungen gedankenlos genehmigen, so wären die Juden bei uns derart privilegiert, wie in keinem Staate der Welt. Polen wird dann diesem Vertrage Zustimmen, wenn ihn diejenigen Staaten, welche ihn uns aufoktrohieren wollen — zuerst bei sich einführen. Das Projekt dieses Vertrages, ein Werk der ausländischen jüdischnationalistischen Organisationen — führt das jüdische Getto ein und gräbt einen schrecklichen Abgrund zwischen der polnisch-katholischen und der jüdischen Bevölkerung. Tie jüdischen Politiker täuschen sich auch nicht über die verhängnisvollen Folgen dieses Projektes, und der Herr Abgeordnete Liebermann in Paris tut alles, um dieses Projekt gründlich zum Scheitern zu bringen. Jedenfalls spielen die jüdischen Nationalisten mit dem Felder." Die „Gazeta Polska", das Organ der Progressisten, schreibt: Die Bestimmungen zlim Schutze der Minoritäten seien einerseits das Resultat des jüdischen Einflusses und der jüdischen Finanzmacht, aber andererseits auch der reaktionären Politik der von Dmowski geführten national-delnokra tischen Partei, die durch ihre langjährige J uden hetze und durch die Pogrompraxis Polen vor der Welt kompromittiert habe. Das Blatt sagt, es genüge, daß die jüdischen Politiker in Paris Dokumente ans den Wahlkämpfen der Dmowski-Partei vor dem Kriege, Zitate ans dem national-demokratischen Bohkottistenbtatt „Dwa Grosze", sowie Dokumente ans der Wahlkampagne zum Landtage, Pogronmnfrnse und Pogromplakate vorlegen — dies Material allein genüge schon, Polen vor der Welt zu kompromittieren. Die national-demokratische Partei, die nichts gelernt und nichts vergessen habe und deren Führer Polen in Paris vertreten, müsse von der politischen Arena verschwinden. Das Blatt schließt mit der Forderung an den Landtag, eine vom Geiste der wahren Demokratie erfüllte Konstitution zli schaffen. Das würde die beste Antwort auf die Friedensvertragsklansel betreffs der Minoritäten sein. Der Krakauer „Glos Narvdnu" ineint, die Friedenskonferenz befür Bürger anderer Sprache, anderer Rasse und anderer Retlgwn stelle Polen unter die Vormundschaft des Völkerbundes. Der betreffende Paragraph, der die fremde Einmischung in innere Angelegenheiten Polens bedeute und für das neue polnische Reich beleidigend und erniedrigend sei, sei in erster Linie das Ergebnis der jüdischen Agitation. Die Erzesse in Ostgalizien hätten ungeheuer geschadet, da sie den Gegnern Tatsachen in die Hand gegeben haben, die als Anarchie und praktischer Bolschewismus gedeutet werden können. Der Krakauer „Glos Narodnu" meint, die Friedenskonferenz behandle die Polen, als ob sie ein wilder, afrikanischer Stamm wären. Die Lemberger „Gazeta Poranna" schreibt, auf dein Gebiete Polens bedürfe es keiner fremden Protektoren für die nationalen Minderheiten. Polen habe verstanden und verstehe selbst, fremde Freiheit zu schützen. Der „Kuryer Warszawski" führt aus: Wenn die Juden als nationale Minderheit anerkannt und ihre Rechte durch den Friedensvertrag gewährleistet werden sollten, so würde das den Sieg der Zionisten über die Assimilanten bedeuten. Internationale Garantien für die Minoritäten würden Polen auf die gleiche Stufe wie die frühere Türkei mit ihren bekannten „Kapitulationen" herunterbringen. Durch ausgezwungene Dekrete könne die jüdisch-polnische Frage ihrer Lösung nicht im mindesten näher gebracht werden, sondern im Gegenteil, die jüdische polnischen Beziehungen würden sich noch verschlechtern, da die Staatspolitik gezwungen sein werde, die Juden im Wege der Emigration so schnell wie möglich los zu werden. * Die Palästinafrage im türkischen Friedensvertrag. Dem Pressedienst der Delegation des Jüdischen Nationalrates für Ostgalizien wird aus Paris gemeldet:

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