Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1919)
- Date
- 1919-07-11
- Page
- Seite 304 (sequence 4)
- Language
- German
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304 machen. Er erklärte: „Ich mache die Negierung dafür verantwortlich, daß die Ju-denhetze eine Pogromstimmnng entfachen will. Es gibt auch christliche Kriegsgewinnler, namentlich verstehen die Agrarier das Wuchern so gut wie die Juden." Besondere Beachtung verdienen die Mitteillmgen, die die „Freiheit" über die Organisation der antisemitisch-reaktionären Propaganda macht. Das Organ der Unabhängigen schreibt: „Die Zentrale der antisemitischen Hetzpropaganda, die in den letzten Monaten ihre Flugblätter und Broschüren in Fabriken, Kasernen, Eisonb-ahnzügen us-w. ausstreute, scheint -der sogenannte „Ausschuh für Volksausklärung" (Berlin 9, Köthener Straße 45) zu sein. Neben diesen: Verein, der regelmäßig geheime Bersanunlungen veranstaltet, in denen Instruktionen für die Pozrompropaganda erteilt werden-, betätigen sich in derselben Richtung: Die Deutsche Ernenernngsgemeinde (Leipzig, Königstraße 17), ferner der Deutschvölkische Bund (Haniburg, Karolinenstraße 16), dann der Reichshanunerbund (Haurburg 36), schließlich noch der Schutz- und Trutzbund (Duisburg-.Ruh.rort) und vor allem «dessen Landesverein Württemberg (Stuttgart, Turmstratze 7). Hand in Hand mi't dieser Pogromhetze gehen die Vorbereitungen der Antisemiten, sich eine Pogromgarde zu» schaffen. An: 21. Februar 1919 fand im „Rheingold" eine Geheimvorsalnmlung des Ausschusses für Volksausklürung statt, tat der Regierungsrat Gruft Grosse und Leutnant v. Arnim tatkräftiges Handeln gegen die Juden verlangten. Dann erklärte ein Vorstandsmitglied, daß dem Ausschuß für Volksauftlürung eil: freiwilliges Werbebüro au vorn Kriegs rninisterium sanktioniert sei, und er fügte hinzu, daß der Kriegslninister allerdings nicht wisse, daß diesen: Werbebureau nur Freiwillige mit antisemitischer Gesinnung entstauuneir werden. Gs ist außerordentlich bemerkenswert, daß diese plaiunüßige, großzügig angelegte Ju den hetze, welche sich als Hetze gegen die Revolution charakterisiert, finanziell stark fundiert ist. Nur mit gewaltigen Mitteln ist es möglich, eine derartige Propaganda ins Werk zu setzen und zu erhalten. Wie groß diese sein müssen, ergibt sich z. B. aus der Tatsache, daß die „Hauptstelle für Aufklärung", Berlin SW, Bernburger Straße 19, vor kurzen: eine antisiemitische Broschüre „Bon der Vergiftung des deutschen Volkes" in einer Auflagehöhe von 200 000 an deutsche Lehrer und Geistliche versandt hat. Gs ist unschwer zu vermuten, welche Kreise es sein mögen, die dafür die Mittel hergeben. Gs kann sich nur um solche handeln, die ein brennendes Interesse haben, ihre Machtstellung im politischen und wirtschaftlichen Leben, koste es, was es lvolle, z:: erhalten, wem: dabei auch das Volk moralisch zugrunde gerichtet und das Gift des wüstesten Nlenschenhasses in die Atafsen hineingetragen wird." Wir können der Schlußbemerkung nur beipflichten und verwe-isen bei dieser Gelegenheit auf den in der Wochenübersicht der vorigen Nummer veröffentlichten Artikel „Sozialdemokratische Führer gegen die antisemitische Hetzpropaganda". Auch das „Berliner Tageblatt" (in der Morgenausgabe) vom 4. Juli widmet der Organisation der Pogromhetze einen Längeren Artikel, gibt den Inhalt verschiedener widerlicher, gegen die Juden gerichteter Flugblätter 'wieder und bemerkt sehr richtig zum Schluß: „Das alles scheint ja eigentlich nur aus dem Jrrenhause zu stammen, aber mit Ironie und Berachtung allein wird man dos Gesindel, das bei dieser Agitation teils als Handlanger und teils als Anstifter und Geldgeber dient, aus die Dauer nicht behandeln dürfen. Die Flugblätterprosa ist ja auch nur eine für den Mob bestimmte Vergröberung der Geistesprodukte, mit denen die „Deutsche Zeitung", die „Tägliche Rundschau", die „Deutsche Tageszeitung", und besonders der noch immer von dem, nicht fürs Vaterland gefallenen, Richard Nordhauser: geleitete Feuilletonteil der „Deutschen Tageszeitung", ein angeblich feineres Publikum unterhalten. Es wird vor allem nötig sein, sich mit dem Ursprung dieser „Propaganda" zu beschäftigen, und da es keinem Zweifel unterliegt, daß hier der Antisemitismus wieder nur ein Lockmittel in den Händen reaktionärer Cliquen ist, so wird man dem Volke schonungslos zeigen müssen, was die Angehörigen dieser Cliquen und Kreise an ihm gesündigt und wie sie durch ihr ganzes Verhalten die Katastrophe heraufgesührt haben." BLzierskorntrian-V und Antisemitismus. Als dieser Tage ein jüdischer Kriegsteilnehmer in H a l b e r st a d t an: Vormittag beim dortigen Bezir k s - kommando seinen Militärpaß abgab, um die Verleihung des Verwundetenabzeichens zu erwirken, wurde ihm bedeutet, daß er Abzeichen und Papiere nachmittags um 3 Uhr in Empfang nehmen könne. Er nahm dann zu der angegebenen Zeit den Paß in Empfang und prüfte ihn beim Fortgehen daraufhin, ob auch die Verleihung richtig eingetragen sei. Dabei fiel ihm ein von den: bekannten antisemitischen „D e u t sch e n Sch utz - und Tr utzbu nd" in Hamburg herausgegebenes kleines Flugblatt in die Hand, das rn den Paß hineingelegt worden war und das> die ärgsten antisemitischen Schmähungen und Verleumdungen enthielt. Der Kriegsteilnehmer bat um Aufklärung, und da die anwesenden Schreiber von nichts wissen wollten, verlangte er den Kommandeur zn sprechen. Gs wurde ihm geantwortet, daß dieser am nächsten Tage vormittags anwesend sein werde. Er traf zu der angegebenen Zeit den Kommandeur nicht an und konnte nur den Adjutanten, Leutnant Z i m in ermann, sprechen, 'der seine Papiere zurückbehielt, um die Angelegenheit dem Kommandeur, Herrn Major Bo den st ein, vorzutragen. Durch die Post erhielt er am nächsten Tage seine Papiere zurück mit folgendem Anschreiben: „Herrn.Anliegenden Paß mit dem Bemerken zurück, daß bei der Untersuchung sich nicht herausgestellt hat, wie der Zettel in den Paß hineingekommen ist. Es wird diesseits angenommen, daß ein Versehen v o r l i e g t, da es nicht erlaubt ist, daß private Sachen in dienstliche hineingelegt werden dürfen, gez. Bodenstein, Major z. D. und Kommandeur." Daß hier ein Versehen vorliegt, dürste wohl darin bestehen, daß der Betressende, 'der das antisemitische Flugblatt in den Militärpaß hineingelegt hat, übersehen hat, daß der Inhaber des Passes Jude ist. Der Verdacht liegt sehr nahe, daß irgendeine Person, die beim Halberstädter Bezirkskommando tätig ist, diese schändliche Propaganda systematisch betreibt; denn es ist kaum anzunehmen, daß der Zettel durch Zufall in den Paß hineingekommen ist. Es steht fest, daß dies nur an dem angegebenen Tage in der Zeit zwischen 10 Uhr vormittags und 3 Uhr nachmittags geschehen lein kann. Der betreffende Kriegsteilnehmer war 3K Jahre beim Heere, wurde 1916 während der Sommeschlacht durch Bruststeckschuß schwer verwundet und besitzt das Eiserne Kreuz zweiter Klasse; von seinen Brüdern hat der eine im April 1917 in der Aisneschlacht den Heldentod gefunden, während der andere an der Front an Malaria erkrankt :st. yj{au tarn: es vollauf begreifen, daß der Herr die Angelegenheit als sthwere persönliche Kränkung und Beleidigung euchfindet, angesichts deren wohl wenigstens eine Entschuldigung seitens des Bezirlstvumumdos au: Platze geivesen wäre. In oem vorliegenden Falle ijt es nun von besonderer Wichtigkeit festzustellen, ov das antifeuntische Flugblatt nur in diesen euren Militärpaß gelangt ist oder ob auch andere, namentlich christliche Personen, oie ihre Papiere oem: Halberstädter Bezirkstommando eingereicht haben, mit solchen Wifchen bedacht worden sind. Hoffentlich sühren die nach vieler Richtung angeltellten Ermittelungen zu einem Ergebnis. Bestätigt l:ch die Vermutung, daß diese. Art der antisemitiichen Propaganda m dem Bezirkskommanoo jhftematisch betrieben worden ilt, dann muß mtt aller Schärfe gegen den oder die Schuldigen vorgegangen weroeu. M Man schreibt uns: An der Universität Rostock haben Studenten kürzlich eine gehaplge annseruirische Tätigkeit entfaltet. Flugblätter wurden an das schwarze Brett geheftet und in den einzelnen Auditorien Verbreiter, an denen die Juden für Entstehung des Krieges, für den Zusammenbruch Deutschlands, für das Auskommen der Revolution und deren üble Folgen verantwortlich gemacht werden. Ihre Austreibung aus Deutschland wird gefordert. Die ^'cur,choeuwLratllche, in,j u(\caweuiarrtutiche' Partei um> die Sozialistische Republik werden als jüdisch bezeichnet, da deren Leitung Jilden unterstehen foll. Sv erscheint der Bund der Hetzer als ein -pvrt der Reaktion, die sich die ^chlagwörler „Juden", „füdijch" zur Erreichung ihrer Zwecke bedient. In: Kolleg und in Studentenversammlungen wurde aufhetzerisch gewirkt.