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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-07-11 · Heft 28 (11.7.1919) · p. Seite 303

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 28 (11.7.1919)
Date
1919-07-11
Page
Seite 303 (sequence 3)
Language
German
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soä Ne Woche. Berlin, 7. Juli. Das Verfahren gegen den lkaiirr. Todesstrafe oder lebenslängliche Verbannung. Am st er .dam, 4. Ju!li. „Times" schreiben über das Gerichtsverfahren gegen den vormaligen Deutschen Kaiser, es bestehe dafür kein Präzedenzfall. Der einzige ähnliche Fall, daß ein fremder Souverän auf englischem Boden abgeurteilt wurde, sei das Verfahren gegen Königin Marie von Schottland gewesen. . In Bälde werde ei,n jinkernakionales Komitee ernannt werden, das die Aufgabe habe, dafür Zu sorgen, daß Deutschland die Vertragsbestimmungen ausführt, nnb dieses Komitee werde eine Anzahl von Kommissionen ernennen, die sich mit den verschiedenen Sonder teilen des Vertrages befassen werden. Eine dieser Kommissionen werde den Auftrag erhalten, für die Durchführung der Strafbestiniungen Sorge zu tragen. Wie verlautet, wird Großbritannien in dieser Kommission durch Sir Gordon Howard oder Sir Ernest Pollok vertreten sein. Die Kommission werde alle notwendigen Schritte tun, um sich zu versichern, daß der Gerichtshof ordentlich zusammengesetzt und in die Lage gefetzt werde, sein hohes Amt auszuüben. Dieser Gerichtshof werde die Ausgabe haben, die Strafe zu bestimmen, die er für richtig befinde. Die vorherrschende Ansicht gehe dahin, daß die Strafe der Tod oder lebenslängliche Verbannung sein müßte. Cs sei fraglich, ob die Alliierten in der Heutigen Zeit der Flugzeuge und Unterseeboote es für wünschenswert halten, den Kaiser nach einem abgelegenen Platze wie St. Helena 31t senden. Für die Verhandlung gegen den vormaligen Kaiser sei noch kein Zeitpunkt festgesetzt und noch kein Platz angewiesen, die Alliierten wollten jedoch jede Verzögerung vermeiden. Eine endgültige Entscheidung könne nicht getroffen werden, bevor der Vertrag ratifiziert sei. Der hauptsächlichste Beschluß, nämlich, daß London der Ort der Untersuchung und der Tower der Aufenthaltsort des Kaisers sein werde, sei jedoch schon gefaßt. — Wie „Daily News" melden, hoffe man, trotzdem noch der eine der Richter aus Japan kommen müsse, daß es möglich sein werde, das Untersuchungsverfahren im August zu eröffnen. Der Gerichtshof. Haag, 5. Juli. Die Londoner „Evening News" melden, daß Lord Summer, eine große juristische Autorität, den fünf Richtern präsidieren soll, vor denen der Kaiser in London erscheinen soll. Sir Gordon Howard, der Generalstaatsanwalt, soll die öffentliche Anklage führen. Der Kaiser soll durch einen deutschen \mb einen britischen Anwalt verteidigt werden. Die Verhandlungen sollen vfsent.'tich sein: alle Vorsichtsmaßregeln werden getroffen. Prinz Eitel Friedrich von Preußen hat an den, König von Großbritannien und Irland folgendes Telegramm gesandt: In Ausübung selbstverständlicher Sohnes- und Offizierspflicht stelle ich mich mit meinen vier jüngeren Brüdern Eurer Majestät an Stelle meines kaiserlichen Herrn Vaters für den Fall einer Auslieferung zur Verfügung, um ihm durch unser Opfer den entehrenden Gang 31t ersparen. Im Namen der Prinzen Adalbert, August Wilhelm, Oskar und Joachim von Preußen Eitel Friedrich, Prinz von Preußen. Die holländische Arbeiterpartei gegen eine Bestrafung. Amsterdam, 4. Juli. Das Organ der niederländischen sozialistischen Arbeiterpartei „Het Volk" schreibt zur Frage der Bestrafung des vormaligen Deutschen Kaisers, wenn man gerecht sein wolle, so könne man ihn nicht für den Anstifter -des Krieges halten. Denjenigen, die sich zu den Richtern des Kaisers aufgeworfen hätten, fehle jede sittliche Berechtigung dazu. Der Kaiser möge ein unbedeutender oder gar ein schlechter Fürst gewesen sein, aber die Staatshäupter der Entente hätten auch nichts getan, wofür ihnen die Geschichte Lob spenden werde. Soweit der Weltsriede von Leuten wie Clemeneeau, Wilson und Lloyd George abhängig sei, sei er keine Stunde lang gewährleistet. * Geh. Justizrat Prof. Dr. Franz v. Liszt, der hervorragende Strafrechts- und Völker rechts leh rer der Berliner Universität, der nach schwerem Siechtum vor kurzem im 69. Lebensjahre verstorben ist, war als Mitglied der Fortschrittlichen Volkspartei auch in hervorragendem Maße politisch tätig. Seine Partei entsandte ihn 1908 in das preußische Abgeordnetenhaus und 1912 als Vertreter des Wahlkreises Glogau in den Reichstag. Im Parlament machte er sich besonders -die Bekämpfung des A n t i se m i t i s m u s zur Ausgabe. Als Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses brachte er im Jahre 1909 die Affäre des alldeutschen und antisemitischen Professors und Rassentheoretikers Kuhlen deck zur Sprache, der wegen verschiedener Versehlungen und namentlich um der Unwahrhastigkeit und Unwissenschastlichkeit seines Verhaltens willen seine Professur in Lausanne verloren hatte und um dessen Berufung an eine preußische Universität sich einflußreiche Gesinnungsgenossen und Gönner bemühten. Der Heimgegangene legte damals unter der Heiterkeit des Hauses dar, daß die „wissenschaftlichen Leistungen" Kuhlenbecks gänzlich unzulänglich und dilettantenhaft seien, und erhob den schärfsten Protest dagegen, daß die preußische Regierung der. Anstellung eines solchen Mannes an einer ihrer Universitäten „mit Wohlwollen" gegen über st ehe, wie sie hatte erklären lassen. Aus Aerger darüber stempelte die agrarische „Deutsche Tageszeitung" den Professor, v. Liszt zum Jude n. Das war natürlich erlogen, da die Familie v. Liszt, der auch der große Musiker Franz v. Liszt entstammte, der katholischen Konfession angehört. — Mit h:x allergrößten Entschiedenheit war der Verstorbene wiederholt in Wort und Schrift dem R i t ualm 0 rd -m ä r ch e n 'entgegengetreten. So versah er die im Jahre 1906 erschienene Schrift des Berliner Rechtsanwalts Dr. Arthur N u ß b a u m über den P 0 lnaer Ritualm ordp.ro zeß mit einem Vorwort, in dem er aus die große Bedeutung hinwies, die dieser BlutbeschuIbigungsprozeß in kriminalistischer Hinsicht, namentlich im Hinblick aus die Psychologie der Anssage und die Macht der Suggestion bei Zeugenaussagen bietet. Auch zu dein K 0 n i tz e r und dem K i e w e r R i t u a l m 0 r d - Prozeß nahm er wiederholt in der Oessentlichkeit Stellung. Besondere Beachtung fand mit Recht seine Abhandlung über „das Problem der K r i m i n a l it ä t der Jude n", die inl Jahre 1907 in der .anläßlich des 300jährigen Jubiläums der Universität Gießen Herausgegebenen Festschrift ehemaliger Dozenten dieser Universität erschienen ist und in der er u. a. den wissenschaftlichen Nachweis erbrachte, daß die allgemeine Krimi n a I i t ä t d e r I ub e n wesentlich gü n st iger ist als die der Christen. Gerade heute, wo wir mit aller Energie daran gehen müssen, die durch den Krieg zerrissenen Beziehungen mit dein Auslande wieder aufzunehmen, sollte man sich auch an die Mahnungen erinnern, die Professor v. Liszt mehrfach im Parlament in der Frage der Zu- I a s s u n g von A u s> l ä n de r n an preußischen Universitäten gegenüber den bekannten hämischen Angriffen der Rechten erhob. Und stets war auch der Verstorbene ans dem Plan, wo es galt, die Freiheit der Wissenschaft und der wissenschaftlichen Forschung, die Rechte der Universitäten und der Studentenschaft zu vertreten. Als im Jahre 1905 in Berlin eine große Akadennkerversammlang zum Protest gegen die Beschränkung der akademischen Freiheit veranstaltet wurde, erschien er als einziger Vertreter des dozierenden Prosessorenkollegiums in der Versammlung und hielt unter dorn stürmischen Jubel der Studentenschaft eine zündende Rede, in der er namentlich gegen den sich in der Studentenschaft geltend machenden Slrebergeist zu Felde zog. Ter dein Verein deutscher Studenten angehörende Leiter der Versammlung fühlte sich veranlaßt, dem freisinnigen Professor wegen seiner Ausführungen eine Rüge zu erteilen, er erweckte aber damit den stürmischen der Studenten. Der damalige Vorsitzende hat sich inzwischen schon längst ati§ einem Saulus in einen Paulus gewandelt, es ist dies der jetzige demokratische Abgeordnete und Führer des Deutschen Bauernbundes, Dr. Böhme. * In der Sitzung der Preußischen Landesversammlung vom 25. Juni bei der Erörterung der Friedenssrage sah der Abgeordnete Adolf Hoffmann sich veranlaßt, die Regierung auf die maßlose antisemitische Agitation aufmerksam zu

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