Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 27 (4.7.1919)
- Date
- 1919-07-04
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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patriotische Anstellung israelitischer Lehrer an konfessionell gemischten Schulen." — München, 27. Juni. In der letzten Zeit sind von verschiedenen Seiten Versuche gemacht worden, die großen jüdischen Organisationen, wie den Deutsch-Israelitischen Gemeinde- Bund, - den Verband der deutschen Juden und den Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, zu einem feierlichen Abrü-cken von den Mischen Kommunisten oder zu einer Einflußnahme an die jüdischen Mitglieder der linksradikalen Strömung zu veranlassen. Abgesehen davon, daß ein so rasches Wrücken völlig wirkungslos ist, da es böswillige Gegner nicht überzeugen wird, wäre es auch zwecklos, an die einzelnen Männer heranzutreten und sie aus-- zufordern, im Interesse des Judentums ihre Politik zu ändern. Nach vies-er Richtung hin ist ein Brief von Kurt Eisner äußerst -charakteristisch, iden dieser an einen Herrn, der Eisner in diesem Sinne beeinflussen wollte, gerichtet hat. Hier schreibt Kurt Eisner unter dein 12. November 1918: „Sehr geehrter Herr! Die Auffassungen, die Sie haben, sind aus der bewußten oder unbewußten Angst gewisser Leute entstanden, die zwar nicht bereit, ihr Leben für eine revolutionäre Sache etnzusetzen, die aber besorgen, daß ihr eigenes kostbares Leben darunter leiden könnte, wenn beim Scheitern revolutionärer Erhebungen der Unmut des Volkes gegen sie selbst abgelenkt werden künure. Ich bin der Ministerpräsident von Bayern, weil mir das Vergnügen in acht, i ch w erde d-en Tag segnen, \v o ich -es nicht m e h r b i n. Aber ich bin der Schöpfer und Repräsentant dieser wunderbarster! aller Freiheitsbewegungeu. Und damit ist es meine Pflicht, als lebendiges Symbol anszuharren. Das hätte sich wahrhaft nicht gelohnt, diese gewaltige Umwälzung zu erkämpfen, wenn der neue Geist darin bestehen sollte, darauf Rücksicht zu nehmen, welcher Herkunft dieser oder jener leitende Mann ist. Ich habe größere Sorge, als auf wiche Taktsragen einer überwundenen- Ze:t nur drcn Augenblick Rückfirij zu nehmen. Nichts für ungut. Kurt Eisner." ft ft Hannover, 27. Juni. Der seit 156 Jahren bestehende Wohltätigkeitsverein der Synagogengemeinde Hannover „Chewra Kadischa" versendet soebenden Rechenschasks bericht für die Zeit vom 1. Januar bis 31. Dezember 1918. Wie aus dem Bericht zu ersehen ist, hat der Verein auch im abgelaufenen Berichtsjahre größere Schenkungen erhalten wie auch Zuwendungen für gelegentliche Verteilungen bei Todesfällen. Die Grundsätze des Vereins, die regelmäßigen Einnahmen nahezu ganz in den Dienst -der Girmen- und Krankenpflege zu stellen sowie Unbemittelte kostenlos zu beerdigen, sind auch im abgelaufenen Rechnungsjahre -befolgt worden. Die Vermehrung des Gesamtvermögens ergibt sch fast ausschließlich aus Stiftungen, die dem Verein dauernde Verpflichtungen auserlegen. Das feste Vermögen des Vereins betrug Ende 1918 neben der letzt einverleibten Landrabbiner-Tr.-Gronemann-Stiftun g 291928,29 Mark. In diesem Betrage sind 188 550 Mark enthalten, wofür der Verein dauernde Verpflichtungen übernommen h-at, lv ährend die Zinsen der Landrabbiner-Dr.-Gronemann-Stiftung zur freien Verwendung für die Zwecke des Vereins stehen. Der Verein besitzt den halben Anteil on den Gebäuden aus dem Friedhöfe an der Strangriede, wofür mt§ Vereinsmitteln etwa 30 000 Mark beige tragen sind. Der Verein hat fünf Gesetzrollen mit den dazu gehörigen silbernen. Geräten, einen Leichenwagen, -Mäntel, Grab- und sonstige Utensilien, Gebetbücher usw.. drei silberne Sammelbüchsen fowie zwei silberne Lellchter. Außerdem, verfügt der Verein über einen Bestand au Stoffen, Anzügen nfw. im Werre von 5000 Mark. Der Verein Zählte am. 31. Dezember 538 Mitglieder und 115 beitragende Frauen. Im Jahre 1918 wurden auf deiii israelitischen Frieohofe beerdigt 47 Männer, 40 Frauen, 4 Kinder, i-m ganzen. 91 Personen; davon gehörten dem Verein 23 -als Mitglieder an und 12 waren Frauen von Mitgliedern. Auf Kosten des Vereins wurden- 13 Leichen bestattet. Bon einzelnen sind nachträglich noch Teilbeträge der vom Verein verauslagten Kosten eingegangen. Nach außerhalb überge führt wurden 4 Leichen. Durch das ^lbleben feines Vorsitzenden, yerrn Jacob Berliner, hat der Verein einen außerordentlich schweren Verlust erlitten. 34 Jahre lang, davon 1 Jahr als Vorsitzender, wirkte der Verstorbene in hiiigebender und segensreicher Weife für das Wohl -und die Ziele des Vereins. Erwähnt fei auch die goch-herzige Schenkung, der Familie des Verstorbenen, welche zu seinem, kürzlich gewesenen 70. Geburtstage dein Verein die reiche Gabe von 20 000 Mark .spendete, die unter Errichtung einer den Nanien Jacob-Berlin-er-Stiftnng tragenden Stiftung für die Zwecke des Vereins ftn Sinne des Verstorbenen verwaltet werden. Der Schliiß des Berichtes lautet: An dieser Stelle sprachen wir wiederholt die Bitte aus, in jedem Haufe eine Faniilienchrou.it anzulegen, -deren Wichtigkeit wir in unserem letzten Rechenschaftsbericht bereits dargelegt haben. Gleichzeitig ersuchen wir unsere Mitglieder höflichst, uns für das demnächst von -uns zu errichtende Krieger de ukmal die Namen der Gefallenen, den militärischen Rang sowie den Tag ihres Todes mitzuteiken, da wir -beabsichtigen, solche Todestage seitens des Vereins als Jahrzeittage zu halten. Leider hat in diesem Jahre die Sterblichkeit weiter zugenomm-en, und wir können deshalb von ganzen! Herzen nur den Wunsch aussprechen, daß die Sorge und Not hinsichtlich einer Steigerung derselben von uns genommen werde. Schließlich bitten wir unsere Freunde noch,sür die Werbung neuer weiterer Mitglieder recht tätig zu sein, damit nur dem idealen Ziele, daß jedes Gemeiudemitglied auch Ehewramitglied sei, immer näher kommen. er. Frankfurt a. M., 27. Juni. Herr Pei rotes, der ehemalige R'eichstngsabgeordnete und jetzige Bürgermeister von Strasiburg, hat schon viele Wandlungen durchgemacht. Seine neueste Phase scheint der Antisemitismus zu sein. Die Straßburger „Freie Presse", das Organ des Herrn Peirotes, veröffentlicht einen Bericht über einen Vortrag im Roten Hans in Straßburg. Darin heißt es: „Tie Rede enthielt laute Klagen über Verfolgung und Zurücksetzung der Juden. Rum, wir glauben, daß sich die Juden zurzeit nicht gerade zu beklagen haben. Weder in Frankreich, wo der Staat, wenn wir ehrlich sein wollen, als fast durchweg „verjndet" zu bezeichnen ist, noch in Rußland. Sind doch Lenin und Trotzky selbst Juden." Bei den engen Beziehungen des Bürgermeisters zu seinen! Blatt ist kaum anzunehmen, das; dieser Bericht nur zufällig Aufnahme gefunden hat. ei-. Marburg, 27. Juni. D i e A u f g ab e n d e s I n d e n t u m s int neuen De ntschland behandelte ein Vortrag, der im Auditorium maxirmmi der hiesigen Universität stattfinden sollte. Der Saal erwies sich jedoch als zu tlem für die Menge des Pnbliknms, so daß der größte Saal unserer Stadt gewählt werden mußte. Auch dieser war bis auf den Letzten Platz gefüllt. Tie Ankündigung, einer freien Aussprache hatte auf weite Kreise anziehend gewirkt. Das Publikum bestand in der Hnttptsache aus Studenten und Studentinnen. Sehr zahlreich waren die jüdischen Kommilitonen erschienen, darunter die meisten in Uniform und mit denr Eisernen Kreuz geschmückt. Nach einigen Eröffnungsworten sprach ein jüdischer Soldat vom jüdischen Standpunkt aus. Er erklärte die Weltanschauung des Judentums, von der aus er ftir die deutsche Jndenheit das Recht und die Verpflichtung ableikete, an den Geschicken Deutschlands mitarbeitend und schaffend Anteil zu nehmen. Trotz antisemikischer Störungsversuche fand der Redner lebhaften Applaus. In der anschließenden Distussivn sprachen auch christliche Redner, die sich ebenfalls gegen die antisemitische Verhetzung wandten. Unter tosendem Beifall der deutschnationalen Studentenschaft kam endlich ein antisemitischer Redner zu Worte, der ans dem antisemitischen Rüstzeug die ältesten Hetzreden answärmte. In später Stunde wurde die Versammlung. geM offen. M-uilch-Vrlttrrkich. Z. Wien, 27. Juni. Im Earl-Theater bezeigte vor überfülltem Haus eine neubegründete „Freie jüdische Volksbühne" zum erstenmal thr Können, ihre Richtung, ihre Ziele. Es sollen nur Werke des sogenannten „Jargon" zur Thoatergestaltung gelangen. Schon der Begriff der Jargon spräche ist dunkel w-ie diese selbst, dunkel wie die Schicksale emes Volkes, das sich darin ergreifend, klagend und anklagend geäußert hak. Das „Jüdische", eine Vokkssprache, die von sechs bis sieb-cn Mrllio>nen >im Kriege so oft blutig gequälter, heim- und heitnn'llos gewordener Akonschen gesprochen wird, darf nicht mit der „königlichen Sprache der Schrift", den: Hebräisch, verwechselt werden. Sein Gebiet streckt sich über Polen und Litauen, die russischen Städte und Steppen und selbst über den Ozean nach Amerika hinüber; in den Wurzeln greift es hinab in deutsches und spanisches Mittelalter. Mancherlei Laute deutschen, russischen, hebräischen Klanges tönen hier, dem Nichtkenner befremdend und scheinbar mißlaukend, zusammen. Aber es darf nicht vergessen werden, in dieser Sprache hat das Volk Märchen gedichtet, haben starke Poeten, was sie erlitten, gesa-gt und gesungen. In den Gettoliedern des Morris Rosenfeld hat die soziale Not des Judentums ehernen Klang gewonnen; dazwischen blüht zart die Sehnsucht nach dem Osten; die Sehnsucht selbst ist darin Poesie geworden.