Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 27 (4.7.1919)
- Date
- 1919-07-04
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3229392-3229417--75001-3287483- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
wir wollen nicht verzagen, ivollei: hoffen, daß itnfer Vaterland aus der tiejen Erniedrigung, in die die übermächtige (ftcmnlt und Nachsucht unserer Feinde -es gestoßen haben, sich zu neuer Große und Blüte erheben wird. Tenn dieses aus £wif; und Vernichtung,sw nt geborene, dieses gottlose Wert, das sie ersonnen, kann nicht Bestand haben. Und so hoffen wir, das; unsere Iubiläuinsseier, in so schlichten formen sie sich auch vollziehen mag, nur ausgeschoben ist und das; sie uns über kurz oder lang zu gegenseitiger Erhebung und gemeinsamer Arbeit zusammen führen wird, llnd große Arbeit harrt unser, Arbeit, die für den Deutsch-Israelitischen Gemeindebund eine Lebensfrage bedeutet, die das Werk, das weitschauende, weise Männer vor 50 Jahren gegründet und ausgebaut haben, erst kröne:; soll. Wird doch der Segen dieser Schöpfung gerade jetzt in seinein vollen llmfang offenbar. Ihr ist es zu danken, daß die ungeheure politische Umwälzung, die auch die Neligionsgemeindeu als solche in ihren Fundamenten zu erschüttern droht, uns nicht ungerüstet trifft. Wir Inden haben uns ja niemals sonderlicher Gunst des Staates zu erfreuen gehabt, und wenn nun mit dem Anbruch einer neuen Zeit die Trennung von Staat und Kirche ausgesprochen wird, so berührt uns dies nicht mnnittelbar. Tenn unsere Religionsgemeinschaft beruhte immer ans Freiwilligkeit; das gemeinsame Band ist die unauslöschliche Liebe zürn Indentuu:, und alle soziale Einrichtungen zum Schutze der wirtschaftlichen Schwachen in der biblischen und kalmudischen Gesetzgebung als religiöse Pflichten erscheinen, so hat das ideale soziale Bestreben der Erhaltung des jüdischen Lebens, wo es Not leidet, in de:n Teutsch- Isrnelitischon Gemeindebund seinen sichtbaren Ausdruck gesunden. In diesem. Geiste wirkt der Deutsch-Israelitische Gemeindebund nunmehr ein halbes Jahrhundert, und in diesem Geiste wird er fortwirten. Al ehr als je fordert die neue Zeit den engen Zusammenschluß der Gemeinden, das Einstehen der einen für tue anderen nach dem alten tiefsinnigen nnd tief verpflichtenden Wahrspruch: „Ganz Israel ist Bürge füreinander". Um die Forderungen, die die Gegenwart an uns stellt, zu erfüllen, gilt es, die Tragfähigkeit des Tentsch-Israelitischen Gemeindebundes zu erhöhen und seiner aus Freiwilligkeit beruhenden Organisation für alle Zukunft die Kraft nnd Heiligkeit eines selbstgegebenen Gesetzes zu verleihen. Taran wollen wir arbeiten, dazu rufen :vir alle Kräfte aus, die in Israel lebendig sind und zu neuem Leben erweckt werden können, zum Wohle des Judentums, des deutschen Vaterlandes und z-nm Heile der ganzen Menschheit, das nur ans ihrer Durchdringung mit dem b'.llifchen Geiste wahrhaftiger Gerechtigkeit ersprießen kann: „Nicht durch Gewalt und nicht durch Macht, sondern durch meinen Geist, spricht der Ewige der Heerscharen". So lvollen wir unser Jubeljahr feiern nnd in solchem Geiste begrüßen rvir unsere Bundesgemeinden, 1200 an Zahl, und alle diejenigen, die unserem Bunde noch nicht angehöre:: und die wir einladen, zu uns zu kommen und teilznnehmen an den: Werke, das geschafsen werden muß. „Friede, Friede den Fernen wie den Nahen, ist der Spruch des Ewigen." Graudenz, 2 7. Juni. Ten 70. Geburtstag beging Kommerzienrat Heinrich Belgard hier.selbst am 20. d. M. Ter jetzige Inhaber der in weitesten Kreisen bekannten, seit 1845 bestehenden Firma Isaac Belgard, Banknnd Getreidegeschäft, ist am -20. Juni 1840 in Graudenz geboren und seit fast 50 Jahren in der Firma tätig, deren Geschästskreis er ständig erweitert nnd zu hoher Blüte gebracht hat. Neben seiner geschüstlichen Tätigkeit hat sich Kommerzienrat Belgard seit Jahrzehnten den öffentlichen Interessen seiner Vaterstadt zur Verfügung gestellt. Als Stadtverordneter und später als Stadtrat gehörte er fast 30 Jahre den städtischen Körperschaften an, besonders als Berater im Finanzwesen und als Dezernent für die Verwaltung der städtischen und ländlichen Grundstücke. Seit Begründung der Graudenzer Handelskammer ist er deren Mitglied. Als Vorstandsmitglied des Kreisvereins vom „Roten Kreuz", des Spar- und Banvereins, des Mnseumsvereins und vieler anderer Vereinigungen hat er im Frieden wie im Kriege gemeinnützig und segensreich gervirkt. In der hiesigen Synagogengemeinde betleidet er, nachdem er Zehn Jahre hindurch Repräsentant geivesen.war, seit zwei Jahrzehnten das Amt als Borsitzender des Vorstandes und hat sich gerade in dieser Eigenschaft erfolgreich bemüht, das Verhältnis zwischen den Konfessionen in Graudenz stets zu einem harmonischen zu gestalten. Bei seinem sozialen Wirten hat der Jubilar in seiner Lebensgefährtin eine verständnisvolle und tatkräftige Mitarbeiterin gesunden. — Um in dieser überaus ernsten Zeit eine Feier zu vermeiden, weilte Kommerzienrat Belgard mit Familie für einige Tags fern von Graudenz, hat aber in dankenswertester Weise der unterernährten Kinder hiesiger Einwohner gedacht-und für diese 3000 Mark zur sofortigen Verteilung durch den Ersten Bürgermeister und den Stadtverordnetenvorsteher zur Verfügung gestellt, wofür ihm der Dank von den Kindern und deren Eltern sicher ist. So sehr auch Herr Belgard durch seine Reise nach Zoppot allen Ovationen ans den: Wege gehen wollte, blieben bei seinem hohen Ansehen und.seiner allgemeinen Beliebtheit und Wertschätzung Ehrungen, Blumenspenden und Glückwünsche nicht aus. Besonders zu erwähnen wären: etnc künstlerisch ausgeführte Adresse von den jüdischen Gemeindetollegien, eine weitere von den Beamten und ein herrliches Blumenarrangement vom Israelitischen Frauenverein, zu dessen tätigsten Vorstandsmitgliedern d:e Gattin des Jubilars zählt, ferner Glückwunschtelegramme von den städtischen Körperschaften, vom Wohltätigkeitsverein. dessen Vorsitzender Herr Belgard ist, vom Verbände der westpreußischen Synagogengemeinden, zu dessen Ausschuß, vom Easper Lachinannschen Waisenhaus, zu dessen Kuratorium er gehört, nnd von vielen anderen Vereinen nnd Körperschaften, Freunden und Verehrern ans nah und fern. Möge der Jubilar noch weiterhin in Gesundheit und Frische zum Wohle der Stadt und zum Segen der Synagogengemeinde Graudenz wirken und arbeiten. er. Breslau, 27. Juni. Einen eigenartigen Standpunkt haben unsere Gemeindebehörden in der Frage der Statutenrevision angenommen. Sie haben die Zulässigkeit der Wahl der Rabbiner in die Geineindekörperschaften mit der sonderbaren Begründung abgelehnt, daß die Würde des Amtes von den Rabbinern eine Stellung „über den Parteien" verlange. Mit dem Hinweis ans das Indengesetz von 1847 sielen'die Anträge auf Erteilung des Wahlrechts in Repräsentantenversammlung und Genieindevorstand für die Frauen, nnd die Beseitigung der Beitragsleistung als Voraussetzung für die Wahlbeteiligung. Als einzige Konzession an den Geist der neuen Zeit wurde die Verhältniswahl von. der zur Vorbereitung der Statutenrevision eingesetzten KommiWm: befürwortet, llnt einer möglichst großen Zahl von Ge:neinde:m.kgliedern die an den Beitrag gebundene Erlangung des Wahlrechts zu ermöglichen, wird die bisher für Minderbemittelte bestehende Beitragsfreiheit ausgehoben, der Beitrag für die Mitglieder mit einen: Einkommen von nicht mehr als 1500 M. aber auf jährlich 1,20 M. festgesetzt. Tie Zahl der Mitglieder der Repräsentantenversarnullung soll auf 21 erhöht werden, dl,gegen nicht die Zahl der Stellvertreter. Ferner soll wenigstens die Möglichkeit geschaffen werden, die Frauen, zn stimmberechtigten Mitgliedern der Vorstau dskommissionen zu wählen, und zwar durch einen Zusatz zn den: in Frage kommenden Paragraphen. Solange die Frageder Trennung von Staat und Kirche nicht endgültig geregelt wird, soll von einer gründlichen Statutenrevision abgeschen werden. er. Dessau, 27. Juni. Bei der Beratung des Staatshaushaltsplanes für das Jahr 1919/20 hat der Haushaltsausschuß einen Antrag ans S t r e i ch n n g des staatlichen Beitrages für den k a t h o>l i s che n und jüdischen Kultus gestellt. Es wurde von demokratischen Abgeordneten hervorgohoben, daß sich die Katholiken und Juden mit Recht benachteiligt fühlen könnten, daß man ihnen -den Beitrag streiche, während man ihn den: evangelischen Killt ns nach weiter gewähre. Abgeordneter Fiedler, Zerbst (Dem.), erklärte, seine Partei wevd-e nicht die Hand zur Herbeiführung eines Notstandes bieten. Tie Trennung des Staates von der Kirche müsse allmählich dnrchgeführt werden; deshalb stelle er einen Antrag, der einen Abba:: des staatlichen Beitrages innerhalb von drei Jahren vorsehe. Nach längerer Debatte, in der sich auch der Abgeordnete Dr. E ohn , Dessau, für einer: sukzessiven Abbau des Staatsbeitrages ausgesprochen, wurde die Sache nochmals an den Ausschuß zurückgewiesen. Nürnberg, 27. Juni. Am 7. und 8. d. M. tagte in Nürnberg der „Bund der Junglehrer" gerneinsam mit der „Arbeitsgemeinschaft deutscher Junglehrer". Im Aufträge der „Organisation jüdischer Junglehrer Bayerns" hielt Herr Lehrer Adler (Altemnuhr) ein Referat über „die Forderungen der jüdischen Junglehrer". Die von dein Referenten vorgeschkageire und einstimmig angenommene Resolution lautet: „Die am 7. und 8. Juni in Nürnberg tagende Versammlung des „Bundes der Junglehrer" und der „Arbeitsgemeinschaft deutscher Junglehrer" verlangt betreffs Anstellung israelitischer Lehrkräfte die Beseitigung aller Ausnahmegesetze, insbesondere der Ministerialverordnung vom 29. August 1873, erwartet somit die