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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-07-04 · Heft 27 (4.7.1919) · p. Seite 299

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 27 (4.7.1919)
Date
1919-07-04
Page
Seite 299 (sequence 11)
Language
German
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299 mal, das; der Zug jetzt mit verlangsamtem Tempo mitten durch die Stadt fuhr, die das Ziel seiner Reife war. Der Chassid hatte gerade die letzte seiner Wnndergeschich,ten vom „Hügel-Rabbi" beendet, als Vater Saul seinen Sohn am Arm faßte und mit einer raschen Hanldbewegung zum Wagenfenster hinauswies. „Siehst du, Benjamin," sagte er, „wir sind gleich da, wir fahren jetzt auf der eisernen Bogenbrücke, die über dem Fluß der Stadt gebaut ist. Diese Brücke hat mehrere Millionen gekostet." Benjamin sah hinaus. Mächtige, in die Höhe strebende Eisenpfeiler schnellten Pfeilgeschwind am Wagenfenster vorüber. „Und drüben sichst dt; die eiserne Hängebrücke, die beide Stadthälften miteinander verbindet. Auch 'diese Brücke hat mehrere Millionen gekostet." Der Zug beschrieb jetzt eine Kurve. „Siehst du, Benjamin," fuhr Saul Glück fort, „jenes rote Haus mit den hohen gewölbten Fenstern, das ist der Tempel, wo die „Aufgeklärten" beten«. Und dort, der alte Bau mit dem runden lenster in der Mitte, das ist die Svnagoge. Sie ist fünfhundert Jahre alt. Zwei Brüder aus Spanien sollen sie erbaut haben." Zug hastete vorwärts und ein leises Rütteln ging durch die Waaenreiben. Bald hörte man den bekanntem) langaewgenen Miss. Pfauchend und dampfend fuhr der Zug in die Bahnhofshalle ein. Saul und Benjamin hatten kaum das Wagenabteil verlassen, da lief auch schon ein hageres, schwarzbärtiaes Männchen auf ihn ui. Er streckte Saul eine magere Hand entgegen und stieß als Willkommensgruß ein behaglich breites „Schalem; Alechem!" hervor, wobei er die Augen etwas zusammenkniff und die dünnen Lippen auseinanderspreizte. Benjamin aber Pätstbelte er die Wange, was als Zeichen des Wohlwollens, der Zuneigung, der väterlichen Gesinnung aufzufasten war. Das hagere schwarzbärtige Männchen war Onkel Ehajim. Nachdem man einander vorschriftsmäßig begrüßt und sich gegenseitig, alter Sitte gemäß, nach dem Wohlbefinden der Frau, dem Gang der Geschäfte, nach dem Wohlergeben der nächsten und näheren Verwandten erkundigt hatte, überaab man das Gepäck einem Gepäckträger und begab sich zu Fuß nach Onkel Ehajims Wohnung. Hier wurden die „lieben Gäste" von Tante Mirl gar freundlich ausgenommen und vorerst mit Kaffee und Butterkuchen bewirtet. Die ersten paar Tage nach seiner Ankunft waren für Benjamin eine schöne schulfreie Zeit. Da durste er nach Herzenslust die Stadt und ihr Getriebe, die Häuser und die Menschen, die Turmuhr und das Rathaus, den Nuß und die Berge mit der Neugier des Dörflers begaffen. Er bewunderte den gelblich-grünen Fluß, der in einem graziösen Strombett sanft dahingleitete, und der Schloßberg mit seiner verfallenen Ruine, den zahlreichen Alleen und dem prächtigen Springbrunnen erschien ihm als der Gipfel alles Schönen. Mit jenem Schauergefühl, das ein Wagnis hervorruft, halb furchtsam, halb freudig, erkletterte er den höchsten Gipfel des Schloßberges, den Drei-Kreuz-Gipfel, und jauchzte hell auf, als er von hier aus das weite herrliche Panorama des Stadtbildes überblicken konnte. Zu Beginn der zweiten Woche mußte Benjamin in die vielgerühmte Talmudschule. In dieser waltete Mendel als Schuloberhaupt seines Amtes. Mendel war hoch und spindeldürr, hatte ein langes Gesicht, bleiche Wangen und kleine, matte, von vielen; Nachtwachen gerötete Augen. An den Seiten hingen ihm geringelte Haarlocken herunter, die bei jeder Bewegung hin und her baumelten. Ein spitzes, strohgelbes Ziegenbärtchen verlieh seinem Gesicht einen Zug von Urkomischem. Wirkte auch das Aeußere Mendels nicht besonders wohltuend, so verstand er es dafür, seinen Schülern durch eine eigenartige Lehrweise einen geradezu ästhetischen Genuß zu verschaffen. Er besaß eine große Fertigkeit im Erklären, Erläutern, Plausibelmachen. Jede Hebung oder Senkung der Stimme, jedes Stampfen mit dem Fuße, jede Handbewegung trug zum näheren Verständnis des Unterrichtsgegenstandes bei. Es war kein trockenes Lernenes lag Sang und Klang darin. Ohne jegliches Zeremoniell wurde Benjamin den anderen Schülern eingereiht. Man beaann gerade mit dem ersten Abschnitt des Traktats „Die mittlere Pforte", der boit gefundenen und geliehenen Sachen handelt. Mendel erplnierte: „Wenn zwei - sagen wir Rüben nnd Simon .ein Kleid, das sie gefunden haben, halten, Rüben sagt: Ich halvs gefunden, und Simon sagt: Ich hab's gefunden: Rüben sagt: Es gehört mir, und Simon sagt: Es gehört mir - so muß ieder einzelne von ihnen schwören, daß er zumindest auf die Hälfte dieses Kleides Anspruch erheben kann, und sie teilen." Dieser eine Rechtsfall wurde mit den hierzu nötigen Kommentaren mehreremal erläutert. Nicht nach festgesetzten trockenen Paragraphen, zu deren Verständnis wenig Beweglichkeit des Geistes erforderlich, wurde dieses an sich seltene ins occuDandi behandelt. Weniger das Gesetz als der Geist des Gesetzes bildete den Gegenstand der Untersuchung. Die kleinen Rechtsgelehrten leierten und sangen diese Rechtsvorschriften in eimr recht seltsamen Weise. Wohl war Beniamin noch vom Dorfe her dieses Studium bekannt, aber dieses Leiern und Singen dünkte ihn so eiaenartia schön, daß er es als eine Lust emvfand. dieser singenden ^chülerzahl anzugehören. Je lauter die Töne an sein Ohr schluaen, je mehr der Lerneifer der Schüler stch steigerte, desto mächtiger wurde in ihm das Verlangen, ihnen zu gleichen. Fast unbewußt stimmte er mit ein in ihren Gesang: er „lernte". (Fortschurig folgt.) Literarische Mitteilungen. — w end e l M o 'b c r - 2 f o r i m iSch-olem Jakob AGmnwwitsch): fsfschke der Krumme. Ein jüdischer Roman. Deutsch von Alernuder Eliasbera. R. Löwtt Verlag. Wien und Berlin 1918. Es ist mir sehr .erwünscht, auf einen füdischon Schriftsteller aufmerksam machen zu können, auf den in diesen Btättm-u .war schon aeleaentl'ich hingewiesen« worden war., ohne dos; .ausfübrlich von ilnn dst Rede sein konnte. Der vorliegende No inan ist eine Probe starken Talents. Treilich kann man das Werk eigentlich kaum einen Roman nennen.. Es ist vielmehr ober eine Anekdote: die Geschichte eines krummen Armen, der eine sehr niedrige Stellung in einer Badeanstalt zu Glnvik einnimmt und der in dieser Beschäftigung jämmerlichster Art sich selig fühlt. Aus diesem Glück wird «r dadurch gerissen, daß er in reifen Jahren zur Cholerazeit mit einer blinden Bettlerin verheiratet wird. Zuerst hat er es ganz gut, da er tundie Blinde an ihren Platz zu führen hat und von den Erträgnissen, die 'diele bei ihrem eiuträglieleu Geschäft etuheimst. ganz behaglich lebt. Bald aber fällt es der Fra-uein, sich einen; Bettlertrupp anzufchließen, und dort ergeht es ihn; recht schlecht. Bon seiner Frau wird er übel behandelt. und von den übrigen Genossen der Truppe, verrohten, b et rüger eschen, ja höchst verbrecherischen Genossen, gemißbrancht, geschlagen, in jeder Weise geveinigt. Er kann sich, obwohl er es will, von seiner Fra>u nicht scheiden lassen, und findet eine Art Trost iw einer Buckligen, die gleich ihn; die Zielscheibe rohester Scherze, der wüstesten Mißhand-ltlnae;;, der unflätigen Anerbietungen einiger der Genossenwird. Schließlich wird er von der Bande zurückgelassen, vereinigt sich wieder mit ihr, will mit seiner Genossin entfliehen, wird -aber halbtot geprügelt und bleibt im tiefsten Elend zurück. Aus dieser jämmerlichen Lage wird er von zwei reisenden jüdischen Buchhändlern, Alter und Mendele, befreit, wird von ihnen nach seinen; Ideal, seiner Baterstach

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