Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 27 (4.7.1919)
- Date
- 1919-07-04
- Page
- Seite 298 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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„•s>iut Uhlemann, ich habe da oben int Stübchen einen Gelehrten sitzen, wenn Sie sich doch zu ihm heraufbemühen wollten, vielleicht könnten Sie mit ihm ein Negoz (Geschäft) machen!" Ich da-ckste, es kommt auf einen Versuch an, und atnn hinauf. Als ich -in die Tür trat, sah ich einen langen, hageren Mann, weder Koffer noch Kleider, alles um ihn in dem unseligsten Zustand. Selbst der Hut taugte nichts, ein Paar große Kurierstiefel und ein Hieber standen im Winkel. Diese nebst einem alten Ueberrock schienen der ganze Hausrat zu sein. Ter Mann kam darauf sebr höflich auf mich zu, nahm mich bei der Hand und sagte: „Mein Name ist Schiller, ich arbeite jetzt ein Werk für den Buchhändler Eruiius. Sie würden mir einen Gefallen tun, wenn Sie mir Geld darauf vorschießen könnten." Die schlichte Art in dem Anträge dieses Mannes aefiel mir und Nur wurden estrig. Es fehlte dein braven Tclülter an Rock. Kleid und allem übrigen. Ich ließ ihm alsbald aus Frankfurt, wo ich Konnenonen batte, Tuch m einer Weste und Rock, auch eine halbe Webe Leinwand zu Hemden und eine goldene Ubr kommen. Auch faufte ich ihm euren schönen neuen Hut. Wie Schiller sich wieder im Publikum zeigen konnte, machte er mir zuerst den Besuch und schien sehr vergnügt von dein neuen Aufzug, von der goldenen Uhr und der frankfurter Weste zu sein. - Ieb habp nie Gelegenheit, das Vertrauen, was ich diesem braven Manne sogleich ailf den erüen Blick schenkte, zu bereuen gehabt. Gr bat es mir in der Folae generös gedacht und mir so viel geschenkt, daß ich es ihm, weil als Douceur für meine Bemühungen völlig zu groß, wieder zurückgeben mußte: er nötigte es mir dennoch auf mit den Worten: „Nehmen Sie es nur. Sie haben als ein freund an mir gehandelt, ich hatte 'schon an vielen Türen geklopft, ehe ich mich an Sie wandte, aber immer abschlägige Antwort erhalten. Ich glaube wobl. ich hätte füglich, zu Weimar verhungern können." - - Als ich zu Ernstns in der Rechne mit Schillers Anweisung kam, die an 500 Taler, meist kn Vorschuß betrug, meinte dieser: „Tie Arbeit des Mannes ist aut, dagegen läßt sich nichts einwendew, aber es geht ihm langsam von der Hand, und ich weiß nicht, ob er es zu Ende brinat." Ich fragte, ihn darauf, ob er die Anweisung akzessieren wolle oder nicht. 'Erusius gab zur Antwort: ..Akzessieren tu ich sie nickst, aber wenn Sie fünf Prozent verdienen wollen, so Zahle ick sie Ihnen gleich aus. Das laß ich mir gefallen." In» der folge habe ich noch sehr häufig mit Schiller negoziiert, bis er heiratete. Oft, wenn ich zu ihm in die Stube trat, so stand noch nachmittags um drei Uhr das Mittagessen auf dem Tisch: er hatte es eben vor Arbeit vergessen. Schiller ist der bravste und redlichste Manm den ich kenne." Benjamins Liebeslied. Roman von Samuel Meisels. n einem schönen Sonntagmorgen fuhr eine Britschka durch das stille Dorf. In dem leichten kleinen Wagen saßen Saul Glück und sein Sohn Benjamin. Saul Glück nun Gutspächter in einem polnischen Dorfe in Ostgalizien. Er war in der ganzen Gegend wegen seines Reichtums bekannt und wegen seiner vornehmen Gesinnung und seines wahren Edelmutes allenthalben beliebt unb geehrt. Saul Glück war kein Dorfjude von gewöhnlichem Schlage; stolz auf seine Abstammung, im Bewußtsein, eine gute Erziehung genossen zu haben, fühlte er sich den anderen Dorfjuden weit überlegen. Er empfand eine gewisse Befriedigung darüber, daß er, der Dörfler, in der Kenntnis der Bibel und des agadischen Teils des Talmuds so manchen Stadtjuden überragte. für seinen Benjamin ging indes Sauls Ehrgeiz viel weiter; in ihm, seinem „Einzigen", wollte er Reichtum und Gelehrsamkeit vereinigt sehen. Benjamin sollte überhaupt kein Dorfjude sein. Er sollte in der nahegelegenen Stadt fleißig dem Thorastudium obliegen, und wenn nicht Rabbiner, so doch wenigstens ein thorakundiger Stadtjude werden. Um Benjamin für die Stadt mit genügenden Vorkenntnissen vorzubereiten, wurde ein tüchtiger Lehrer ins Haus genommen, der Benjamin in Bibel und Talmud, nebenbei auch in „profanen Wissenschaften" unterwies. Das Studium ging jedoch wie ein sckwerbelasteter Magen; Benjamin machte nur geringe Fortschritte. Um so größere Hoffnung setzte der Vater in die Talmudschule in der Stadt. Ja, dort, in der Talmirdschule mit vielen Jüngeren zusammen, wurde schon in Benjamin der richtige Sinn fürs „Lernen" erwachen! — So wartete denn Saul auf den glücklichen Tag, an dem er feinen Benjamin nach dem „Sitz der Thora" bringen würde... Und heute war dieser glückliche Tag gekommen. Saul fuhr mit seinem Sohne nach der Stadt, die als „Sitz der Thora" weit im Lande berühmt war. Tie Britschka fuhr an mehreren kleinen Gehöften« vorbei, die still und verträumt in der frühlingssonne lagen. An einer Gartenhecke stand ein stämmiger Bauer und schmauchte an seiner Tabakpfeife. Auf einem Stammstrunk gluckste ein Taubenpaar und nickte mit den rötl'ichblauen Köpfchen. Benjamin wendete seinen Blick dem entschwindenden Dorfe zu, sah jedoch nur die Staubwolke, die hinter der Britschka aufwirbelte. Nach ungefähr einstündiger Fahrt erreichten sie die Bahnstation, und schon nach wenigen Minuten saßen Saul Glück und Benjamin in einem Wagenabteil dritter Klasse, und der Zug führte sie dem langersehnten Ziele entgegen. Das Abteil war vollgedrängt mit Fahrgästen aus den verschiedensten Schichten der Bevölkerung. Kaftanjuden mit monströsen Körben», Bäuerin,nen mit ungeheuerlichen Packen, .Handlungsreisende mit großen Koffern machten sich auf den Bänken, zwischen den Gängen, an den Eingangstüven breit, ohne Rücksicht auf die vielsprachigen Kundmachungen der Eisenbahnverwaltung mit den fettgedruckten „Zur Beachtung!" und den strafandrohenden Paragraphen. Mehrere Bauern pafften in aller Gemütsruhe ihren Knaster, und der dicke Rauch, mit dem einströmenden Kohlendimst sich mengend, erzeugte im Raum eine drückende Schwüle. Im Abteil herrschte ein ohrbetäubendes Stimmengewirr. Eine Bäuerin keifte mit einem Juden. Ein junger Bursch spielte polnische Lieder auf einer Mundharmonika. Ein dünner Jude, mit einem Korb am Arm, .schob sich geräuschvoll durch die Reihen der Mitreisenden mb verkaufte Schnaps und Krakauer Wurst. Ein Bauer sprach über die Möglichkeit eines Krieges zwischen Oesterreich und Rußland, mtb unter den Mitreisenden Bauern entspann sich eine erregte Debatte; die Bailern überschrien einander und gerieten in eine bäuerliche Kampfeslust, die sich diesmal — dank dem Umstande, daß ein Wagenabteil kein Wirtshaus ist - - lediglich in einem hitzigen Wortgefecht Luft machte. Ein Ehassid erzählte einigen Bundesbrüdern die neuesten Wundertaten des Zaddik Towber, der unter dem Namen „Hügel-Rabbi" bekannt war, und die frommen Zuhörer verfehlten es nicht, die Berichte mit sämtlichen Ausrllfen des Staunens zu begleiten. Benjamin war wie gebannt in diesem Stimmenchaos. In lurntem Wechsel jagten Städtchen und Dörfer, Berge und Täler am Wagenfenster vorüber, allein sein Auge gewahrte nichts davon, weil sein Ohr an dem tönenden Durcheinander hing, das den Jnnenraum erfüllte. So - zwischen Hören und Horchen -- verstrich ihm die Zeit, und er merkte es nicht ein-