Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 27 (4.7.1919)
- Date
- 1919-07-04
- Page
- Seite 297 (sequence 9)
- Language
- German
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297 ganzes Leben hindurch rastlos vollbracht, indem ihm als Jude die leitenden Stellen an stationären Kliniken vorenthalten wurden, die, ausgestattet mit allen wissenschaftlichen Hilfsmitteln, die geeigneten Stätten der Forschung sind. Wahrlich ein glänzender Beweis für die intensive Arbeitsfreudigkeit und die wahre Liebe zur Wissenschaft, welche einen wahrhaft Gelehrten und edlen Charakter kennzeichnen, dem die wissenschaftliche Arbeit Selbstzweck ist. Er strebte nach Wahrheit und konnte daher nicht unwahr sein gegen sein jüdisches Empfinden, das tief in ihm wurzelte. Er mußte die offizielle Zurücksetzung, die ihm als dem Gelehrten galt, welcher dem Judentum angehört, als einen Angriff auf die Ehre des Judentums ansehen und beweisen, daß er für seine Ueberzeugung. Opfer bringen kann.' Diese brachte er in der Tai, indem er aus dem Lehrkörper der Universität austrat und auf alle äußere Ehrungen und Anerkennung verzichtete. Das jüdische Selbstböwußtsein war in dem Dahingeschiedenen so ausgeprägt, daß er es nicht ertragen konnte, daß seine Eigenschaft als Jude das Schi'bbolet ist, welches ihn, den Forscher und Arzt von Weltruf, nur wegen seiner wissenschaftlichen Leistungen als geduldet in der Reihe dieser Körperschaft gelten ließ. Mit diesem jüdischen Selbstbewußtsein ist Oppenheim ein leuchtendes Vorbild für die Jugend, die von demselben Geist beseelt lverden möge. Der große Dahingeschiedene tritt in die Reihen derjenigen gleichgesinnten, zahlreichen jüdischen Gelehrten ein, die ohne äußere Anerkennung in Bescheidenheit ihr Leben der rastlosen Arbeit gewidmet haben, aus welcher die Wissenschaft und die Menschen reiche Früchte für die Ewigkeit ernten. Ehre seinem Andenken! Prof. Dr. Hermann Oppenheim geb. I. Januar 1857, gest. 22. Mai 1919. pus Schillers Lridknssrit". Dr. Siegmar S ch u l tz c © a 11 e r a schreibt: Folgenden Bericht, der auf die wirtschaftliche Not Schillers in seiner ersten Weimarschen Periode ein scharfes Licht fallen läßt, fand ich in dem Handschriftlichen Nachlaß I. D. Falts, der sich in« meinem Besitz befindet und der über Goethe und Schiller, über den Hof und seine Gesellschaft mancherlei Neues und Bemerkenswertes bringt. Es sind teilweise abgerissene, oft schwer leserlich geschriebene Blätter, die aber ihren besonderen Wert darin haben daß sie augenblicklich hingeworfene Berichte, wie sie Falk soeben erfahren hatte, sind. In meinem Buche „Falk und Goethe", Halle 1900, habe ich darüber? näheres mitgeteilt und die Glaubwürdigkeit F'alks von manchem Vorurteil befreit. , Bchiller weilte vom Juli 1787 bis Anfang Mai 1789, einzelne Unterbrechungen abgerechnet, in Weimar. Unser Bericht weist in die ersten Monate, und zwar aus folgenden *) Ans Dr. Wachs „Wochenschrift" Nr. 2s. Gründen: Uhlemann erzählt, daß er aus die Messe (1788) bereits 599 Taler Asfignationen an Schillers Verleger Crusius hatte, und 'daß er in der Folgezeit (in Weimar), ehe Schiller heiratete, noch häufig Geschäfte mit diesem abwickelte. Das Werk, das Schiller für Crusius arbeitete, ist die „Geschichte des Abfalls der Niederlande". Es war keineswegs schon dem Ende nahe. Crusius hatte recht, daß Schiller langsam arbeitete: dieser mußte sehr viel zu der Arbeit lesen, und sein Zweifel, ob Schiller das Werk wirklich zu Ende brächte, war nur zu sehr berechtigt. Die „Niederländische Rebellion" sollte bereits Ostern 1788 erscheinen. Es kam aber erst im Herbst dieses Jahres der erste Teil heraus; später folgte noch einer. Die übrigen vier Teile sind nicht erschienen. Schon am 5. Juli 1788 fing Schiller an, dieser Arbeit satt zu werden (Brief an Körner vom 5. Juli 1788). Schiller war am 21. Juli 1787 zu Weimar im „Erbprinzen" abgestiegen. Er hat schon nach einer Woche eine Privatwohnnng bezogen und das teure Gasthofzimmer aufgegeben: unser Bericht nennt einen Kaufmann Keil in der Nähe des „Schwan", bei dem Schiller gewohnt hat. Des Dichters Vermögensverhältnisse, die schon keineswegs gute waren, als er nach Weimar kam, verschlechterten sich in den neuen Verhältnissen zunächst noch mehr. Er war so ziemlich in allem „abgebrannt". Ter Frau v. Wolzogen in Bauerbach schuldete er 549 rheinische Gulden und dem Juden Beit in Leipzig einige hundert Taler: beide Posten hätte er gern getilgt, aber vor allem mußte er Geld für leinen weimarschen Aufenthalt auftreiben. Am 18. August 1787 schreibt er an Körner: daß er zwischen 6 bis 8 Louisdors gebrauche, er wolle eventuell von Crusius avancieren lassen; und an seinen Freund Huber am 6. Oktober: „Ich erwarte nunmehr mit Schmerzen auf Nachrichten, auch wegen Geld. Das verfluchte Geld! An Crusius schreib' ich nächsten Donnerstag; zu Ende des Monats muß ich Geld haben, weil ich ganz auf dem Sande bin." Und desselben Tages meldet er Crusius, die „Niederländische Rebellion" sei fast fertig (etwa 29 Bogen), er müßte aber bis zum Ende des Monats zwölf Louisdors haben, den Rest mit Neujahr. Am 5. November dankt er Crusius für achtzig Taler, die er erhalten, aber am 19. hatte der Dichter eine Reise nach Bauerbach angetreten, war dann im Umwege über Meiningen, wo er Schwager und Schwester besucht hatte, ant 8. Dezember nach Weimar zurückgekehrt. Die Reise hatte ihm 138 Gulden 514 Kreuzer gekostet; und so erklingen neue Jeremiaden über das leidige Geld in dem Briese vom 25. Dezember an Huber. — In diese Zeit also, August bis Dezember 1787, muß unser Bericht eingereiht werden, der wortgetreu hier folgen soll: „Als ich," so erzählte der alte Jude Uhlemann, „beim „Schwan" vorüberging, rief mich der Kaufmann Keil daneben aus seinem Hanse an, wo er in der Tür stand, und sagte: