Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 27 (4.7.1919)
- Date
- 1919-07-04
- Page
- Seite 296 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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- Kielce 1× ep/1001109
- Pinsk 1× ep/1045440
- Vilnius 1× ep/1000947
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296 „Angesicht-, der Tatsache, das; -eiue Reihe van Ju de nuwtze leien und Nlis; Handlungen, die in ihrer Brntali'tät und Wildheit beispiellos dnstehen, während der letzten 7 Monate in mehr als 120 Städten, Flecken und Dörfern in Polen vorgekomnren ist — Pogrome, in denen jüdische Männer, Frauen und Kinder aller Klassen und Stände gemartert, getötet und lebendig verbrannt wurden, in denen Tausende von Juden Verwundungen erlitten, zahlreiche Frauen und Mädchen geschändet wurden, in denen ungezählte jüdische Häuser geplündert und -demoliert, Geschäfte und Vermögen vernichtet wurden; das; wilde und viehische Orgien stattfanden, bei denen nicht einmal die jüdischen heiligen Stätten verschont wurden, zahlreiche Synagogen eiugeäschert und die Beter, alte religiöse Juden, erbarmungslos erschossen und zusammen nnt den Therwalls den Flammentod erlitten haben, das; ferner die Gewalttätigkeit nicht von wilden unkontrollierbaren Mächten begangen, sondern vielmehr von Körperschaften vorbereitet und organisiert wurde, die diese Tätigkeit offen vor Augen der zuständigen polnischen Beamten entfalteten, -daß die Pogrompropaganda und Pogromtätigkeit von den Vertretern der polnischen Negierung smacht geduldet und in zahlreichen Fällen geradezu ermutigt wurde; io z. B. in Lemberg (Galizien), wo der Pogram hauptsächlich von polnischen Legionären. Angehörigen der polnischen Armee, bewerkstelligt wu-rde, angeführt von ihren Offizieren, die in systematischer Weise vorgingen,;;ud wo iiu Verlauf der zlveitägigen Metzelei (22. und 23. November 1918"» 72 Inden getötet, 443 verwundet und jüdischer Besitz in der Höhe von 103 Millionen Kronen vernichtet und geplündert wurde: des ferneren die Tragödie von Pinsk (L stauen), das von den Polen besetzt ist, deren Schrecken alles Bisherige ubersteigt — eine friedliche Beratung von 70 jüdischen Bürgern, die der Regelung der Verteilung der Hilfsmittel galt, die von Amerika geschickt wurden, -um ein dem Tod des Verhungerns geweihtes Volk zir retten, wurde von einer Abteilung polnischer Soldaten unter dem Kommando der militärischen Vorgesetzten überfallen, die Len Befehl zur Abführung der Anwesenden nach einem öffentlichen Platz gaben, wo jede zweite Person grundlos und ohne jedes Gerichtsverfahren an Ort und Stelle erschossen wurde -, ferner das; solche Gewalttätigkeiten und alle Arten von Plünderung. Raub un-d Mord nicht allein in der; erwähnten Orten, sondern auch in Lida, Wilna, Kielce, Jaroftcnv, Przemhsl, Tarnow und zahlreichen anderen Städte;;, Städtchen und Dörfern, zusammen mehr als 120, statt-gesunden .haben, und in Anbetracht dessen, das; solche Verfolgungen das Ergebnis einer organisier len Bewegung darstellen, die in Polen bereits seit sechs Jahren im Zeichen eines ,.Boykotts" entfaltet wird, der, durch die polnischen Führer offen begünstigt, mit unbeschreiblicher Verbitterung und Gehässigkeit geführt wurde und dessen Ziel die Verhinderung jeden Verkehrs und Handels nut den polnischen Inden war, um so die Vernichtung oder die Hiuau?drängung eines Volkes herbei- . zuführeu, das mit denn polnischen Volke nnt jeden; Bande eines acht Jahrhunderte langen Zusammenlebens verbunden war, von dem die Geschichte Polens Zeugnis ablegt, und das; alle diew Taten in erschreckende;;; Widerspruch nnt den; hohen Ideal des Präsidenten der Vereinigten Staaten Wilson und der alliierten Staatsmänner stehen, das die Befreiung der kleinen Völker von ihren Sklavenketten erstrebt, die ihr Schicksal unter demokratischer Ordnung selbst bestimmen sollen und für dessen Verwirklichung die Inden in allen verbündeten Heeren und auf allen Schlachtfeldern des großen Kriege? ihr Blut für Gerechtigkeit und Freiheit vergossen haben, und daß es nicht in Einklang mit Amerikas Begriff von Gerechtigkeit und Ehrenhaftigkeit zu bringen ist, daß das freie Polen, das von; indischen Volke nnt Sympathie begrüßt und entstanden ist ans dem Triumphe Amerikas und der Verbündeten in; Kriege, den Juden Polens jene fundamentalen Menschenrechte vorenthält, die Polen zur Wiedergeburt in Freiheit verholfen haben, unddas; Metzeleien, brutale Gewalttaten und Ausschreitungen aller Art auch in zahlreichen Städten, Flecken und Dörfern Rumäniens und der Ukraine vorgekonnuen sind, - beschließt hiermit die Massenversammlung von 15 000 Delegierten, die 1 500 000 Inden der Stadt New Pork vertreten, ihre Empörung gegen die obenerwähnten schaudervollen Grausamkeiten auszndrücken und die amerikanische Negierung zu ersuchen, ihren ganzen Einfluß aufzubieten, um ihnen ein Ende zu bereite;; und ihre Wiederholung in der Zukunft, unmöglich zu machen, ferner Schritte zu 'unternehmen, um die für diese Grausamkeiten Verantwortlichen zu bestrafen." Des weiteren wird beschlossen, Präsident Wilson und die Friedenskonferenz zu ersuchen. Maßnahnren zu ergreifen, um den jüdischen Bewohnern Pollens, Rumäniens und anderer europäischer Länder volle bürgerliche, religiöse und politische Rechte und solche Minderheitsrechte zu gewährleisten, die andere nationale Gruppen in diesen Ländern besitzen. Ferner wird beschlossen, Abschriften dieser Resolution durch Vermittlung des Staatsdepartements dem Präsidenten Wilson und der amerikanischen Friedensdelegation und durch Vermittlung des Präsidenten des Senats und des Sprechers des Repräsentantenhauses dem Kongreß der Vereinigten Staaten zugehen zu lassen. Alle großen amerikanischen Tageszeitungen, wie „Globe", „Evening Post", „World",. „Times", „Sun", „Harald" usw., veröffentlichen über diese Protestkundgebung Leitartikel und ausführliche Berichte und schließen sich diesem Proteste rückhaltlos an. ' Den Haag, 15. Juni. K. f. d. O. iKrokellor tzr. hrrmsnn Oppenheim. Bon Dr. Hille-l. Nervenarzt (Berlint. ährend bei der Feier seines sechzigsten Geburtstages eine beneidenswerte körperliche und geistige Rüstigkeit zu der Hoffnung berechtigte, daß Professor- Oppenheim, dem Führer in der deutschen Wissenschaft für Nervenheilkunde, zum Segen der leidende« Menschheit und zur Förderung der Wissenschaft noch ein langes Leben beschieden sein werde, ereilt uns ganz unerwartet die Hiobsnachricht von seinem plötzlichen Tode. Nach kurzem Krankenlager ist er im 63. Lebensjahre an der Grippe verschieden. Das Leben dieses Mannes umfaßt eine wissenschaftliche Arbeit von solchem Umfange und so reichen Erfolgen, daß es schier unmöglich ist, im Rahmen eineö Nachrufes auch nur annähernd eine Schilderung derselben zu geben. Oppenheim war der Sohn jüdischer Eltern, die in bescheidenen Verhältnissen in einer westfälischen Kleinstadt lebten. Er widmete sich dem medizinischen Studium und wurde nach Absolvierung desselben schon frühzeitig Assistent des berühmten Forschers der Nervenheilkunde und hervorragenden Nervenarztes, des Professors Westphäl, des damaligen Leiters der Abteilung für Geistes- und Nervenkrankheiten der Eharit«. Die ersten Arbeiten, die in der Mitte der achtziger Jahre aus dieser Klinik von Oppenheim veröffentlicht wurden, lenkten bereits die Aufmerksamkeit der berufensten Fachgelehrten auf den jungen Forscher, dessen Name seitdem zu immer größerer Bedeutung für die Nervenheilkunde emporgestiegen ist. Es gibt kein Gebiet in dieser Spezialwissenschaft, das Oppenheim nicht durch seine Forschungen erweitert und befruchtet hat. Aus der Fülle der Verdienste möchte ich nur eins von allgemeinem Interesse hervorheben, daß es seinem intensiven Forschergeist in erster Reihe zu danken ist, wenn man durch chirurgische Eingriffe in die Zentralorgane des Gehirns und Rückenmarks Linderung und Heilung den bejammernswerten Kranken bringen kann, die sonst unter unsäglichen Onalen in einem langen Siechtum allmählich zugrunde gingen. Eine hochwichtige wissenschaftliche Leistung bedeutet sein Lehrbuch für Nervenkrankheiten, das in allen Kultnrstaaten für junge und alte Aerzte eine Ouelle der Belehrung über alle Ergebnisse der Neurologie ist und in dem sich jeder in zweiflhasten Fällen Rat und Aufschluß holen kann. Unter großen Hemmungen hat Oppenheim diese erstaunlichen Leistungen für die Wissenschaft und Menschheit sem