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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-07-04 · Heft 27 (4.7.1919) · p. Seite 295

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 27 (4.7.1919)
Date
1919-07-04
Page
Seite 295 (sequence 7)
Language
German
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295 Bedeuten, ungezählte Politische Demonstrationen und Präsidentenwahlkämpfe haben die Mauern dieser riesenhaften Hallen gesehen, jedoch nicht eine derartige Versammlung w:e die vom 21. Mm. Eine dichte Menschenwelle hatte von allen Räumlichkeiten der größten Halle New Ports Besitz ergriffen, buchstäblich von oben, bis unten, von den Wänden, den Plattformen, den Durchgängen. Polizeireglemente ttitb Anordnungen der Feuerwehr halfen nichts. Die Polizei gab die Zahl der im „Garden" anwesenden Menschen auf 16 000 an. Ein Rekord. Allein nicht bloß die Zahl machte dieses Protestmeeting unvergleichlich. Ein außergewöhnliches Bild bot die Zusammensetzung der Versammelten. Alte Juden mit langen Bärten, deren bloßer Anblick die Erinnerung an jene Heimatstädt'ckien wachrief, in denen jetzt das jüdische Blut fließt, junge Studenten, „High-iSchool-Bohs und -Girls", Arbeiter- Fabrikanten, Rabbiner und berufsmäßige Freidenker, Zionisten und ertreme Sozialisten, Juden aus der East-Side und namhafte „fahudische" Politiker, Offiziere, Veteranen des spanischen Krieges, Soldaten, Matrosen, Marineleute, Juden aller Länder und Orte — eine schreiend bunte Masse, durchdrungen von einem Gefühl und gekommen zu einem Zweck. Das Meeting selbst wurde um 8 Uhr abends durch den Vorsitzenden des „Komitees zum Schutze der Juden in Polen", Abraham Schomer, eröffnet. In einer kurzen Ansprache erläuterte er das Ziel der Veranstaltung und stellte Nathan Strauß als Ehrenvorsitzenden der Versammlung vor. In seiner kurzen, rhapsodischen Art führte darauf der greise Philantrop folgendes aus: *,Es ist schlimm, daß wir unsere natürlichsten Rechte erst fordern müssen. Wiederum erleben wir alles Furchtbare der Vergangenbeit. Das jüdische Volk hat alle seine Feinde überdauert. Allen Völkern, die die Juden verfolgten, war ein böses Schicksal befeleeden. und dasselbe wird auch Polens Schicksal sein, wenn es seine Iudenpolitik nicht ändert. Die Polen in Amerika suchen nach Vorwänden. Sie »vollen mit allerlei Mätzchen die S-^läcktereien rechtfertigen. Es werden keine Ausreden Helsen! Die Pogrome müssen unverzüglich aufbören!" Darauf übernimmt Ab^abam (?If n*. lchemalwer amerikanischer Botschafter in Konstantinovel. beit Vorsitz, der eine kurze, aber eindrucksvolle Ansprache hält: „Wir siüd hier heute zusammenaekommeu, nicht um zu verdammen, sondern nur um unsere Brüder zu betrauern, die in Polen ihr Leben verloren haben, und um zu fordern, daß eine baldige unparteiische Untersuchung eingeteitet wird über die Abschlachtuug jüdischer Männer, Frauen und Kinder und ihren Feuertod in den Shuagoaen und über die polnischen Iudeuverfolgunaen überhauvt. Wir sind hierher gekommen, um Protest gegen die Fortsetzung der Metzeleien zu erheben und der ganzen Welt mit lauter Stimme kundzutun, daß Amerika, das Land der Gleichheit alter, darauf bestehe, daß Gleichheit und Freiheit allen Unterdrückten gewährt wird. Polen bat seine Freiheit durch den großen Krieg gewonnen, der eben zu Ende gebt. Seine Freiheit wurde mit dem Blute der verbündeten Völker erkauft. Seine Juden haben dasselbe Leiden, dieselbe Pein und dieselben Dualen der Agonie durehgemacht, wie die Polen selbst. Sie fordern gleiche Rechte, das ist alles. Die Juden Amerikas haben auf den Schlachtfeldern Frankreichs und Belgiens großes Heldentum an den Tag gelegt. Gar Viele Opfer haben sie gebracht, damit der Krieg gewonnen werde: es ist daher ihr natürliches Recht, zrr fordern, daß den Millionen polnischer Juden Gerechtigkeit und gleiches Recht loird. Wir appellieren vor allem an unseren, großen Führer und Präsidenten Woodrow Wilson." Den stärksten Moment der Veranstaltung bildete unzweifelhaft die Rede des ehernaligen Richters des Hohen Gerichtes und Präsidentschaftskandidaten Charles F. Hughes, der als der Nachfolger Wilsons betrachtet wird. Seine laugen Ausführungen wurden von einem Sturm von Beifallskundgebungen häufig unterbrochen. Hughes sprach mit großer Schlürfe gegen Polen und die polnische Negierung und forderte die unverzügliche Einmischung Amerikas. „Ich kam hierher, um gemeinsam mit euch dem Zorn der ganzen amerikanischen Oeffentlichkeit Ausdruck zu geben über die polnischen Gewalttaten und um eine sofort einzuleitende unparteiische Untersuchung zu fordern. Was gegenwärtig in Polen vorgeht, ist ein Verrat an» unserer Aufgabe, für die wir fochten, und an der Kultur. Es ist dies nicht der Protest eurer Rasse, sondern aller Menschen ohne Unterschied der Rasse: ein Protest im Namen der Menschheit. Amerikas Pflicht ist es, nicht zu schweigen. Ich wollte anfangs den Berichten über! die Menschenschlächtereien keinen Glauben schenken, so schau-! derhaft klangen sie. Ich habe um Beglaubigungen ersucht, und! als ich das ganze Material vor Augen hatte, habe ich mich von der Wahrheit und Richtigkeit der Berichte überzeugen müssen. Ich trete daher auf und sage: Wenn es uns mit allen Reden über Freiheit und Demokratie, für die wir fechten, Ernst ist, und »nenn dies alles für uns irgendeine Bedeutung besitzt, dann möge Amerika sein Wort sprechen. Wir bekommen unaufhörlich Borivände und Ausreden zu hören. In Wahrheit gibt es gar keinen Vorwand, auch nicht den Schein eines solchen. . Ich begreife das natürliche Gefühl der Trauer und des Zornes. Es handelt sich nunmehr nicht um einzelne Völker und Rassen, sondern um die Freiheit und Demokratie selbst, die Grundlagen nuferer Zivilisation. Kein Gefühl der Achtung und Freundschaft hat Amerika für Völker übrig, die die Unfähigkeit für demokratische Setbstbestimlnung an den Tag legen. Bis ein solches Volk nicht die Neigung zur Demokratie, die Gesetz und Ordnung ist, knndgibt, kann Amerika nichts Gemeinsames mit ihm Haben. Das natürliche Kennzeichen der Undemokratiesied Bedrückungen und Verfolgungen fremder Rassen, und dies geschieht setzt in Polen. Tie Inden Amerikas kämpften nicht für Unklarheiten-, sondern für ganz bestimmte amerikanische Formen der Freiheit und Demokratie. Mitnichten könnt ihr eine Gewalttat in Polen gewähren lassen, ohne dabei Risiko zu laufen, daß das gleiche in New Port geschieht. Ich bin gegen jede Gewalttätigkeit, weil das von Demokratie der Gegensatz ist. Amerika bedarf in diesem Moment der Bewährung und Rechtfertigung und müsse der Welt beweisen, daß sein Kriegsideal verwirklicht wird, und das ist die demokratische Regierung, die ans Gesetz und Ordnung aufgebant ist." Außer diesem Redner sprachen noch der Philantrop Jakob Schiff („Ich ersuche die amerikanische Regierung, unverzüglich einzngreifen und alles daranzusetzen, daß Polen nicht früher in die Liga der Nationen ausgenommen wird, bevor es nicht den gleichen Rechtsschutz für Inden und Nichtjnden in Zukunft geivährleistet!"), Rabbiner Stephen, W i s e , der Bürgermeister von New Pork Hhlan, der den Protest der christlichen Bevölkerung zum Ausdruck brachte, ferner der „Bnnd"-Führer Wladek, dessen Wortes „Wir haben Torgnemada überstanden, wir werden auch Paderewski überstehen!" stürmischen Beifall fanden. Zahlreiche Protesttelegramme hervorragender Amerikaner, darunter des Schwiegersohnes des Präsidenten Wilson Nie. Adoo, gelangten zur Verlesung. Die Ent s ch ließ n n g. Die Protestkundgebung nahm darauf folgende Entschließung einstimmig an, deren Wortlaut wir eben erhalten:

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