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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-07-04 · Heft 27 (4.7.1919) · p. Seite 294

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 27 (4.7.1919)
Date
1919-07-04
Page
Seite 294 (sequence 6)
Language
German
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294 Frankreich hingeschickt hat, ab. Die jüdische Propaganda wird inzwischen unterirdisch geführt, sei aber sehr aktiv. Man glaubt, das; dem Zionismus für die Entwicklung des Landes ein Kapital von 40 000 000 Psd. Sterl. zur Verfügung steht. Der Offizier behauptet weiter, daß, falls England und Frankreich die Zionisten nach Palästina hineinlassen werden, ein neues Irland, und zwar ein noch schlimmeres, in Palästina, wo die Anhänglichkeit an England zu schwinden beginnt, entstehen werde. Es ist dies gewiß ein imperialistischer Irrtum, denn Palästina beschützt den englischen Flügel beim Suezkanal. Es seien dort auch große kommerzielle Möglichkeiten. Hundert Leute wohnen dort auf einer Ouadratmeile, und unbesetztes Land ist nicht vorhanden. Wenn man also in Palästina Polin sche Inden an-siedeln Null, kann man dies nur durch Landankanf oder durch einen Akt ungerechter Expropriierung tun. Was wird in beiden Fällen mit den eingeborenen Einwohnern geschehen, falls ein großer Teil der Bevölkerung von den neuen Einwanderern verdrängt werden wird? * Ans Washington wird gemeldet: Der amerikanische Senat hat, wie bereits erwähnt, einstimmig eine Resolution aegeu die Judenpogrome angenommen itnb Präsident Wilson ausgefordert, Schritte zu erareifen, um diesen Metzeleien ein Ende zu bereiten. Die Resolution, die vom Nerv Norker Senator Eolor eingebracht wurde, lautet: Es sei beschlossen, daß das Staatsdepartement hiermit aufgefordert wird, dem Präsidenten der Vereinigten Staaten zu berichten und ibn ul ersuchen, er mvae mit den Vertretern an der Friedenskonferenz derjeniaen Länder, wo Pogrome unb Metzeleien Vorkommen, konferieren und ihnen berieb'ten, daß der Senat und das Volk von Amerika sehr tief die Gewalttaten und Metzeleien bedauern, die an Männern, Frauen und Kindern ihrer Religion wegen begangen worden sind. * Der Jude als Botschafter. Im Verlause einer Ansprache an die Juden bei einem Einwanae m Ebren des Earl of Reading saate Dr. Stephen S. W i s e, Rabbiner der Freien Synagoae: Dürfen Nur nicht glauben, das; Lord Reading, indem er sich der Aufgabe als Botschafter und Vermittler Uvischeu zwei englisch sprechenden (Gemeinschaften zuwendet, durch den Umstand begünstigt wurde, daß er von einem vermittelnden Volke abstammt, einem Volke, das fest in Ehrfurcht da steht und zugleich Achtung für das Wesen aller anderen Völker zeigt? Dieser Fähigkeit des Inden für Mittlerdienst darf es zugeschrieben werden, daß die zwei vornehmsten Inden in den englisch sprechenden Ländern Mitglieder der höchsten Berichte ihrer Ration sind, jeder ein großer Jurist und ieder Diener feines Landes. Bei dieser Gelegenheit fei erwähnt, das; bei einer unlängst in Amerika abgehaltenen Massenversammlung Lord Reading (Isaae Rnfns) als der größte Jude der Jetztzeit bezeichnet worden ist. Amerikas Orstett gegen die Pogrome. eleh gewaltigen Widerhall die blutigen Ereignisse in Polen in Amerika gefunden haben, geht mit Klarheit ans den Berichten hervor, die hier eben erst aus New Bork enckreffen. Die Trauerdemonstration vom 21. Mai, an der .">00 000 Personen teil nah men, gestaltete sich zur mächtigsten und erschütterndsten Volkskundgebung, die Amerikas Hauptstadt je gesehen. Tie amerikanische Presse selbst bezeichnet diese Veranstaltung als die „größte Demonstration der Geschichte". Das jüdische Volk von New Dork hat sein Wort gesagt. Mit hinreißender Kraft, mit flammendem Protest hat das jüdische Volk New Borts am 21. Mai seinem brennenden Schmerz, seinen: tiefen Weh über das vergossene jüdische Blut Ausdruck gegeben und seiner Forderung, daß den unmenschlichen Mordtaten, den U'nigerechten Verfolgungen und Bedrückungen, gerichtet gegen die wehrlosen! Inden Polens, Litauens, Galiziens, der Ukraine und Rumäniens, ein Ende gemacht wird. Diese Kundgebung hat die gesamte öffentliche Meinung Amerikas von Grund aus aufgewühlt. Die englische Presse des Landes mußte dem Ereignis vom 21. Mai die größte Aufmerksamkeit widmen und so der ganzen Welt Kenntnis von den grauenhaften Tatsachen der polnischen Judenpogrome geben. „Polen, gebiete den. Schlächtereien Halt!" lautete eine Aufschrift auf einem der Plakate im riesenhaften „Madison- Sgnare-Garden". „Polen, genug des Blutes!" widerhallte es im ganzen jüdischen. New Bork, pflanzte sich nach dem prangenden Broadway fort und verhallte in den dichtbevölkerten Teilen der Hauptstadt Amerikas. Ein unklares Gefühl hatte sich der Hunderttausende von Männern und Frauen 'bemächtigt, die die gewohnte Beschäftigung ließen und auf die Straße zogen!. Schmerz und Zorn«, Trauer und Protest, Weh und Warnung ballten sich gleich einem unentwirrbaren Knäuel in allen Köpfen und Herzen. Es bedrückte alle das Bewußtsein der Ohnmacht, die physische Unmöglichkeit, unmittelbar, mit aller Kraft, einzngreifen und dem Blutbad Halt zu gebieten. Man fühlte aber eine riesenhafte, stumme Kraft, die sich ihrer unwiderstehlichen, unsichtbaren Gewalt bewußt ist und sich anheischig macht, sie in den Kamps für die Sache des jüdischen Volkes zu werfen. Es genügte ein Blick auf die Tausende und aber Tausende junger Juden in Uniformen, um dessen gewiß zu sei'N!, das; es hier an Kraft zum Protest und zur Warnung nicht gebricht. Hnnderttansende jüdischer Arbeiter verließen die „Shops", um ihre Empörung über die Häupter der Mörder des Volkes auszugießw. Ladeninhaber, Geschäftsleute und sonstige „Bnsineß"-Beflissene schlossen ihre Geschäfte zum Zeichen des Protestes. Tausend junger Juden warfen sich wieder in die Uniformen und marschierten stundenlang durch die Straßen, mit zu fordern, daß die Freiheit und Gerechtigkeit, für die sie mit einem mächtigen Gegner gefochten haben, auch ihren Brüdern und Schwestern im Osten« Europas wird. Erschütternd waren die schioarzen Aufschriften, die auf den von diese:: jüdischen Kämpfern über die fünfte Avenue, der „Avenue des Sieges", getragenen Tafeln prangten: „Polen, wir gaben dir Freiheit — und du vergeltest uns mit Pogromen!" „200 000 von den Unserigen haben gekämpft, 10 000 sielen im Kampfe für Freiheit!" - „Wenn die Friedenskonferenz das Leben unserer Brüder nicht sicherstellen kann - laßt uns marschieren, — wir tun es!" ~~ Und hinter diesen Aufschriften zog, vielfach auf Händen und Schultern getragen, ein Heer von Kriegskrüppeln und Verwundeten, bei deren Anblick die hunderttausendköpfige Masse in markerschütternden Aufschrei nusbrach. Weder Regen noch ungünstiges Wetter, noch die strengen polizeilichen Maßnahmen vermochten die Menschenflut zum Stehen zu bringen, die ununterbrochen nach dem Platze strömte, der zum Mittelpunkt des Protestes ausersehen war —- nach dem Madison-Sqnare. Ein Gedränge, ein Menschengewühl, wie ihn auch die große Stadt nicht allzuoft sieht. Und eine Stimmung gleich einen: brausenden Orkan. Seinen« Höhepunkt erreichte der Tag des Protestes und der Trauer in dem Massenmeeting in dem „Madison-Square- Garden". Gar zahlreiche Zusammenkünfte von historischen:

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