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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-07-04 · Heft 27 (4.7.1919) · p. Seite 292

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 27 (4.7.1919)
Date
1919-07-04
Page
Seite 292 (sequence 4)
Language
German
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M2 oaft auf den Trümmern der herabgewürdigten Republik recht bald das alte monarchische Regiment sein Haupt erhebe! So könnten sie ihren Plänen mit einem Schlage in mehr als einer Richtung dienen: d i e I u d e n n i e d e r k n tt t t e l n, die Republik in Verruf bringen, der Reaktion in den Steigbügel helfen! Kein verständiger, kein anständiger Arbeiter wird aus diesen Leim kriechen. Was über den Antisemitismus zu sagen ist, hat August Bebel auf dem Kölner Parteitag gesagt: „Die A usbeutung der AL e n s ch e n durch de u M enschen i st keine speziell jüdische, sondern eine der bürgerlichen Gesellschaft eigentümliche Erwerbssorm, die erst mit dem Untergang der bürgerlichen Gesellschaft endigt . . Das Flugblatt schließt mit der wirkungsvollen Aufforderung: „Parteigenossen! Arbeiter! Wir leben in einer Zeit, in der noch schärfer als sonst und als jemals vor Unbesonnenheiten g e w a r n t w erde n m u ß. Und vor antisemitischen P r o v o k a t e u r e n! Laßt euch nicht provozieren!" Unterzeichnet haben das Flugblatt die folgenden mehrheitssozialistischen Führer und Führerinnen: Otto Braun, Preußischer Minister für Landwirtschaft, Domänen und Forsten. Klara B o h m - S ch u ch , M. d. N. Gugen E r n st , M. d. dl. E. A. Heil m a nn (Hamburg), M. d. R. Marie I n ch a c z , M. d. N. W. Keil, M. d. N. und der Württ. Landesvers. Franz Krüger, M. d. R. Paul Lobe (Breslau), M. d. N. und Stadtverordneter. H. Nl o il k e u b lt h r (Berlin - Schöneberg). Hermann Nt ü l l e r , Reichs-Minister. Elisabeth R ö h l (Köln), M. d. R. G. S ch ö p f l i n , Nt. d. N. Karl S i n d e r m a n n (Dresden), M. d. Sächs. Volkskammer. T. S t ü ck l e n , Nt. d. N. Otto Wels, M. d. N. Rud. Wiss-ell, Reichsminister. — Nt an hat es jedenfalls mit aiifrichtiger Freude zu begrüßen, daß diese hervorragenden Parteiführer der Mehrheitssozialisten sich mit den oben wiedergegebenen dringlichen Mahnungen an die weitesten Schichten der deutschen Arbeiterschaft gewandt haben, um diese vordem Gift der antisemitischen Verhetzung zu warnen. Besondere Beachtung findet auch außerhalb der Arbeiterkreise noch die Aufforderung des Flugblattes, überall da, wo solche Lügenm ä r ch e n verbreitet werden wie dasjenige, daß B l e i ch r ö d e r zwei Nt i l l i o n e n M ark a n d i e S p a r t a c i st e n gezahlt habe, V e w e i s e z n v e rlange n. In dieser Hinsicht ivird zur Abwehr derartiger schamloser Lugen uitö Verleuiiidiingen, die immer und iniiner wieder erhoben werden, viel zil wenig getan. Wo man also, namentlich in der Lokalpresse, solchen aus den antisemitischen Flugblättern stammenden lügnerischen Behauptungen begegnet, verlange man sofort Beweise dafür, und wenn diese mcht erbracht werden -- sie können natürlich nicht erbracht werden! - nagele man sie sofort in Entgegnungen, die man in anderen Blättern veröffentlicht, oder in Gegenflugblättern als Verleumdungen fest. Es mutz unbedingt mehr als bisher die Tagespresse und insbesondere die Lokalpresse dafür in Anspruch genommen werden, um dem Rattenkönig von antisemitischen Lügen und Verleumdungen, die namentlich in den letzten Monaten unser öffentliches Leben verpesten, auf das wirksamste entgegentreten zn können. Das hierfür erforderliche Material stellen der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischeil Glaubens sowie der Verein zur Abwehr des Antisemitismus jedem gern zur Verfügung. Von ganz besonderer Wichtigkeit ist aber noch die in dem vorliegenden Flugblatte erhobene Frage nach den Geldgebern f ü r dies e anti s e miti s ch e S ch m u tz - u n b P o g r o m p r o P a - g a n d a. Schon vor mehr als Jahresfrist wurde, als der durch die Affäre des ehemaligen amerikanischen Botschafters in Berlin, Gerard, unrühmlich bekanntgeivordene „Organisator" Wilhelm Marten eine umfangreiche antisemitische Flugblnttprvpaganda in Szene gesetzt und unter anderem den sogenannten „A r b e i t e r s ch u tz b n n d" begründet hatte — dessen Organ, die „A r b e i t e r s ch u tz z e i t u n g", die wütesten und gemeinsten Schmähungen gegen die Juden enthielt und wodurch in allererster Lime der Zweck verfolgt wurde, in Arbeiterkreisen eine heftige antisemitische Bewegung zu entfesseln öffentlich die Frage erhoben, wer dem gänzlich vermögenslosen Manne die keineswegs unbeträchtlichen Mittel an die Hand gegeben hat, um seine zahlreichen antisemitischen Flugblätter zu verbreiten und seine sonstige sehr umfangreiche Propaganda zu betreiben. In einer damals gegen Marten vor dem Berliner Schöffengericht geführten Verhandlung hatte dieser selbst angegeben, daß die Herausgabe seiner „Arbeiterschutzzeitung" ihm bis dahin einen Kostenaufwand omt 80 000 Di-arf verursacht und daß er sich diese Summe auf Schuldschein geliehen habe. Da er bereits früher sehr enge Beziehungen zu s ch w e r i n d u st r i e l l e n Kreisen unterhalten hatte, so besteht doch wohl nicht der geringste Zweifel darüber, daß diejenigen reaktionären und alldeutsch gesinnten schwerindustriellen Kreise, die die ungeheuren Mittel für die Kriegshetze aufgebracht hatten, nunmehr die großen finanziellen Mittel zur Entfachung der antisemitischen Propaganda unter den Arbeitern hergegeben hatten, um auf diesem Wege ihre reaktionären und volksfeindlichen Ziele zu fördern. Leider fand die Frage, nach den Geldgebern des Marten für die von ihm betriebene antisemitische Propaganda zn forschen, seitens der damaligen Negierung und der Polizei nicht diejenige Beachtung, die sie in Anbetracht des überaus gemeingefährlichen Charakters dieser Agitation zu beanspruchen hatte. Diese Frage muß jetzt, wo sich die antisemitischen Flugblätter häufen und wo die offenbar mit alldeutschen und schwer industriellen Geldern gespeiste Pogrompropaganda immer bedenklicher wird und immer gefährlichere Formen annimmt, um so dringender erhoben werden. Ein großer Teil der Unterzeichner des in Rede stehenden sozialdemokratischen Flugblattes befindet sich in sehr e i n f l n tz r e i ch e n a mtliche n Stellungen; so finden wir allster drei Ministern unter ihnen allch den gegenwärtigen Berliner Polizeipräsidenten Eugen Ernst. Alan kann daher nur dringend wünschen, daß die betreffenden Herren es sich angelegen sein lassen werden, in ihren amtlichen Stellungen mit allen Kräften dahin zu wirken, daß die Geldgeber und alle übrigen Hintermänner der genleingefährlichen antisemitischen Agitation ermittelt werden. * Aus Budapest wird uns unter fcem 22. Juni gemeldet: Folgendes Flugblatt wurde anscheinend seitens der Gegenrevolutionäre verteilt: „Wir stehen unter jüdischer Herrschaft. o0 jüdische Volkskommissare haben das Nationalvermögen in die Taschen gesteckt und lügen uns vor, daß sie uns damit beglücken. Sie erheben die Eigenschaft ihrer Rasse zum Gesetz, nämlich den Betrug und die Jmmoralität. Ein ehrlicher Ungar kann an der Verwaltung des Landes gar nicht mehr teunehmen. Aus dem Schlachtfelde fließt niur ungarisches Blut. Der feige Jude kämpft nicht, sondern läßt bloß sein Mundwert laufen. Während die Judenbande von Volkskommisfären in Wohlleben schwelgt und champagnisiert, hllugern wir und lassen uns von der Schwindelregierung den Ni und mit schlechtem Papiergeld stopfen. Szamuely hat -in Eisenbahnarbeiter, welche vor Hunger und Elend revoltierten, erschießen lassen. Das darf nicht ungeahndet bleiben. Wenn das andauert, müssen wir alle zugrunde gehen oder vom eigenen Lande ausivandern, von diesem Land, welches den von alten Ländern vertriebenen vaterlandslosen, nichtswürdigen Inden ein Asyl gegeben hat. Ungarische Arbeiter, wie lange noch wollt ihr das jüdische Joch tragen?" Die Behauptung bezüglich Szamuelys ist ebenso unwahr als die Angaben über das Leben der jüdischen Volkskommissare, deren puritanischer Charakter selbst von erbitterten Gegnern gewürdigt wird. * Die Juden unter rumänischer Herrschaft. Wir haben bereits mehrfach an einer Reihe von Einzelsäüen bewiesen, wie wenig von einer Besserung der Lage der rumänischen Juden die Rede sein kann. Das gilt nicht nur für das eigentliche Rumänien, sondern ebenso für alle diejenigen Gebiete, die durch die Entwicklung der allgemeinen Ereignisse unter rumänische Herrschaft gekommen sind, vor allem für Beßarabien, über das unser französisches Bruderblatt, der „Penple Juif", einen Brief veröffentlicht, der die politische Situation als absolut trostlos schildert. Der Handel, an dem die Juden einen großen Anteil hatten, liegt vollständig danieder. Die Beziehungen mit den großen russischen Zentren sind unterbrochen, die reichen und schönen Städte sind in arme Dörfer verwandelt, die Lebensmittel sind unerschwinglich teuer. Von der angeblichen Autonomie der beßarabischen Verwaltung ist

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