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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-07-04 · Heft 27 (4.7.1919) · p. Seite 291

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 27 (4.7.1919)
Date
1919-07-04
Page
Seite 291 (sequence 3)
Language
German
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wart-igen Krieg sura-ßnahnnn einschließlich der Blockade werden daher mährend der Zwischenzeit zwischen der Unterzeichnung und der R^atifikation in Kraft bleiben. Wir erhalten folgende Anschrift: Mr. Israel Zarrgknll und der Frieden. Mr. Israel Zangwill, der wohlbekannte englisch-jüdische Autor, der schon am Anfang des Krieges seine Stimme gegen den Völkerwahnsinn erhob, setzt seine Bemühungen um den Weltfrieden unermüdlich fort. Einer Rede, die er im Pavillon- Theater zu London hielt, entnehmen -wir folgendes: Wir Juden, deren nationaler Gruß „Scholaum" (Frieden!) ist, können nur unser Haupt verhüllen, wenn wir sehen, daß die größten Vertreter der Christenheit die einzige Gelegenheit vorübergehen ließen, um in der Welt Scholaum zu machen. Nachdem der Friede von dem erschöpften Feinde angeboren war, haben sie die Politik des „Knock-out-blow" fortgesetzt, und der Hunger, die Pest, das Gemetzel und die Anarchie nehmen ihren Fortgang und Dimensionen an, die in den dunkelsten Zeiten der Menschheitsgeschichte unbekannt waren. War es wirklich nötig, im fünften' Jahre des Krieges und nach geschlossenem Waffenstillstand die Blockade gegen Deutschland sortzusetzen und Millionen von Männern, Frauen und Kindern, von Freunden wie Feinden, zum Hungertode zu verurteilen? War es wirklich notwendig, daß die unglücklichen Armenier bis zum Kannibalismus getrieben wurden, nein, schlimmerer: Handlungen, da sie, wie der „Tin:es"-Korrespondent vor zehn Tagen meldete, Leichen wieder ausgegraben haben, um aus ihnen sich Fleischstücke zur Nahrung herauszuschneiden?... Aber schließlich hofften wir doch noch, daß nach sechs schrecklich langsamen Monaten endlich der Friedensvertrag fertig geworden sei; schließlich berichigten wir uns doch noch mit dem Gedanken, daß dieser Friede der wirkliche, von Präsident Wilson versprochene Friede der vierzehn Pltnkte — minus des einen, den die Alliierten ablehnten — sein würde. Aber nein: die wirklich der Welt verkündeten Friedensparagraphen sind nur die Drachenzähne, die in Europa die Saat für künftige Kriege ausstreuen werden. Und nur müssen jetzt gestehen, daß selbst ein so großer Mann wie Präsident WÄson seine Feinde nur in eine Friedensfalle (peace-trap) gelockt und seine eigenen vierzehn Punkte als einen „Fetzen Papier" behandelt hat. Wahrlich: es ist Zeit, daß das Volk Jesmas ausstehe und seine mahnenden Worte über die Erde erschallen lasse: vielleicht ist unsere Rasse durch die Jahrtausende nur ausgespart worden für diese heilige Sendung! Eine Liga der Weltfreundschaft, deren Vizepräsident ich geworden bin, hat sich gebildet. Wir wollen zielbewußt darauf hinarbeiten, daß der Krieg nicht nach Unterzeichnung des Friedens fortgeführt werde und daß die Hände der Völker sich wieder in Freundschaft ineinander finden. Der Jude, der mit ihnen allen lebt und der genau weiß, daß sie alle nur das Gute wollen, ist der geeignetste Mittelsmann für diese notwendige heilige Mission! O. L. * Zu dem Thema „Der Antisemitismus im Reiche" schreibt die „Schlesische Volkszeitung" in längerer Ausführung: Mit äußerlich unauffälliger, aber zäher und umfassender Agitation wird gegenwärtig an der Wi,ederbelebung der jndenfeindlichen Bewegung der 80er Jahre und gleichzeitig der Schaffung einer einheitlichen antis-erm,tischen Partei, von Berlin aus gearbeitet. Zu Tausenden und aber Tausenden gehen antisemitische Flugblätter und Schriften ins Reich hinaus, die vor allem unter Hinweis auf die starke Beteiligung des jüdischen Elements an den letzten Unruhen in Berlinsund München zum Zusammenschluß der national denkenden Kreise anfsorderu. Allem Anschein arbeiten die früher in zahllose kleine Parteigruppen gespaltenen Antisemiten jetzt nach einen: geureinsamen wohldnrchdachten Plaue. . Selbst der ihnen am nächsten stehenden Dentschnationalen Bolkspartei' wird eine Sezession urigedroht, falls sie nicht auf dem bevo^r stehenden Berliner Hauptvorstaudstage die hunpitsächlichsten antisemitischen Forderungen in ihr Programm aufnehmen sollte, und ebenso werden die hervorragendsten Mitglieder der Deutschen Bolkspartei. mit Zuschriften aller Art bombardiert. Diese Haber: neben der Form von Flugblättern auch die von Zeitungstorresporrdellzeu äugen oum:en, die unter den: Titel „Telefunken„Alljirdische Kvrrespondenz", „Mi'rnchener Beitväge" nsw. ansgegeben werden. Auch in Arbeiter kreisen hat diese Agitation eingesetzt; für die Arbeiterflugb lütter kommt München als Drnckort in Frage. Bezeichnend ist, daß auch hier zunächst eine entschiedene Einwirkung auf die eigene Parteileitung verlangt wird, ehe man für die neue Partei Stimmung machen soll. * Sozialdemokratische Führer gegen die antisemitische Hetzpropaganda. Eine Anzahl der h e r v o r r a g e n d st e n m e h r h e itss o z i a l i st i s ch e u F ii h rer u n d F ü h r e r i u n c n hat soeben ein F l u g b l a t t herausgegeben, in dem ans die in Verletzten Zeit in großer: Mafien überall verbreiteten antise m i - tischen Flugblätter hingewiesen wird, in denen sogar jetzt offen zn Judenpogr o m e n ansgesordert wird. Das sozialdemokratische Gegenslngblatt verurteilt aufs schärfste bi oje Agitation, die daraus hinzielt, „daß auch in Deutschland jene scheußlichen Al erde, feigen Metzeleien, Räubereien, Brandstiftungen ins Werk gesetzt werden, durch die das alte Rußland, das junge Polen und Rumänien sich und die menschliche Kultur mit Schimpf und Schande befleckt haben". „D i e s e H e tz e e u t s p r r n g t", wie das Flugblatt zutreffend weiter anssührt, „derselben Quelle, der die K r i e g s - Hetze e n t s P r a n g , für die jetzt 60 Millionen unschuldige Deutsche büßen sollen. Und diese Quelle heißt: R e a k t i o n! Die Antisemiten wollen das Rad der Geschichte nicht vorwärts, sondern r ü ck w ä r t s drehen! Das merken wir, wenn die Pogromfreunde mit ihren Blättern die Arbeiter deshalb gegen die Juden a n s - z n h e tz e n versuch e n, weil diese die R e v o l u t i o n „g e - macht" haben sollen! ... Es ist kein Rassenkampf, den wir führen, sondern ein K lass e n k a m P f. Jeder Sozialdemokrat — ov Jude, Christ, Mohammedaner oder Atheist — bekämpft den internationalen Kapitalismus, ohne dabei Unterschiede zu machen zwischen den Kapitalisten der einen oder der anderen Konfession, zwischen Krupp oder Rothschild, Stinnes, Thyssen oder Mendelssohn. Ebenso wenig Unterschiede kennen w i r zwischen der Beurteilung von Drückebergern. Kriegsgewinnlern und -schiebern jüdischen oder christlichen Bekenntnisses. Wer den Ereignissen daheim und im Felde mit einiger Aufmerksamkeit gefolgt ist, der weiß ganz genau, daß auchin bezug, ans diese Dinge in gleicher Weise von Christen wie von Inden gesündigt worden ist, und der läßt sich nicht einreden, wie die antisemitischen Blätter es zu tun versuchen, daß es mir jüdische Drückeberger, Schieber, Kriegsspekulanten gegeben habe." Dann wendet sich das Flugblatt im besonderen gegen die von dee antisemitischen Propaganda verbreiteten lügnerischen Behauptungen, wie die: „B l e i ch r ö d e r hätte zwei M i l l i v n e n Ai a r t a u d i e S p a r t a c i st e n g e z a h l t", und es fordert ans, f ü r solche und ü h n l i ch e E r z ä h l u n gen die Beweis e z n verlangen. Als besonders auffällig wird es sodann bezeichnet, daß die A n t i s e m i t e n s ü r i h r e g e m e i n g e f ü h r l i ch e Pogromhetze Geld in n n b c s ch r ä n k t e r Ate n g e z n r B erfügung habe n, und es wird im Anschluß daran ansgeführt: „W o h e r m n g das Keld stau: m cn? Der B c r - dacht i st n i ch t vor: der Hand z il weifen, daß dieser reiche Strom a u s a l l d e it tschen n n d s ch w e r -- i u d u ft r t c 11 c n Quellen fließt, also von den gefahrl i ch st e n nationalen Kriegshetzern, den habgierigsten u n b e r fv l g r e i ch st e n aller K r i e g s - g e w i n n l e r st a m m t." Ueber die Zwecke n rt b Ziele der antisemitischen P v g r v m Propaganda legt hierauf das sozialdernokratische Flugblatt vom Standpunkt der Unterzeichner folgendes dar: „Die rn o n a v ch t s ch c n D r a h tzie h e r , die s i ch i' nt H inter - g r u n d halten und das P o g r v m g e l d mit vollen H ä n d e n h e r g e b e n , w o l len, daß die N e v o l n t i o n sich nn Inland wie im Ausland mit Schimpf und Schande bedecke und

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