Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 27 (4.7.1919)
- Date
- 1919-07-04
- Page
- Seite 290 (sequence 2)
- Language
- German
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290 mindesten bei offiziellen (Gelegenheiten wird er -das doch tun sollen. Er steht in dieser Beziehung ganz anders da als die Gemcindemitglieder. Es ist ein anderes, ob man mit der Masse sich einen: politischen Zwang fügt und in Formen lebt, die den bisher gewohnten entgegengesetzt sind, und wieder ein anderes, ob man, an leitender Stelle stehend, sich dazu verstehen soll, in einer seelischen Umschichtung führend zu sein. Dazu kommt aber nun noch ein weiteres: auch in jüdischer Beziehung wird sich die Struftxtr der Gemeinden ändern. Bisher lag an der deiltsch-polnischcn Grenze die Grenze zwischen Ostimb Westjudeu. Tie Ostmarken fallen von nun an in den Bereich der Ostjuden. Sie lverden binnen kurzem dilrch Abwanderung der bisherigen Mitglieder und Zuwanderung aus Kongrestpolen und Galizien ein vollständig verändertes Aussehen haben. Nun weiß aber jeder Eingeweihte, mit wel-. eher irnverhohlenen Geringschätzung itn£> Mißachtung der Ostjude auf den deutschen studierten Rabbiner hinschaute. Er sah und sieht ihn nicht für voll an. Seine Gymnasial- und Universitätsbildullg ist ihm nicht eine Erhöhung, sondern eine Abschwächung seines jüdischen Wissens. Und diese Stellungnahme ist nicht etwa nur den: nichtorthodoren Rabbiner gegenüber, sondern allch gegenüber dem orthodoren: auch dieser ist ihm in gleicher Weise ungnalifiziert zum Rabbiner, er anerkennt ja vorläufig nur einen Typ, den des alten Iesthnvah- Rabbis. Ein deutscher Rabbiner ist ihn: ein Prediger, ein schöner Redner, ein Religionslehrer, aber ein Rabbiner in des Wortes voller Bedeutung nie. Und wenn nun noch gar die Ehasstdinr in die alten, bisher deutschen Gemeinden einwandern mit ihren Sondertonverltikeln und ihren Zaddikim! So wird dem Rabbiner, auch wenn er bleibt, der Boden unter den Füßen fortgezogen sein; die Boranssetzungen seines Wirkens werden schwinden, er lvird, wenn er ein ehrlicher Mensch ist, sich gar nicht seelisch umschalten können. Eine ganz andere Auffassung vorn Religiösen lvird in den Geineinden Platz greisen, der Rabbiner lvird einer anderen Entlvickelungsstufe angehören, 31t der die Gemeinden noch nicht vorgedrungen sein werden, er lvird in häßliche, längst bei uns zur Legende gewordene Kämpfe verwickelt lverden, kurz, er lvird gar nicht sein Amt ansüben k ö n n e n. Hier nun beginnt eine Ehrenpflicht der deutschen Synagogcngemeinden. Tie Regierung, an die man vielleicht in erster Reihe denken rnöchte, wird sich um die Rabbiner nicht kümmern, sie hat ja auch nach der Lage der Gesetzgebung keinerlei Beziehung 31t ihnen und also auch kein-e sachliche Berpflichtnng. Alles ruht hier auf den Schultern der Gemeillden. T i e dürfen es nicht dulden, daß Kräfte verkümmern, die bisher dem deutschen Judentum angehörten, an leitender Stelle, gedanklich und organisatorisch, es befruchteten, nur innerhalb des deutschen Judentums denkbar und in ihm unauflöslich verwurzelt find. Sie dürfen es nicht dulden im Interesse der Betreffenden selbst und im Interesse des deutschen Judentums, das nicht so reich an Köpfen ist, daß es so viele entbehren kann, deren wissenschaftliche und rabbinische Leistung bisher dem deutschen Judentum zugute kam. Ten großen Gemeinden, m denen der oder die Rabbiner ohnedies über die Grenze der Leistungsfähigkeit überlastet sind, muß es als Pflicht erscheinen, soviel sie irgend können, aufznnohmen und einzustellen. Das wäre ihre jüdische und ihre deutsche Pflicht. Und wo sonst in den nächsten Jahren Rabbinate frei lverden, müßte es den leitenden Stellen ein Selbstverständliches fein, zunächst danach zu fragen, ob nicht einer der Ostmarken-R'abbiner, die von der polnischen Herrschaft und aus den sich polonisierenden Gemeinden fortwollen, besonders geeignet ist, und diese vorzugsweise in Betracht zu ziehen. Nicht auf Alter und dergleichen dürfte da gesehen werden, der Ostmarken-Rabbiner müßte, zum mindesten unter Gleichwertigen, glatt den Borzug haben. Wieder must man sagen, das ist der Gemeinden jüdische und deutsche Pflicht. Die Geineinden der Ostmarken selbst werden schon die Rabbiner finden, die den veränderten Verhältnissen entsprechen werden, deren Bildungsgang und innere seelische Haltung den gewandelten Bedürfnissen gemäß sein werden, die sich gerade mit Hinsicht ans sie vorbereiten werden, zum Teil - m Mähren, Ungarn, Tschechisch-Böhmen, Galizien bestehen ja seit langem ähnliche Verhältnisse - auf sie vorbereitet und zur Führung in diesen Landstrichen nun berufen sind. Aster den bisher in den Ostmarken amtierenden Rabbinern muß in jeder erdenklichen Weise der Weg nach Deutschland zurück gebahnt und geebnet werden. Das soeben Ausgeführte trifft natürlich auch auf die Lehrer zu, deren seelischer Notstand gleichfalls groß sein lvird, auch ihnen muß der Weg zum Wiederanschluß an Deutschland auf jede mögliche Weise erleichtert werden. Wenn zunächst nur vom Rabbiner die Rede war, so war das deshalb, weil er in besonders exponierter Stellung ist und lveil die vorauszusehende Veränderung in der Struktur der Gemeinde sein Wirken in besonderem Maße beeinflußt und beeinträchtigt. Unsere Verbände, der Deutsch-Israelitische Gemeindebund, der Verband der Deutschen Juden, müßten ausdrücklich die Gemeindeleitungen auf die Sachlage Hinweisen. Hier planvoll einzugreifen, ist eine Ehrenpflicht der Synagogengemeinden Deutschlands, der sie sich nicht entziehen können und dürfen. Bit Woche. B e r l i n, 30. Juni 1919. Der Frieden untrr?eichn?t. V e r f«111 e §, 28. Juni. (SB. T. B.) ie Zeremonie der U n ter zeich n ung im Spiegelsaal e zu Versailles begann heute n a ch m i ttag 3 Uhr. Nachdem sämtliche Delegierten der alliierten und assoziierten Mächte ihre Plätze eingenommen hatten, wurden die deutschen Delegierten in den Saal geleitet und zu den für sie bestimmten Plätzen geführt. Ter Vorsitzende der Friedenskonferenz E l e m e n e ea u erhob sich und erklärte, nachdem die Bedingungen der alliierten und assoziierten Mächte von den Deutschen angenommen seien, ersuche er die deutschen Bevollmächti-gten, das Friedensdokument zu unterzeichnen. Er hob hervor, die Unterzeichnung des Friedensvertrages bedeute, daß die Bedingungen in loyaler Weise eingehalten lverden müßten. Um 3 Uhr 12 Minuten' unterschrieben die Reichsminister Hermann Müller und Dr. Bell als erste den Friedensvertrag. Hierauf unterschrieben der Reihe nach die Delegierten! der alliierten und assoziierten Mächte. Kurz vor. 4 Uhr war der Akt beendet. El emen ce a u lh od die Sitzung mit der E r k I ä r u n g a u f, der Friede sei g e s ch l o s s e n. Er ersuchte die Delegierten < der alliierten und assoziierten Mächte zu warten, bis die deutschen Bevollmächtigten sich entfernt hätten. Die Militärmission werde die deutsche Delegation in das Hotel des Reservoirs zurückgeleiten. Die deutschen Bevollmächtigten verließen darauf als erste den Saal und begaben sich auf demselben Wege, auf dem sie gekommen waren, sofort in das Hotel des Reservoirs zurück. Die Blockade bleibt vorläufig noch bestehen. L o n d o n, 27. Juni. Reuter erfährt: Der Friedensvertrag wird vor Ablauf eines bestimmten Zeitraumes, wahrscheinlich drei bis vier Wochen, nicht in Wirksamkeit treten. Der Aufschub ist durch die Bestimmung verursacht, daß der Vertrag von den Parlamenten der einzelnen beteiligten Länder ratifiziert werden muß. Die gegen- '