Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 27 (4.7.1919)
- Date
- 1919-07-04
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229392-3229417--74988-3287470- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
63. Jahrgang. Nr. 27 Berlin, 4. Jul! 1919 eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 Hl. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Pbilippfon Vertag: Rudolf Mosse, Berlin. Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49/ zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Unhftlf * Ehverlpsl'icht der deutschen Shnagvgeng,emeinden. — Die Woche. — Amerikas Protest gegen die Progrome. — Professor Dr. Hermann Oppenheim. Von Dr. Hillel, Nervenarzt (Berlin). — Aus Schillers Leidenszeit. — Feui l l e ton: Benjamins Liebeslied. Roman von Samuel Meisels. — Literarische Mitteilungen. — Bücheveinkauf. — Sprechsaal. Der Gemeindevote (Beilage der „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Graudenz, Breslau, Dessau, Nürnberg, München, Hannover, Frankfurt a. M., Marburg, Wien'. Don Nah und Fern. Linr LhrenpMcht der deutschen Svnagvgengemrmdm. eutschlands Zusammenbruch führt nun zu dem teilweisen Verlust der Ostmarken. Von der Wandlung der Dinge werden die zahlreichen jüdischen Gemeinden dieser Gebiete, die bisher in ihrer Blüte und Rührigkeit eine besonders wichtige Rolle in der deutschen Judenheit spielten, aufs allerschwerste betroffen werden. Man kann heute schon mit ziemlicher Sicherheit Voraussagen, daß ein erheblicher Teil ihrer Mitglieder in kürzester Frist abwamdern wird. Wer nur irgend dazu in der Lage sein wird, wird so rasch als möglich nach Deutschland zurückzukehren suchen, um nur nicht unter polnischer Herrschaft zu leben; und das werden naturgemäß die kapitalkräftigen und die arbeitsfähigen, aufstrebenden Schichten sein. Von denen, die Zurückbleiben, sei es, daß sie nicht sofort sortkönnen, sei es, daß sie sich aus wirtschaftlichen Gründen von ihrem Wohnort, ihrem Fabrikbetrieb und ihrem Absatzgebiet nicht trennen wollen, wird ein großer Teil, selbst gegen ihren Willen, hinausgedrängt werden, denn die Polen werden bei ihrem ausgeprägten Chauvinismus und Antisemitismus sofort mit der Rationalisierung des Handels und aller Berufe einsetzen, werden die Waffe des wirtschaftlichen Boykotts wohl zu schwingen und rücksichtslos anzuwenden wissen, und die jüdischen Kaufleute, Anwälte, Aerzte, Fabrikanten werden wohl oder übel abwandern müssen. Selbst wenn die Freiheit der Religionsübung gewahrt sein wird, sogar nationale Autonomie gegeben wird, das wird niemand halten können, die wirtschaftliche Rot wird unsere blühenden Ostmarkengemeinden dezimieren. Eine schwere Not wird damit und überhaupt durch die ganze Wandlung der Dinge für einen Stand hereinbrechen: für die dort. amtierenden Rabbiner. Einige werden wohl sofort des Weges ziehen müssen. Sie haben sich, pflichtgemäß und dem inneren Triebe ihres Herzens folgend, so offenkundig und nachdrücklich für das Deutschtum eingesetzt, haben bei den öffentlichen Veranstaltungen für das Verbleiben der Ostmarken bei Deutschland so rückhaltlos für Deutschland Partei ergriffen, standen an so exponierter, für jedermann sichtbarer Stelle, daß sie wahrscheinlich mit zu denen gehören werden, die die Polen bei Uebernahme der Herrschaft alsbald, unbekümmert um Schntzparagraphen des Fricdensvertrages, „im Interesse der öffentlichen Sicherheit", wie sie sagen, des Landes verweisen werden. Aber selbst, wenn das nicht geschieht, wird vielen das Verbleiben in ihrem Amt kaum möglich sein. Nicht, daß sie leichtfertig den Posten verlassen, auf den sie gestellt sind, und ihre Gemeinde ihrein Schicksal überlassen; jeder fühlte gewiß die Pflicht auszuharren, solange es geht, aber es wird ihnen innerlich kaum möglich sein zu bleiben. Gar nicht zu reden davon, daß die Leistungsfähigkeit der Gemeinden infolge der Abwanderung der wohlhabenden Schichten rapid sinken wird, so daß Einkommens-Verhältnisse, Pensionsversprechen u. dgl. ins Wanken und Gleiten kommen. Mehr, die ganze Struktur der Gemeinden wird sich ändern und mit ihr die seelische Grundlage für das Wirken des Rabbiners Vevlorengehen. Der Rabbiner in der: Ostmarken vertrat bisher, wenn er nicht gerade extrem zionistisch gerichtet war, den Standpunkt, daß man, weil in Deutschland lebend und mit deutscher Kultur aufgezogen, dieser deutschen Kultur sich rückhaltlos anschließen müsse. Rein logisch gedacht müßte man nun im polnischen Land nicht bloß loyaler Staatsbürger sein, sondern so rückhaltlos dem polnischen Staat, seiner Sprache und Kultur sich anschließen, wie man das vom englischen, amerikanischen, deutschen, französischen Juden in seinem Staat fordert. Aber wer wird diese Wandlung vornehmen können? Dazu ist man innerlich doch zu fest ans Deutschtum gekettet und die polnische Pogromkuttur. zu stark kompromittiert. Man täusche sich aber nur nicht und erwarte, daß nun der Jude der Ostmarken auch weiter seiner Neigung folgend mit den Deutschenwerde gehen können und müssen. Erstens würde i h m das von seiten des polnischen Staates besonders übelgenvmmen werden, er würde wirtschaftlich zerrieben werden; und zu zweit zeigt sich heute schon in erschreckender Weise, daß die deutschen Kreise unbelehrt in ihrem blöden und verbohrten Antisemitismus den Juden geradezu wegstoßen lind als Deutschen minderen Grades behandeln. So wird, ob man will oder nicht, die Entwickelung dahin drangen, daß die Gemeinden sich allmählich polonisieren, zumal es sich ja um Bevölkerungsschichten handelt, die gewohnt sind, in der städtischen und sonstigen öffentlichen Verwaltung rktitzuarbeiten und der Landeskultur anzugehören, und daher aus politischen Gründen solchen Anschluß nicht werden missen wollen. Soll der Rabbiner, der doch der geistige Führer sein soll, nun zum Fahnenträger polnischer Kultur werden? Mit welchen inneren Kämpfen wird er das Gebet für den Polnischen Staat sprechen, er, der bisher im Namen der Gemeinde für das deutsche Vaterland betete! Wird er es überhaupt können? Beten ist doch eine Herzenssache und nicht konventionelle Erledigung eines Schemas. Soll er den Religionsunterricht polnisch geben? Denn das wird ja bald gefordert werden, das; in den Gesinnungsfächern Polnisch unterrichtet wird. Soll er polnisch predigen? Zum