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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-06-27 · Heft 26 (27.6.1919) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 26 (27.6.1919)
Date
1919-06-27
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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83. Jahrgang. Nr. 26 Berlin, 27. Juni 1910 Der Gemeindebote. Beilage zur „Allgemeinen Leitung deK IndentumK". lkorrrspondkNHen und Kachrichtrn. Seutschlgnd. E. U Berlin, 24. Ju>ni. Der vierte Delegier ten t-ag des Verbandes der jüdischen Jugendvereine Deutschlands vereinigte etwa 150 Delegierte der Verbandsvereine aus allen Teilen Deutschlands am 15. und 16. Juni zu einer Tagung im Logenhause. Im Mittelpunkt der Verhandlungen stand die Aussprache um den Tendenzparagraphen des bisher neutralen Verbandes. Dieser Aussprache war der erste Tag gewidmet, der eine überwältigende Mehrheit sür die Ausrechterhaltung der Neutralität ergab. Den Auftakt der Tagung bildete eine Trauerfeier sür die im Kriege gefallenen Vereinsmitglieder, bei der Landesrabbiner Dr. Rieger die Gedächtnisrede hielt. Stimmungsvolle Gesänge des Oberkantors Wilhelm Friedmann umrahmten die würdige Feier, an die sich die erste Sitzung des Delegiertentages anschloß. Rechtsanwalt Dr. Apfel (Berlin), der Verbandsvorsitzende, betonte in seinen einleitenden Worten, daß die jüdische Jugend mit einer tiefen Sehnsucht nach dem Judentum aus dem Felde he-ümgekehrt ist. „Akögen auch die Wege über mannigfaltige religiöse und nationale Pfade führen, so sollen sie doch alle zu dem einigenden Ziele der Vervollkommnung unserer Gemeinschaft und des einzelnen hinsühren. Der jüdische Kampf in Deutschland hat sich mit erneuter Schärfe um die Frage der Stellungnahme zum Zionismus kristallisiert. Diese Stellungnahme ist aber falsch. Der Prüfstein darf uns nicht die Frage sein: Wie stehst du zum Zionismus, sondern wie stehst du zum Judentum? Es kann für uns jemand ein glänzender Zionistenkümpfer, aber darum doch ein Jude sein, dem wir mit größtem Mißtrauen begegnen müssen. Die inneren Verhältnisse unter den deutschen Juden sind unklar und verworren. Vielfach wird behauptet, daß die deutschen Juden sich allmählich in zwei Teile geschichtet haben, von denen der eine sich um den Zentralverein, der andere um die zionistische Partei gruppiert. Diese Behauptung ist falsch. Trotz aller Parteidisziplin stellt der deutsche Zionismus keine feste Gruppe dar, da den zionistischen Maximalisten, die sich als Fremde in Deutschland fühlen, die große Menge derjenigen Zionisten gegenübersteht, die sich als warme Patrioten unseres Landes fühlen und betätigen. Der Zentralverein sammelt seine Anhänger auf dem gemeinsamen Boden des Deutschtums, ist aber ebensowenig eine geschlossene Gruppe. Das beweist am besten das Schicksal meines Antrages, dein in der Hauptsache durch Mitglieder des Zentrallvereins das Rückgrat gebrochen wurde. Ich behaupte auch, daß die überwältigende Mehrheit der deutschen Juden, und zwar nicht nur der Rabbiner und Lehrer, also der Verkünder des geistigen Judentums, insbesondere aber viele Brüder des Ordens Bne Brith, vor allem aber die meisten Anhänger der jüdischen Jugendbewegung und ein großer Prozentsatz der Zentralvereinsmitglieder, sich niemals nach einer Gruppierung orientieren werden, die lediglich nach der Devise: Hie Zionismus — hie Antizionismus handelt. Hier muß eine Verständigung kommen, die der jüdische Kongreß vorbereiten soll. Verhandlungen zwischen oem Zentralverein und den Zionisten haben ein gemeinsames Programm für den Kongreß zustande gebracht." Dr. Apfel besprach vann seinen Antrag, der. die bisherige Parteilosigkeit der Jugendvereme durch eine betonte, d e u t s ch - v a t >e r l ä n d i s cheTendenz ersetzen soll. „Mit der Bekundung deutsch-vaterländischer Gesinnung ist nicht die geringste Zionistenhetze verbunden; es liegt auch vom Standpunkt unserer Organisation nicht der geringste Anlaß vor, dem Zionismus nicht die gleiche warme Sympathie entgegenzuvringen wie jeder anderen Richtung, die ein bewußtes Judentum pflegt. Mit innigem Mitgefühl begleite ich die Palästinaarbeit. Jeder politische Rückschlag erfüllt mich mit Wehmut und bitter verhaßt ist mir das philistrche Lächeln. jener Juden, die sich über derartige Rückschläge freuen können. Palästina ist ein heiliges Land für jeden Juden. Und wenn heute Millionen Juden wieder ein Voilk sein wollen, so ist das eine Tatsache von ungeheurem Ernst, die dem Willen meiner Person und meiner Gesinnungsgenossen, die dem deutschen Volke zugchören wollen, nicht nachsteht." Da sich gegen diesen Progrannnwechsel eine lebhafte Opposition geltend gemacht Hatto, zog Tr. Apfel unter großem Beifall seinen Antrag zurück und beantragte, 8 1 in der alten Form zu belassen und ihn durch -einen § 2 zu ergänzen, der folgenden Wortlaut haben soll: >,Die Verbandsvereine erstreben die Pflege eines bewußten Judentums, vaterländischer Gesinnung und Einfluß auf die sittliche Führung und geistige Fortbildung ihrer Mitglieder durch die Vermittlung jüdischer und deutscher Kulturwerte. Der körperlichen Ertüchtigung der Mitglieder dient insbesondere eine dem Verbände angegliederte Wanderorganisntion. Bei den Veranstaltungen des Verbandes darf nichts geschehen, was gegen das jüdische Religivnsgcsetz verstößt." Vor Eintritt in die Debatte wurde eine von Dr. K r o m b a ch (Essen) eingebrachte Resolution, di!e es den Mitgliedern des Jugendverbandes zur Pflicht macht, die ganze Kraft für den Wiederaufbau Deutschlands einzusetzen, unter lebhaftem Beifall angenommen. Als erster Diskussionsredner wandte sich Felix Ate her (Frankfurt a. M.) gegen den Antrag Dr. Apfels, den er auch in der neuen Form als Verstoß gegen die bisher bewahrte Neutralität ablehnt. Lehrer Stein (Aachen) trat für den Antrag Apfel ein. Als Vertreter der G r o ß - löge mahnte Kommerzienrat Maximilian Stein zur Ausrechterhaltung der Neutralität. Wenn die jüdische Jugend ihre Vaterlandsliebe bekunden will,;fd bedarf es hierzu keinerlei Aenderung des Neutralitätsprinzips. Das Amoralische versteht sich von selbst. Es ist Sache der Zionisten, sich mit dieser Stellungnahme auseinanderzusetzen. Jede weitere Polemik gegen den Zionismus ist aber nicht Sache des Jugendverbandes. Fern von allem Zionismus und Nationalismus geht aber heute den Widerstrebenden die Wahrheit auf, daß die Juden der ganzen. Welt nicht n u r eine Glaubensgenofsenfchaft bilden, sondern -auch noch von einem Gememschaftsbewußtsein zusammengehalten sind, das in Abstammung, Rasse, Geschichte und Kultur besteht. Gewiß kann und soll die Jugend nicht parteilos sein. Aber unsere neutralen Jugendverbände müssen Schulen der Toleranz und Stätten objektiven AMeinungsaustausches sein und bleiben. Rechtsanwalt Dr. Jsi-Kahn trat für die unbedingte Neutralität ein. Er befürwortete die Kongreßidee und forderte die Einsetzung einer Palästinakommi'ssion. Als Vertreter des Zentralvereins führte Justizrat Brodnitz (Berlin) aus, daß der Verein in dieser Stunde em Bekenntnis zum Vater lande oblegen müsse. Der 8 2 bietet das rechte Mittel, allen Richtungen im Jngendbuud im Sinne wahrhafter Neutralität gerecht zu werden. Tr. Wolfheim (Erfurt) protestierte gegen das Verhalten des Aentralvereins, der durch seine -eigenen Jugendorganisationen die Neutralität gegenüber dem Verbände verletze und als Kampsverein auch keine Neutralität üben könne und dürfe. Redner faßt seine Ausführungen in der Forderung zusammen, die Neutralität durch Ablehnung des neuen Antrages Apfel ausrechtzuerhalten, für einen Kongreß mit gleichem Wahlrecht aller in Deutschland wohnenden Juden einzntreten und die Palästinaarbeit tätig zu fördern. Dr. Krombach (Essen) hält es für fraglich, ob der Antrag Apfel notwendig war, nachdem er aber einmal vorliegt, kann er nicht negiert werden, ohne den Anschein zu erwecken, daß der Verband die vaterländische Gesinnung ablehnt. Rabbiner Dr. Lew in (Leipzig) wendet sich gegen den Ausdruck „deutschvaterländisch", der durch die Alldeutschen und Antisemiten in der „Vaterlandspartei" während des Krieges in allen jüdischen Augen diskreditiert worden sei. Er empfiehlt, dafür die Bezeichnung „staatsbürgerlich" zu wühlen und von bangen Debatten hierüber abzusehen, die nur das Blut verwässern lvür.den, das aus den Schlachtfeldern von den Z-ionisten und ihren Gegnern vergossen wurde. Wir haben im Felde die Wiedergeburt des jüdischen Gemeinschaftsgefühls erlebt. Die unbedingte Neutralität muß diesem großen Erleben gerecht werden. Rechtsanwalt Dr. Curt Alexander warnt vor der Verkümmerung der Worte „deutsch-vaterländisch". Die Jugend will keine verwaschenen Begrase, sondern -ein klares Bekenntnis zum deutschen Baterlande. Dr. Cora Berliner (Berlin) stellt fest, daß über den die Neutralität gewährleistenden 8 1 keine Meinungsverschiedenheit besteht. Sie bittet, die Morte „deutsch-vaiterländisch" nicht ans dem Entwurf

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