Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1919)
- Date
- 1919-06-27
- Page
- Seite 288 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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288 — das wahre Leben, und nur das lebt, was in unserer Seele lebt. Der Gedanke vereint die Seele mit dem Allerhöchsten und deswegen hat sich der Mensch stets zu freuen, denn es ziemt sich nicht, vor dem König traurig zu sein, nur mit klarer Seele dürfen wir vor seinem Angesichte erscheinen ..." Der Baal Schem hat es noch erlebt, daß der König und sein Hof wiedererschienen, und warme Strahlen strömten durch das Fenster in das zum Betlokal umgewandelte Zimmer. Der Körper des Zaddik wurde aber immer schwächer, er konnte sich nur durch das Fenster an den Erscheinungen des Festes ergötzen, nur durch das Fenster konnte er still den die Blumen begrüßenden Segensspruch verrichten. Drinnen im Zimmer schwebte aber auch jetzt Festes Lust. Und als der große Sabbat vor Pessach herankam, der große Tag, an dem sich alle Segen verdoppeln und sämtliche Himmelszisternen sich füllen, konnte man bereits vom Antlitz des Zaddik erkennen, daß die Gnade der Gnaden kam, und jeder wartete neugierig auf die dritte Mahlzeit des Sabbats. „Die ganze Welt ist nur Gesang und Tanz vor dem Allerhöchsten. Das All ist 'lauter Lied, und jeder und alles gibt einen Ton dazu. Eine jede Seele ist eine Liederstimme, und jeder Buchstabe der Thora je eine Liederstimme. Und die höchste Wonne der Stimmen'ist, sich still und süß in das große Lied zu verschmelzen, das die Gnade des Königs aufmuntert. Wenn die Seele den Körper verläßt, löst sie sich in das Lied auf, und ihr höchstes Wohl ist es, wenn sie am Tage der Offenbarung, an welchem die Thora gegeben wurde, den Körper verlassen kann, denn da ist das All voll mit den Myrrhendüften der Buchstaben der Thora." Das sagte der Zaddik bei der dritten Mahlzeit, und wer ein hörendes Ohr und ein sehendes Auge hatte, konnte schon wissen, daß Baal Schern sich nur am Tage der Offenbarung von der Erdenwelt verabschieden werde. Bon der Zeit an war der Zaddik immer lustig. Süße Erregung saß in seinen Zügen, als bereitete er sich zu einer wunderschönen Reise vor. Und als er von Pessach bis Schabuot jeden Abend die Tage des Omer zählte, sagte er, obschon seine Stimme immer schwächer wurde, mit immer steigendem Eifer und Jubel die Gebete her. Von unendlicher Freude war er erfüllt, daß ihn nur einige Tage von dem großen Ziele trennten. Tie Tage bis zum Feste wurden immer weniger . . . fünf Tage . . . vier Tage ... drei Tage . . . zwei Tage. . . ein Tag. . . Schabuot Nacht, wenn die Braut sich ihre prächtigsten Kleider und glänzendsten Schmuck anzieht, auf daß sie in ihrer ganzen bezwingenden Schönheit vom Bräutigam das teuerste Hochzeitsgeschenk, die Thora, übernehme: diese Nacht, wo Bar Jochaj und seine Genossen zur Erde niedersteigen, um den prachtvollen Glanz der Kabala zu verbreiten, stand Baal Schem in neuen weißen Kleide vor der mit Blumen ltnb Kränzen voll behängten Bundeslade. Dort verrichtete er sein Gebet, und von der Bundeslade fielen duftende Blumenkelche auf das Haupt und auf die Schultern des Zaddik nieder. Die Thora bekränzte ihn auf seinem großen Weg . . . Nach dem Gebet erblaßte er plötzlich und sing zu taumeln an. Er winkte schnell einen Getreuen zu sich, und auf dessen Schulter sich stützend, ging er mit langsamen, zitternden Schritten zum Bett und siel dort nieder. Die am Tisch brennenden vielen Kerzen warfen ein wundersames Licht auf die weiße Gestalt des Zaddik, auf seine weißen Locken, auf sein weißes Gesicht, seinen weißen Bart und auf sein weißes Kleid. Alles war weiß an ihm, nur zwei schwarze Flammenstrahlen, die zwei flammenden schwarzen Augen des Zaddik. Tie Getreuen umgaben besorgt das Bett des Zaddik, betrachteten traurig sein todblasses Gesicht. Der eine fiel weinend auf den Rand des Bettes: „Meister, du willst uns verlassen . . .!" Der Zaddik blickte auf und sagte leise: „Sage das nicht! Ich verlasse euch nicht . . . Ich gehe an einer Türe hinaus und komme an der anderen herein . . . Aber auch dort überall bin ich mit euch, ich verlasse euch nicht..." Die Augen der Getreuen füllten sich mit Tränen. Der eifrige Jüngling aus Meseritsch fing laut zu schluchzen an. „Meister, der Tag der Offenbarung ist heute . . . An diesem Tage pflegst du hineinzuleuchten in die dunklen Geheimnisst. Oeffne den heiligen Rätseln« deine Lippen!" Der Zaddik hob seine Hand und legte sie auf den Kopf des Jünglings. „Sei gesegnet, junge Fackel! Von nun an wirst du das Licht in die Welt streuen." Der Blick der Getreuen wandte sich auf einen Augenblick gegen den wunderlichen Jüngling, dann horchten sie auf die leisen Worte des Zaddik. „Ich habe schon wenig Zeit. Ein Rätsel soll jedoch euch noch eröffnet werden ... „Der Fromme lebt in feinem Glauben", sagt die Schrift . . . wisset aber, daß auch der Ungläubige in seinem Glauben lebt. Er glaubt an sein Leugnen. Und die Hauptsache ist der Glaube. Es soll ein Glaube sein." Der Kopf des Zaddik fiel jählings zilrück. .Seine Augen schlossen sich, nach einigen Minuten öffneten sie sich wieder. „Sie kommen schon um mich . . . Oeffnet die Türe ... Bar Jochaj und seine Genossen steigen vom Himmel herab... Sie wollen« zu mir herein. Oeffnet die Türe! Sei gegrüßt Bar Jochaj . . . Heil dir! Du wundersames, heiliges Licht! Setze dich da neben mich, setzet ihr euch alle, ihr von der Glorie verklärten, heiligen Meister; wir gehen gleich." Der Zaddik schloß auf eine Weile wieder seine Augen, dann sprach er mit immer leiserer Stimme fort: „Sehet ihr dort kommen die wandernden irrenden Seelen? Sie kommen von allen Enden der Welt, sie irrten so lange und mall ließ sie nicht vor den Thron. Jetzt kommen sie, daß ich sie mitnehme. Kommet denn, ihr arme, waife Seelen: verziehen, gesühnt sind alle euere Sünden. Kommt, ich bringe euch zu den Quellen des Lichtes ..." Der Zaddik stockte plötzlich, griff mit zitternder Hand zum Herzen, und erst nach einigen Minuten konnte er mit leiser Stimme fortsetzen: „Meine Seele bereitet sich schon zum Wege. Sie nimmt schon Abschied vom Körper, verabschiedet sich von ihrer Hülle -- die ihre heilige Wohnstätte gewesen —, von jedem Glieds derselben besonders. Jetzt scheidet sie vom Herzen. Jetzt von der Hand." Die Hände des Zaddik fielen hinunter. „Jetzt scheidet sie von meinen Augen. Oeffnet die Bundeslade, mit dem letzten Blicke will ich die Thora sehen." Der Jüngling aus Meseritsch lief zur Bundeslade, schob den Vorhang zur Seite und öffnete die Tür. Die Getreuen wendeten sich alle hin, und von ihren fiebernden Lippen — als käme es aus einer Kehle — klang in tiefer Andacht das Gebet: „Unser Vater, unser Herr, öffne die Pforten des Himmels vor unseren Gebeten." Die Augen des Zaddik schlossen sich langsam, nur die Lippen bewegten sich noch kaum hörbar. „Jetzt verabschiedet sich meine Seele von meinen Lippen, sie küßt sie mit unendlich süßen Küßen. Kann noch immer nicht scheiden. Sehet eine flammende Feuersäule senkt sich vom Himmel herab . . . die Schechina. Sie küßt meine Seele weg. Kommet!" Der Jüngling aus Meseritsch sagte schluchzend das Totengebet. Und die Türe der heiligen Bundeslade hatte sich geschlossen.